„Mein Vietnam“ (2020)

Filmkritik: In dem Dokumentarfilm „Mein Vietnam“, der seine Weltpremiere in Toronto auf dem Hot Docs Festival feierte und beim 42. Filmfestival Max Ophüls Preis 2021 im Wettbewerb lief, berichtet das Filmemachergespann Thi Hien Mai und Tim Ellrich von einem Ehepaar, das seit Jahren in Deutschland lebt, aber durch die stetige Verbindung zu ihrem Heimatland stets auch weiterhin dort stark verwurzelt sind.

Das Ehepaar Bay und Tam sind vor dreißig Jahren nach Deutschland gekommen und leben in München ein zurückgezogenes Leben. Sie gehen ihrer Arbeit nach, treffen ihre Tochter und verbringen die meiste Zeit in ihrer Wohnung. Dabei ist ihnen stets wichtig, die Verbindung nach Vietnam, wo viele Verwandte und Freunde leben, zu halten. So ist der Laptop in vielen Situationen wie beim Essen dabei, regelmäßig gibt es Karaokeabende, aber auch wenn in der Heimat etwas Schlimmeres passiert, können sie nur virtuell vor Ort sein. Nach und nach stellt sich bei ihnen die Frage, ob sie in ihre Heimat zurückkehren sollten.

Die Viet-Community in Deutschland ist groß. Die meisten Familien sind dabei vor vielen Jahren nach Deutschland gekommen, arbeiten hier und ihre Kindergeneration wuchs ihr auf. Doch wie sieht das Leben hinter den verschlossenen Türen aus? Wie wohl fühlen sich die nach Deutschland gekommenen Vietnamesen in ihrer neuen Heimat? Diesen Blick erlaubt nun der 70-minütige Dokumentarfilm „Mein Vietnam“. Die Kunstpädagogin Thi Hien Mai (*1989), welche im Deutschen Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt arbeitet, hat zusammen mit dem Filmemacher Tim Ellrich (*1989), den man aufgrund vieler Kurzfilme wie „Die Badewanne“ (2016), „Am Fenster“ (2016) und „Sara the Dancer“ (2017) bereits kennt, das Leben ihrer Eltern auf Film gebannt. Dabei haben sie über einen längeren Zeitraum die Eltern besucht und in ihrem Alltag gefilmt. Wegen der häufigen Live-Verbindung nach Vietnam waren die beiden die Beobachtung durch eine Kamera gewöhnt und so schafft es das Filmemacher-Gespann das Leben vor Ort unverfälscht einzufangen. Mit festen Kamerastandorten fängt der Kameramann Ellrich den Alltag des Ehepaares ein und so lernen die ZuschauerInnen die beiden Stück für Stück besser kennen. Während sich Bay nach ihrer Heimat sehnt und am liebsten nach Vietnam zurückkehren will, hat sich Tam hier, vor allem in seinem kleinen Kosmos gut eingerichtet. Das zurückgezogene Leben was die beiden führen, wobei sie meist auf sich selbst zurückgeworfen sind, trifft dabei auf viele Menschen zu, die sich in diesem Film wiederfinden können. So erzählt der Film nicht nur die Geschichte von einem Leben zwischen zwei Kulturen, sondern auch von der Einsamkeit des Alterns. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, bleibt oft nur der Partner/die Partnerin und so richten sich viele Paare in ihrer kleinen Welt ein. All das steckt in dem einfühlsamen Portrait von Thi Hien Mai und Tim Ellrich. Dieses kann die ZuschauerInnen berühren und ermöglichen eine intime Einsicht, welche den eigenen Blick auf solche soziale und gesellschaftsrelevante Themen noch einmal schärft.

Fazit: In „Mein Vietnam“, einem Dokumentarfilm von Thi Hien Mai und Tim Ellrich, lernen wir das Ehepaar Bay und Tam kennen, welches seit nunmehr 30 Jahren in Deutschland lebt, aber trotzdem stets eine Verbindung nach Vietnam hält und so ständig zwischen zwei Kulturen und Welten lebt. Auch erzählt der Film auf intime Weise von der Einsamkeit des Alters und der Sehnsucht nach einem vergangenen Leben. All das fangen die FilmemacherInnen in gelungenen Bildern ein und blicken so in ein Leben, was sonst hinter verschlossenen Türen ungesehen bleibt.

Bewertung: 8/10

Trailer zum Film „Mein Vietnam“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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