Acht Fragen an Pavel Mozhar

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Interview: Im Gespräch mit dem Regisseur Pavel Mozhar konnten wir mehr über seinen starken Kurzfilm „Handbuch“ erfahren, der auf dem 64. DOK Leipzig seine Weltpremiere feierte, warum er sich dem Thema – die Verhaftungswelle nach den Demonstrationen in Belarus – annahm, eine andere Form wählte und wie er die Interviews zu einem Kurzfilm zusammenbrachte. 

Der Ausgangspunkt für Deinen Film beschreibst Du selbst im Film – wie schnell war Dir klar, dass Du Dich dem Thema filmisch nähern willst?

Eigentlich ziemlich schnell, also so ein paar Wochen nach diesen Ereignissen Anfang August 2020. Als ich angefangen habe, diese Interviews mit den Opfern und den Augenzeugen zu lesen, haben sich diese nicht wie einzelne Interviews gelesen, sondern wie ein großes Interview, weil die Prozesse wirklich sehr, sehr ähnlich klangen: Erst die Verhaftung, dann der Gefängnistransporter, die Positionsanweisungen darin (auf dem Boden liegen, nicht sitzen) dann das Rausgeführtwerden wieder mit Schlägen und so weiter. Es hat sich so gelesen, als ob wirklich tausende von Menschen eigentlich genau das Gleiche erlebt haben. Und dann merkt man natürlich, wenn das im ganzen Land so passiert bei diesen hunderten Interviews, dann müssen dafür ja auch hunderte, tausende Polizisten ausgebildet werden, die das ja alles ausführen. Und wenn die so einheitlich ausgebildet wurden, dann muss es ja ein Handbuch, eine Anleitung, geben, nach der man in diesen drei Tagen mit den Protestierenden vorgeht. 

Und der eigentliche Schock für mich war, dass es wirklich in Belarus und natürlich auch in anderen Ländern Menschen gibt, die auf offizieller staatlicher Ebene systematisch darüber nachdenken, wie man Menschen brechen kann, und zwar so, dass sie nie wieder Lust bekommen, auf die Straße zu gehen um zu demonstrieren. Genau das war die Absicht der belarussischen Staatsführung, die Protestierenden in den ersten Tagen schon so abzuschrecken, dass sie nie wieder ihre Stimme erheben. Dafür haben sie einen Plan erarbeitet – eine systematische Operation. Und meine These ist, dass sie dafür ein Handbuch benutzt haben müssen, um diese Tausende junge Polizisten vorzubereiten, dafür vielleicht sogar extra auszubilden und auf die Straßen zu schicken. 

Wie ging es dann weiter? Du hast im Vorfeld viel recherchiert, oder?

Ich habe insgesamt 220 Interviews gelesen und sie dann ausgewertet. Daraus habe ich das System gebastelt und die einzelnen Vorgänge und Handlungsanweisungen strukturiert. Danach habe ich dann die Aussagen aus einzelnen Interviews rausgezogen und in mein Drehbuch passend eingebaut. Danach habe ich das ins Deutsche übersetzt und so nach und nach zusammen mit dem Produzenten das Drehbuch aufgebaut, was aus den Aussagen und den Verlauf von der Verhaftung bis zur Freilassung, dem Fließband der Gewalt, aufgebaut ist.

Dann habe ich Filme geschaut und Bücher gelesen, welche alle in die gleiche Richtung gehen. Ein Buch, was mir gerade einfällt, ist „Die Ermittlung“ von Peter Weiss. Es ist ein Theaterstück, was auf Zeugenaussagen der KZ-Überlebenden basiert. Es war eins der härtesten Bücher, die ich jemals gelesen habe, da es detailliert die Grausamkeiten beschreibt. Ich musste das Buch mehrmals weglegen. Da habe ich beschlossen, dass der Film nicht so sein soll. Wenn es beim Film zu krass wird, springt ein Selbstschutzmechanismus bei den Zuschauern an. Dann distanziert er sich davon. Das wäre fatal, denn dann würde der Zuschauer nach dem Verlassen des Kinosaals nicht mehr darüber nachdenken. Wir wollten ja die Aufmerksamkeit für das Thema wecken. Deswegen mussten wir den Film kühl, rational und ohne jegliche Aggression und Brutalität halten. Die Interviews allein sind schon hart genug. Dafür hilft auch das Element der Entfremdung, so gibt man den Zuschauern die Möglichkeit selbst zu visualisieren. 

Der aus dem Off gesprochene Text ist ein Konglomerat aus vielen Berichten. Wie hast du ihn zusammengestellt? Wie schwer war es, ihn auf nur 30 Minuten einzudampfen? 

Wie bereits erwähnt, habe ich diese 220 Interviews gelesen und daraus das Skelett aufgebaut, in dem die Insassen die verschiedenen Stationen durchlaufen. Für jede Station habe ich mir dann die passenden Sätze (oder Aussagen) aus den Interviews gezogen. Wenn es mehrere gab, welche die gleiche Situation beschreiben, habe ich den gewählt der bildhafter oder schärfer wirkt. Dabei habe ich nie einen Satz verändert, sondern den Besten ausgewählt, welcher am prägnantesten ist. Das habe ich in zwei Wochen zusammen mit dem Produzenten erarbeitet. Danach folgte die Übersetzung und wir schauten nochmal, ob es gut zusammenpasste. So entstanden ungefähr sieben Fassungen. Das Eindampfen kam dann noch einmal mit dem Schnitt, wenn wir merkten, dass es zu viel Text für diese oder jene Situation war. Wir brauchten Rhythmus und Atmosphäre. So haben wir im Schnitt in einer zweiten Runde nochmal aussortiert. Der Zuschauer sollte mit der Stimmung und nicht nur mit zu vielen Informationen angesprochen werden. 

Erzähl mir mehr zu den Sprecherinnen?

Es war nicht so leicht, in Berlin einen russischsprachiges Sprecher und eine Sprecherin zu finden, die ein sauberes, neutrales Russisch ohne Akzent sprechen. Das hat in der Tat ziemlich lange gedauert. Wir haben mehrere Aufnahmen gemacht um die zwei Stimmen zu finden, welche auf dem gleichen Niveau miteinander funktionieren, bei der keine stärker oder schwächer ist, sondern sich ergänzen. Die Frauenstimme haben wir schnell gefunden. Die Suche nach der Männerstimme, welche dann zu der Männerstimme passt, hat dann noch eine Weile gedauert. 

Die visuelle Gestaltung ist einfach, aber enorm wirkungsvoll. Wie kam es zu dieser Ausgestaltung, welche den harten Schilderungen eine beinah spielerische Komponente hinzufügt?

Wie bereits erwähnt, hätten wir die passenden Bilder für die Berichte gezeigt, hätte das kein Mensch länger ausgehalten. Es wird ja detailliert über jedes Grauen, wie Blut an den Wänden, Vergewaltigung, ausgeschlagene Zähne usw. berichtet. Da diese Sachen aber nicht immer vorkamen, also nicht systematisch waren, haben wir sie außen vor gelassen. Das hatte zweierlei Gründe. Erstens, wollten wir jegliche Spekulation vermeiden – deshalb musste alles raus, was nicht einen systematischen Charakter besaß. Zweitens, wollten wir keinen Hammerschlag auf den Kopf, sondern, dass der Film langsam in die Zuschauer kriecht und so seine Wirkung entfaltet. Wir wollten keinen Hammerschlag auf den Kopf, sondern, dass der Film langsam in die Zuschauer kriecht und so seine Wirkung entfaltet. Deswegen nehmen wir uns so stark zurück, so dass die Visualisierungen im Kopf passieren. Da es sich ja um ein Modell für den Umgang mit den Insassen handelte, durfte keine Gewalt sichtbar sein, sondern die sollten respektvoll miteinander umgehen. Wegen der spielerischen Komponente: Uns war wichtig, dass der Film nicht mit dem Schmerz dieser Menschen spielt. Deswegen sollten auf keinen Fall schöne Bilder geschaffen werden. So gibt es hier keine Kamerafahrten oder zu schöne, zu ästhetisch ausgeleuchtete Aufnahmen. Es gab sogar die Überlegung eine Amateurkamera zu verwenden, da es exakt so aussieht wie ein selbst gefilmtes Lernvideo. Einfach musste es sein und jeglichen Glanz haben wir vermieden. Alles andere wäre unmoralisch gewesen.

In welchem Rahmen und über welchen Zeitraum hinweg ist der Film entstanden? Wie groß war Dein Team?

Ein Jahr war die Produktion von der ersten Idee im September 2020 bis zur Fertigstellung des DCPs [Anm. d. Red.: Vorführkopie] im September 2021. Darauf folgte die Premiere im Oktober.

Wir waren so ungefähr 10-15 Personen, die am Film gearbeitet haben. Aber beim Dreh waren wir nur zu viert oder fünft. 

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen, wie Du zum Film gekommen bist und wie es Dich nach Berlin verschlagen hat?

Zum Film gekommen bin ich über Umwege. Ich habe vorher Philosophie und Volkswirtschaft studiert. Gleichzeitig habe ich aber auch beim Film gearbeitet und habe gemerkt, dass mich diese künstlerische, kreative Arbeit mehr anzieht. So bin ich über Freunde da rein gekommen, habe dann ein paar Seminare besucht und erste eigene Filmchen gedreht. Da ich auch früher schon fotografiert habe, habe ich dann hier und da einen Job gemacht und konnte mich dann erfolgreich um einen Studienplatz an der Uni mit einem Dokumentarfilm bewerben. Dort habe ich schnell festgestellt, dass Spielfilm und die Arbeit mit Schauspielern nicht geeignet für mich sind. So habe ich mich komplett auf den Dokumentarfilm konzentriert. Deswegen bin ich jetzt im Master Dokumentarfilm und in dem Sektor werde ich bleiben. 

In Berlin lebe ich schon seit ich mit zehn Jahren mit meinen Eltern 1997 hergekommen bin. Es ist meine zweite Heimat.

Sind bereits neue Projekte geplant? 

Noch nicht, nein. Ich muss mich erstmal um mein Leben kümmern. Ich muss eine neue Wohnung und einen Job finden. Der Film hat finanziell und kräftemäßig einiges abverlangt und ich hatte wenig Zeit, mich um andere Sachen zu kümmern. 

Der Film war sehr einnehmend und deswegen merke ich gerade, dass ich da so ein bisschen froh bin, dass es vorbei ist. Der Film ist jetzt draußen in der Welt und kann seinen eigenen Weg gehen.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Handbuch

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