Acht Fragen an Jela Hasler

Martin Guggisberg

Interview: Im Gespräch mit der Schweizer Filmemacherin Jela Hasler konnte ich mehr über ihren Kurzfilm „Über Wasser“ (ET: „On Solid Ground“) erfahren, der u.a. auf dem 43. Filmfestival Max Ophüls Preis zu sehen war, wie sich die Geschichte aus kleinen Begebenheiten formte und ein Bild ergab und wie es war, mit diesem Film im letzten Jahr in Cannes gewesen zu sein.

Wie ist der Film entstanden? Speist er sich aus Alltagserfahrungen?

Ganz zu Beginn stand ein Gefühl: ein Ausbrechen-Wollen, sich gegen etwas sträuben, von etwas befreien, ohne genau zu wissen, wovon bzw. wogegen. Im Austausch über meinen ersten Treatment-Entwurf habe ich erkannt, dass dieses Gefühl verbunden ist mit dieser Art von ‚kleinen‘ Erlebnissen, die so alltäglich sind, dass sie einem normal vorkommen können – und gegen die man sich sehr schwer wehren kann, da es um ihre Summe geht. Solche vermeintlich nebensächlichen Berührungen, Beobachtungen, Blicke, die in ihrer Akkumulation gewissermaßen im Kleinen aufzeigen, inwiefern auch unsere westliche Gesellschaft patriarchal geprägt ist. 

Die Szenen sind teils aus Alltagserfahrungen angeregt; die Idee war, sie in einen Rahmen zu setzen, der den Bogen schlägt von vermeintlich harmlosen Gesten zu einer konkreten Gewaltandrohung.

Welche Rolle spielt die Stadt Zürich für Deine Geschichte?

Sofia Elena Borsani

Wir haben im September 2020 gedreht, kurz nach dem ersten Lockdown, ich war damals fast ausschliesslich in Zürich. Der Film war auch eine Art, mich neu mit dieser Stadt auseinanderzusetzen, in der ich wohne, sie neu zu erkunden und anzuschauen. Aber grundsätzlich könnte man den Film in jeder Stadt ansiedeln, thematisch ist er nicht Zürich vorbehalten.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Der Kameramann Andi Widmer und ich haben uns viel darüber ausgetauscht, wie wir die Stadt als Umgebung zeigen können, die der Hauptfigur Eli praktisch keinen Platz lässt; es gibt keinen Ort, an dem sie in Ruhe gelassen wird, keinen Ort, der für sie gemacht ist. Wir haben einerseits nach Orten gesucht, die dies aufnehmen, und dann auch daran gearbeitet, dies entsprechend über Bild (und auch den Ton) mit einzubringen. Die einzelnen Begegnungen, die Eli den Tag über hat, sind eben nicht abgekoppelte Einzelereignisse, sie sind Teil einer gesamten Gesellschaft, die sich auch in der Architektur oder Gestaltung unserer Umgebung widerspiegelt.

Auch war uns wichtig, diese Energie aufzunehmen, die von Eli ausgeht: möglichst bei ihr bleiben, mit ihr mitgehen. Es war klar, dass die Nebenfiguren nur wenig zu sehen sein würden, dass sich vieles aus dem Off erzählt, gespiegelt an Elis Reaktion. 

Die Besetzung mit Sofia Elena Borsani ist großartig – wie hast Du sie gefunden?

Sofia Elena Borsani

Sofia ist in der Tat großartig! Wir kennen uns seit 2013, sie sprach damals die Off-Stimme ein zu meinem BA-Abschlussfilm „Kein Porno“. Seither haben wir mehrmals für Aufträge zusammengearbeitet. Sie spielte auch in meinem Kurzfilm „Von gestern auf heute“ mit, den wir während des Lockdowns im Mai 2020 gedreht haben.

Für mich stand von Anfang an fest, dass sie die Rolle von Eli in „Über Wasser“ spielen würde. Da wir uns bereits kannten, konnten wir schon von einer soliden Vertrauensbasis profitieren. Es war toll, mit ihr gemeinsam an der Figur und ihrer Haltung zu arbeiten. Eli ist ja nicht nur sympathisch, und daher war es eine wichtige Frage, wie aufmüpfig oder aneckend sie sein soll, und wie sie ihren Stolz, ihre Würde bewahren kann.

Wie war es in Cannes mit Deinem Film dabei gewesen zu sein?

Sofia Elena Borsani

Natürlich war ich unglaublich glücklich über die Selektion, die ich als Anerkennung empfinde, und die dem Film zu Sichtbarkeit verhilft. Ich war das erste Mal in Cannes und war überwältigt, wie herzlich und wertschätzend wir aufgenommen wurden von der Equipe der Semaine de la Critique, der Sektion, in der mein Film lief. Gerade auch den Kurzfilmen wird dort sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet, und sie kreieren eine Atmosphäre, die uns Regie-Leute untereinander in ein kollegiales Verhältnis setzte, kein kompetitives. Einen Film in diesem Rahmen uraufführen zu können, ist ein Geschenk. 

Kannst Du mir am Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ursprünglich habe ich Fotografie studiert, an der Zürcher Hochschule der Künste sowie einem Erasmus-Semester an der Marmara Universität Istanbul. Ich musste jedoch bald feststellen, dass ich die Fotografie zwar liebe, sie mir aber nicht ganz das ermöglicht, was ich suche. So habe ich bereits in diesem Rahmen einige Filmkurse besucht, und schließlich ein Studium im Film angehängt an der Hochschule Luzern – Design & Kunst, das auf dokumentarisches und experimentelles/essayistisches Filmschaffen fokussiert war. Im Film bin ich dann geblieben, habe eine Zeit lang Auftragsarbeiten gemacht oder als Produktions- oder Regieassistenz gearbeitet, und eigene Kurzfilme umgesetzt. Aktuell konzentriere ich mich hauptsächlich auf die eigenen Projekte.

Wie war es vom Dokumentarfilm zum Spielfilm zu wechseln?

Sofia Elena Borsani

Das fühlte sich recht natürlich an, mehr wie eine Fortsetzung oder einfach ein weiterer Schritt, nicht wie ein Bruch. Es sind zwar durchaus unterschiedliche Arten zu arbeiten, aber viele Fragen sind dieselben; worauf man den Fokus legt beispielsweise, oder in welchem Zusammenhang man etwas zeigen will. Im Grunde geht es mir darum zu vermitteln, wie ich die Welt wahrnehme. Ich beobachte sehr gern, lenke den Blick auf vermeintliche Nebensächlichkeiten; ich glaube, das zeigt sich in praktisch all meinen bisherigen Filmen.   

Sind bereits neue Projekte geplant?

Zurzeit sind es in der Tat fiktionale Stoffe, an denen ich arbeite. Einerseits ein weiterer Kurzfilm, der aktuell in Finanzierung ist. Zudem befasse ich mich auch mit der Idee für einen ersten Langspielfilm, mit der ich am Drehbuchlab LIM – Less is more teilnehmen werde. 

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Über Wasser

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