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Interview: Im Gespräch mit dem französischen Cutter und Regisseur Joris Laquittant über seinen eigenen Kurzfilm „The Beast“ (OT: „La Bête“) erfahren, der im ‚Shock Block‘-Programm des 24. Landshuter Kurzfilmfestival 2024 lief, welche Themen und Genre in seine Geschichte einfließen, welche Filme und Filmemacher:innen ihn inspirieren und ob er in Zukunft auch weiterhin als Regisseur arbeiten wird.
The original english language interview is also available.
Wie ist die Idee zu dem Kurzfilm entstanden? Spielen eigene Kindheitserinnerungen mit rein?
Der Film ist nicht autobiografisch, denn das, was gezeigt wird, ist rein fiktiv. Dennoch wollte ich eher Empfindungen als Fakten aus meiner eigenen Kindheit auf dem Lande heraufbeschwören. Als Kind erlebte ich das Gefühl der Angst, mich während einer Wildschweinjagd in den Maisfeldern zu verirren, mit der Befürchtung, dass eine Bache mich angreifen würde, um ihre Kleinen zu beschützen, weil die Erwachsenen sich einen Spaß daraus machten, den Kindern einen Schreck einzujagen. Was den Film letztlich durchdringt, ist eine Form von Universalität: die Angst und das Unverständnis, die wir als Kinder angesichts der Handlungen oder Worte der Erwachsenen empfinden können.
Ich finde, dass Dein Film eine Mischform aus Drama, Coming-of-Age und Genre ist. Worauf hast Du erzählerisch Wert gelegt?
Ich entscheide nicht, ob ich mich auf ein bestimmtes Genre konzentriere oder nicht. Es ist die Geschichte, die ich erzählen möchte, die mich leitet. Ich persönlich habe Lust auf Fantasy, vor allem weil es meiner Meinung nach das Genre ist, das am stärksten mit der ersten Erfahrung des Publikums verbunden ist. Die der Kindheit, der Entdeckung des Kinos und der Emotionen, die es auslösen kann: Angst, Faszination, Aufregung, das Wunderbare. Ich wollte eine Geschichte aus der Perspektive eines Kindes erzählen, ich wollte mich ständig in seine Sichtweise versetzen, sowohl visuell als auch durch den Ton. Je mehr wir uns in seine Sichtweise hineinversetzen, desto mehr schlüpfen wir in seine Fantasie, in seinen Geist und damit in das Fantastische. So entwickelt sich der Film natürlich allmählich vom Realismus zur Fantasie. Es ist in der Tat ein Coming-of-Age-Film im Sinne, dass die Figur einen Übergangsritus durchlebt, aber ich persönlich ziehe es vor, von einem Film über den Verlust des Alters zu sprechen. Er verliert die Unschuld der Kindheit, sie wird ihm genommen. Die Idee des Erwachsenwerdens selbst impliziert, dass dieser Übergang notwendigerweise positiv ist. Ich persönlich glaube, dass wir mehr verlieren als gewinnen, wenn wir die Naivität der Kindheit verlieren.
Was lag Dir visuell am Herzen? Referenzierst Du auf andere Filme oder Kunstwerke?
Natürlich, denn ich denke, dass man keine Filme macht, ohne sich auf andere zu beziehen. In Zusammenarbeit mit dem Kameramann Plume Fabre haben wir systematisch kinematografische Referenzen ausgetauscht, manchmal für eine allgemeine Atmosphäre, manchmal nur für eine Einstellung. Aber wir wussten, dass wir keinen Tributfilm machen wollten, es ist keine ‚Hommage‘. Die visuelle Identität des Films ist eine Kreuzung aus unseren Einflüssen als Filmliebhaber, aus dem, was uns zu Kinoliebhabern und nun zu Profis gemacht hat. Einerseits das französische Kino der 70er Jahre, nicht das der Nouvelle Vague, sondern das von Jean-Pierre Mocky, Serge Leroy, Yves Boisset, Claude Chabrol. Ein Kino, das sich mit der französischen Ländlichkeit auseinandersetzt und sich manchmal nicht scheut, in ihre Fremdartigkeit einzutauchen. Auch der britische Folk-Horror, „The Wicker Man“ zum Beispiel. Und dann natürlich das amerikanische Kino der 80er und 90er Jahre, von Spielberg und all den Produktionen mit dieser besonderen Amblin-Stimmung. Und auch all die Kinder, die dieses Kino später hervorgebracht hat, von Shyamalan bis Jeff Nichols. Wenn man einen Film macht und Referenzen verwendet, versucht man natürlich zu verstehen, wie sie solche Aufnahmen gemacht haben und wie man mit seinen finanziellen Mitteln bescheiden an sie herangehen kann. Aber mehrmals während der Dreharbeiten haben wir uns mit der Filmcrew gesagt, dass wir nicht unbedingt lange suchen müssen, weil diese Filme unser Nährboden sind. Wir sind mit ihnen aufgewachsen, sie haben unseren Geist als Zuschauer total geprägt. Ich verdanke „E.T.“ meine ersten Tränen vor einem Film und meine ersten Ängste bei „Jurassic Park“. Diese Filme sind Teil meiner DNA. Und das war auch bei vielen Teammitgliedern der Fall, weil wir alle im gleichen Alter sind.
Der Cast ist sehr gut gewählt. Wie hast Du ihn und nach welchen Kriterien zusammengestellt? Wie war es mit dem jungen Hauptdarsteller zusammenzuarbeiten?
Das Casting des jungen Schauspielers und das der übrigen älteren Schauspieler sind vom Ablauf her sehr unterschiedlich. Für die erwachsenen Schauspieler haben wir kein Casting veranstaltet, sondern ihnen die Rollen direkt angeboten. Die Rolle des Benjamin (der Cousin) habe ich speziell für Igor Van Dessel geschrieben, einen fabelhaften jungen belgischen Schauspieler, den wir vor allem in „Close“ (Lukas Dhont) gesehen haben. Michel Masiero (Der Großvater) und Marie Berto (Die Großmutter) habe ich in mehreren Filmen gesehen und kannte daher ihre schauspielerischen Fähigkeiten. Ich habe ihnen die Rollen einfach angeboten, sie haben sofort zugesagt.
Beim Casting von Kindern war das ein ganz anderer Prozess. Es dauerte viel länger. Ich wusste, dass es entscheidend war, das richtige Kind zu finden, das gut schauspielern kann, aber auch in der Lage ist, die Themen des Films zu verstehen und sie zu verkörpern. Wir haben uns etwa dreißig Kinder angesehen, und schon beim ersten Vorsprechen stach Lysandre Robic heraus. Er hatte etwas, was viele andere nicht hatten: Spontaneität. Er hat sich nicht verstellt, er hat sich nicht wie ein junger Schauspieler“ verhalten, er hat sich wie ein Kind verhalten, das mit seinem kleinen Bruder im Garten spielt. Das hat mir sehr gut gefallen. Wenn man ein Kind castet, führt man gleichzeitig eine Art Doppel-Casting durch, indem man auch die Eltern castet.Viele Eltern von jungen Schauspielern sind meiner Meinung nach nicht unbedingt sehr ethisch, sie zwingen die Kinder gewissermaßen dazu, kleine Stars zu werden, sie projizieren unerfüllte Wünsche nach einer Schauspielkarriere auf sie. Die Eltern von Lysandre waren auch großartig, sehr beschützend, aufmerksam und engagiert. Das war beruhigend, weil es für ein Kind wichtig ist, eine emotionale Bezugsperson zu haben, auf die es sich während der Dreharbeiten verlassen kann.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich komme nicht aus dem sozialen Umfeld, aus dem man kommen sollte, wenn man in der Filmindustrie arbeitet. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, in einem kleinen Dorf mit 300 Einwohnern, mit Arbeitereltern. Ich hatte das Glück, eine Art planetarische Konstellation zu erleben, die es mir heute ermöglicht, von meiner Leidenschaft zu leben. Ich hatte zum ersten Mal die Gelegenheit, an einem Gymnasium mit einem Filmclub teilzunehmen. Das war mehr als nur eine Aktivität, denn die Benotung zählte für das Abschlussdiplom. So konnte ich dann an der Universität Kino studieren und kam dann an die Pariser Filmschule La Fémis, die zu den besten der Welt gehört, wo ich meinen Hauptberuf erlernte, nämlich Cutter. Seit dem Abschluss der Schule bin ich Leitender Cutter bei französischen und internationalen Spielfilmen: „Gold for Dogs“ (Anna Cazenave Cambet, 2019), „We Are Zombies“ (RKSS, 2023) und „Wake Up“ (RKSS, 2023). Filme zu machen ist eine Art Nebenbei-Abenteuer. Ich hatte schon während meines Studiums in La Fémis einige Filme gedreht, und so lernte ich Arnaud Bruttin kennen, der dort ebenfalls als Produzent studierte. Er bot mir an, bei einem Film Regie zu führen, als wir rauskamen, und so haben wir „The Beast“ gemacht.
Sind bereits neue Projekte geplant?
In den nächsten Monaten und im kommenden Jahr werden sich meine Projekte hauptsächlich auf den Schnitt von Filmen anderer Regisseure konzentrieren. Im Oktober werde ich mit dem Schnitt des zweiten Spielfilms von Anna Cazenave Cambet, „Love me Tender“, beginnen. In der Zwischenzeit werde ich zwei Kurzfilme mit zwei Filmemachern schneiden, denen ich treu bin. Was das persönliche Projekt betrifft, bei dem ich Regie geführt habe, entwickle ich eine Dokumentarserie auf der Grundlage von Archivbildern, die einer sehr berühmten französischen Sängerin gewidmet ist. Außerdem habe ich eine kleine Idee für eine Zeichentrickserie, die sich aber erst im Anfangsstadium befindet.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Beast“
Interview: In our conversation with the French editor and director Joris Laquittant about his own short film „The Beast“ (OT: „La Bête“), which was shown in the ‚Shock Block‘ program of the 24th Landshut Short Film Festival 2024, which themes and genres flow into his story, which films and filmmakers inspire him and whether he will continue to work as a director in the future.
How did the idea for the short film come about? Do your own childhood memories play a role?
The film is not an autobiographical film because what is shown is purely fictional. Nevertheless, I wanted to evoke sensations rather than facts, from my own childhood in the countryside. As a child, I experienced the feeling of fear of being lost in the cornfields during a wild boar hunt, with the fear that a female would attack me to protect these little ones, because the adults were having fun telling children to scare them. Ultimately what infuses the film is a form of universality: the fear and incomprehension that we can feel as children, when faced with the actions or words of adults.
I think your film is a mixture of drama, coming-of-age and genre. What did you focus on narratively?
I don’t decide to focus on one genre over another. It’s the story I want to tell that guides me. I personally have an appetite for fantasy, as a spectator, mainly because it is, in my opinion, the genre most connected to the initial spectator experience. That of childhood, of the discovery of cinema and the emotions it can generate: fear, fascination, excitement, the marvelous. I wanted to tell a story from a child’s perspective, I wanted to continually be in his point of view, both visually and by sound. The more we enter into his point of view, the more we slip into his imagination, into his mind, and therefore into the fantastic. So naturally, the film gradually evolves from realism to fantasy. It is indeed a coming-of-age movie in the sense that the character experiences a rite of passage, but I personally prefer to speak about a losing-of age movie. He loses the innocence of childhood, it is taken away from him. The very idea of coming-of-age implies that this passage is necessarily positive. Personally, I think we lose more than we gain by losing the naivety of childhood.
What was important to you visually? Do you reference other films or works of art?
Of course, because I think that we don’t make films without referring to others. In working with the cinematographer, Plume Fabre, we systematically shared cinematographic references, sometimes for a general atmosphere, sometimes only for a shot. But we knew we didn’t want to make a tribute film, it’s not an „hommage“. The visual identity of the film is at the crossroads of our film-loving influences, of what made us as cinema lovers and now as professionals. On the one hand, French cinema of the 70s, not that of the « Nouvelle Vague », but that of Jean-Pierre Mocky, Serge Leroy, Yves Boisset, Claude Chabrol… A cinema that addressed French rurality, which was sometimes not afraid to delve into its strangeness. The British Folk Horror too, The Wicker Man for example. And then of course, American cinema of the 80s and 90s, from Spielberg and all the productions with this Amblin special mood. As well as all the children that this cinema subsequently produced, from Shyamalan to Jeff Nichols. Of course, when you make a film and you use references, you try to understand how they made such shots, and how with your financial means you could approach it, modestly. But several times during filming, we told ourselves with the film crew that we didn’t necessarily need to search for long, because these films are our breeding ground. We grew up with them, they totally shaped our mind as spectators. I owe to E.T my first tears in front of a film, and my first fears at Jurassic Park. These films are part of my DNA. And that was also the case for a lot of the team members because we were all the same age.
The cast is very well chosen. How did you put it together and according to what criteria? What was it like to work with the young lead actor?
The casting of the young actor and that of the rest of the older actors are very different in terms of process. Concerning the adult actors, we did not organize casting auditions, we offered them the roles directly. I specifically wrote the role of Benjamin (the Cousin) for Igor Van Dessel who is a fabulous young Belgian actor who we notably saw in Close (Lukas Dhont). Concerning Michel Masiero (The Grandfather) and Marie Berto (The Grandmother) I had seen them in several films and therefore knew their acting abilities. I simply offered them the roles, they immediately accepted.When it came to casting children, that was a whole different process. Much longer. I knew it was crucial to find the right child, capable of acting well, but also able to understand the issues of the film and embody them. We saw around thirty children, and from the first audition, Lysandre Robic stood out as obvious. He had something that many others didn’t have: spontaneity. He didn’t calculate, he didn’t act like a „young actor“, he acted like a child playing in his garden with his little brother. I really liked that. At the same time, when you cast a child, you carry out a sort of double casting, also casting the parents. Many parents of young actors are not necessarily very ethical in my opinion, they somewhat force the children to become little stars, they project unfulfilled desires for a career in acting onto them. Lysandre’s parents were also great, very protective, aware and involved. This was reassuring because it is important for a child to have an emotional reference on whom to rely on during filming.
Can you tell me a bit more about yourself and how you came to making films?
I don’t come from a social background that you’re supposed to come from when you work in the film industry. I grew up in the countryside, in a small village of 300 people, with worker parents. I was lucky to have experienced a sort of planetary alignment, which today allowed me to make a living from my passion. I first had the chance to join a high school that had a cinema club. More than just an activity, since the grading counted for the final diploma. Thanks to this, I was then able to study cinema at the university, then I joined La Fémis, the Parisian film school among the best in the world, where I learned my main profession which is editor. Since leaving school, I have been chief editor on French and international feature films: Gold for Dogs (Anna Cazenave Cambet, 2019), We Are Zombies (RKSS, 2023) and Wake Up (RKSS, 2023). Making films is a kind of side adventure. I had already made a few films during my studies at La Fémis and that’s how I met Arnaud Bruttin, who was also studying there as a producer. He offered to direct a film when we came out, which is how we made „The Beast„.
Are there any new projects planned?
For the next few months and the coming year, my projects will mainly focus on editing films by other directors. I will start editing Anna Cazenave Cambet’s second feature film, „Love me Tender“, next October. In the meantime, I am going to edit two short films with two filmmakers to whom I am loyal. As for the more personal project that I directed, I am developing a documentary series based on archive images, dedicated to a very famous French singer. I also have a small idea for an animated series which is only in its embryonic state.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „The Beast„




