„Berlin Alexanderplatz“ (2020)

Filmkritik: Der Regisseur Burhan Qurbani, den man u.a. für durch seinen Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ (2014) kennt, wagt sich mit seinem vierten Spielfilm „Berlin Alexanderplatz“ (OT: „Berlin Alexanderplatz“, Deutschland, Niederlande, Frankreich, Kanada, 2020) an eine Neuinterpretation von Alfred Döblins gleichnamigem Roman aus dem Jahr 1929 und holt die Geschichte ins Hier und Jetzt.

Francis (Welket Bungué) strandet nach seiner Flucht aus seiner Heimat Guinea-Bissau in Berlin und beschließt, ab jetzt ein gutes Leben zu führen. Doch so einfach ist es nicht und als ihm immer mehr Steine in den Weg gelegt werden, folgt er dem Ruf des windigen Reinholds (Albrecht Schuch), der ihn als Drogendealer einsetzt. Auch nach diversen Zwischenfällen hält Francis, der sich ab jetzt Franz nennt, an dieser Verbindung fest, die ihn immer mehr ins Elend stürzt. Erst als er Kitty (Jella Haase) kennenlernt, möchte er ein normales und vor allem gutes Leben aufbauen, doch sich von Reinhold zu lösen, scheint unmöglich.

Albrecht Schuch und Welket Bungué

Ursprünglich wollte sich der deutsche Regisseur Burhan Qurbani (*1980), der afghanische Wurzeln hat, mit dem mittlerweile fast klassischen Bild von Dealern in deutschen Parks beschäftigen und damit auch dem oft im Kopf stattfindenden Gleichsetzen von Schwarzen und Drogendealern entgegenwirken. Da er sich aber sicher war, dass so ein Film sang- und klanglos versinken würde, nahm er sich den Roman „Berlin Alexanderplatz“ aus dem Jahr 1929 von Alfred Döblin vor. Er beschreibt in dem Roman, der in 9 „Bücher“ aufgeteilt ist, wie der Lohnarbeiter Franz ein gutes Leben führen will, aber immer wieder scheitert und an der Gesellschaft zerbricht. Bereits 1931 wurde der Roman unter der Regie von Piel Jutzi das erste Mal verfilmt. Besonders im Gedächtnis blieb die 13 Folgen umfassende Serie von Rainer Maria Fassbinder, die 1980 ausgestrahlt wurde. Qurbani bleibt der Vorlage auch in seiner Struktur und der Botschaft treu, verlegt die Geschichte aber in die Gegenwart und aus dem entlassenen Häftling wird der Geflüchtete, der in Deutschland ein neues Leben beginnen will. Seine Hauptfigur stammt aus Guinea-Bissau und folgt dem falschen Weg, was ihn zu einem jener schwarzen Drogendealer macht, die sich in das Bild der Gesellschaft eingeprägt haben. So schafft es der Regisseur Qurbani, der zusammen mit Martin Behnke das Drehbuch geschrieben hat, einerseits dem Roman eines neues Gewand zu geben und andererseits sein eigentliches Thema einzubauen. Dafür lässt er sich Zeit und erzählt in 183 Minuten die Geschichte von Francis, der gut sein will, aber es in diesem heutigen Berlin nicht schafft. Dabei verwendet er eine gediegene, ruhige Erzählweise, die selten an Tempo zulegt. Er nimmt sich die Zeit, seine Figuren zu ergründen, auch wenn ihm das leider nicht immer vollends gelingt. Vor allem bei seiner Hauptfigur Francis fühlt man sich als Zuschauer oft ratlos, da er die Auswege, die sich ihm immer wieder bieten, zu ignorieren scheint. 

Welket Bungué und Jella Haase

Die größte Stärke, aber auch die größte Schwäche liegt in der Besetzung der Rollen. Der guinea-bissauisch-portugiesische Schauspieler Welket Bungué lässt zu wenig hinter seine gutaussehende Fassade schauen – so richtig erschließt sich so Francis Triebfeder nie. Auch seine Freundin Kitty, gespielt von der eher weniger überzeugenden Jella Haase („Fack ju Göhte“-Reihe (2013, 2015 und 2017), „Die Goldfische“ (2019)) hilft nicht beim Austarieren seiner Persönlichkeit. Doch Albrecht Schuch, der für „Systemsprenger“ (2019) den Deutschen Filmpreis 2020 als ‚Beste männliche Hauptrolle‘ gewonnen hat und für seine Rolle als Reinhold ebenfalls auch hier in der Kategorie ‚Beste männliche Nebenrolle‘ gewann, dominiert alle Szenen, in denen er vorkommt. Die Entwicklung vom schleimigen, buckligen Handlager hin zum Strippenziehender, dem unsere Hauptfigur nicht entkommen kann, ist fantastisch und gruselig zugleich. Schuch liefert hier eine überragende Leistung ab, die dem Film eine starke Kraft verleiht. Gedreht wurde in Berlin, doch Qurbani entschied sich dafür, nicht das bekannte, belebte Berlin (bis auf ein Paar Szenen am Alexanderplatz) zu zeigen, sondern verlagerte seine Geschichte vor allem in Parks, Wäldern, leere Gassen und baufällige Wohnungen. Nur selten wird das Großstadtleben selbst ein Teil der Geschichte. Die Optik und die Geschichte spielen wunderbar zusammen, doch das Problem, dass ein Gefühl von Länge entsteht, vor allem durch das Unverständnis für die Handlungen des Hauptcharakters, bleibt bestehen. Doch trotz allem ist dem Regisseur Qurbani eine interessante, in die Gegenwart versetzte Neuauflage des Stoffes von Alfred Döblin gelungen, die ohne Scheu auf aktuelle Missstände hinweist und auch Lust macht, den Romanklassiker für sich zu entdecken.

Jella Haase und Welket Bungué

Fazit: Auf Grundlage des bekannten Romans von Alfred Döblin schuf der deutsche Regisseur Qurbani seinen neuesten Spielfilm „Berlin Alexanderplatz“, der passenderweise auf der Berlinale 2020 seine Weltpremiere feierte. Er verlegt die Handlung in die heutige Zeit und erzählt, wie aus einem illegalen Immigranten ein Drogendealer wird. Dabei umschifft er Klischees, überträgt die Vorlage gekonnt und zielt ins Herz der deutschen Gesellschaft. Doch leider schafft er es nicht vollends ein Gefühl für die Figuren herzustellen, welche teilweise großartig besetzt sind, so dass etwas an Stimmung und Spannung verloren geht und ein unnötiges Gefühl von Länge entsteht, obwohl der Film genug Kraft und Mitteilungsbedürfnis für seine 183 Minuten besitzt. So verspielt Quarbani die Chance in den Kern der Sache vorzustoßen und darüber hinaus ein Publikum auf seine Seite zu ziehen, kann aber trotzdem solide Unterhaltung mit seiner neuen Version von „Berlin Alexanderplatz“ liefern.  

Bewertung: 6,5/10

Kinostart: 25. Juni 2020 / DVD-Start: noch unbekannt

Trailer zum Film „Berlin Alexanderplatz“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

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