43. Filmfestival Max Ophüls Preis 2022

16.-26. Januar 2022 / online, Cinestar, Filmhaus,Kino Achteinhalb, Passage-Kinos, Camery Zwo

Festivalbericht: Auch in diesem Jahr fand eines der wichtigsten und renomiertesten Filmfestival für den jungen, deutschsprachigen Film – das Filmfestival Max Ophüls Preis – hybrid statt. Vor Ort hatte man in neun Spielstätten die Möglichkeiten insgesamt 23 lange, 11 mittellange und 47 kurze Filme zu sehen. Doch auch für ZuschauerInnen auf den heimischen Sofas standen fast alle Filme als Stream zur Verfügung. Mit mehr Preisen als je zuvor traten die Filme in vier Wettbewerben gegeneinander an.

Auch bei der 43. Ausgabe des Max Ophüls Preis Filmfestivals sind die Wettbewerbe das Herzstück. Im Wettbewerb Spielfilm traten zehn Spielfilme aus Deutschland, Österreich, der Schweiz gegeneinander an. In dieser Kategorie werden die meisten Preise verliehen. Den Hauptpreis – Bester Spielfilm – gewann der österreich-französisch-belgisch-taiwanische „Moneyboys“ von C.B. Yi. In seinem einfühlsamen Drama erzählt der Regisseur von jungen Männern in Taiwan, die ihre Körper verkaufen, um sich ein besseres Leben zu erträumen. Dafür wurde er mit zwei weiteren Preisen ausgezeichnet – für das Beste Drehbuch und mit dem Preis der ökumenischen Jury. Ebenfalls viele Preise erhielt der überdrehte schweizer Film „Soul of a Beast“, der wie im Fiebertraum von einer neuen Liebe erzählt. Er erhielt nicht nur den Preis für die Beste Regie, sondern wurde auch von der Filmkritik als Bester Film ausgezeichnet. Zudem wurde Pablo Caprez als Bester Nachwuchsschauspieler gekürt. Als Beste Nachwuchsschauspielerin wurde Julia Windischbauer für ihre Rolle im Film „Para:dies“ mit einer Trophäe versehen. Zwei Filme, die sich mit männlicher Dominanz und Übergriffigkeit beschäftigten wurden ebenfalls prämiert. Zum einen erhielt der Film „Ladybitch“ der beiden Regisseurinnen Paula Knüpling und Marina Prados, der seine Geschichte als Fake-Dokumentation in der Theaterwelt erzählt, den Max Ophüls Preis für den gesellschaftlich relevanten Film. Zum anderen gewann das Drama „Risse im Fundament“ von Genia Leis und Gerald Sommerauer, das davon berichtet, wie kleinste Begebenheiten eine Welt zum Einsturz bringen können, den Preis der Jugendjury. Der Eröffnungsfilm „Everything will Change“, der seine Botschaft mit einem Holzhammer an die Menschen bringt, gewann den Publikumspreis. Unter den Wettbewerbsteilnehmern stach dann noch der Spielfilm „Ich Ich Ich“ hervor, der sich eines gelungenen Tricks bedient, um die Gedanke und Gefühle der beiden Hauptfiguren deutlich zu machen.   

Auch im Wettbewerb Dokumentarfilm wurden in diesem Jahr mehr Filme als im letzten Jahr ausgezeichnet. Der autobiographische „Anima – Die Kleider meines Vaters“ gewann den Preis für den Besten Dokumentarfilm sowie den Publikumspreis. Die Regisseurin Uli Decker beschäftigt sich auf sehr nahe Weise mit dem Erbe ihres Vaters und bedient sich dabei verschiedener Herangehensweisen, abseits von klassischen reinen Talking-Heads-Dokus. Die Filmkritik prämierte „Mayor, Shepherd, Widow, Dragon“ als Besten Dokumentarfilm aus. Darin zeichnet die Regisseurin Eliza Petkova ein einfühlsames Portrait eines abgelegenen Dorfes in Bulgarien und erzählt dessen Geschichte durch Portraits von ein paar ausgewählten BewohnerInnen. Für die Beste Musik in einem Dokumentarfilm wurde die Komponistin Julia Kent und die Produzentin Jola Wieczorek für den Film „Stories from the Sea“ ausgezeichnet. Der in schwarz-weiß gehaltene Film erzählt drei Geschichten vom Mittelmeer – eine Matrosin aus Deutschland, welche auf einem Frachter arbeitet, eine spanische Kreuzfahrtreisende und eine internationale bunte Gemeinschaft, welche die Freiheit bei einem gemeinsamen Segeltörn entdeckt.

In der Rubrik Mittellanger Film werden auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis Filme von einer Länge von 25 bis 65 Minuten versammelt. Auch in diesem Jahr gab es hier viele spannende Beiträge zu entdecken. Beide Preise – Bester Mittellanger Film und den Publikumspreis – gewann der Film „Unter der Welle“ von Veronika Hafner, der es schaffte dem Publikum mit ihrer Geschichte eine anderen Art von sozialen Druck nahe zu gehen. Doch in diesem Wettbewerb gab es noch viel mehr zu entdecken, so auch die Coming-of-Age-Geschichte „Steh auf Du Sau!“ von Florian Moses Bayer, der hier eindringlich schildert, welcher Druck auf jungen Menschen lasten kann. „Störenfrieda“ von Alina Yklymova beschäftigt sich dagegen mit eingefahrenen Gedankenstrukturen und rüttelt diese tragikkomisch auf, indem er einen klassischen CIS-Mann alter Schule auf ein junges, modernes Paar treffen lässt. Für ein bisschen Genre-Atmosphäre wurde mit dem psychologischem Horror „Mære“ von Lisa Reich und Josef Zeller gesorgt. 

Auch der Kurzfilm war stark vertreten, so konnte man nicht nur den neuesten Alison-Kuhn-Film „Fluffy Tales“, der sich wieder mit Übergriffigkeiten am Arbeitsplatz beschäftigt, sondern auch Lisa Hasenhütls überdrehten Mystery-Film „Vote!“ sehen sowie den Kurzfilm „Zeitpunkt X“ von Simon Schneider, der auf bekannte Bauprojekte anspielt und dafür den Publikumspreis gewann. Filme mit starken Frauenfiguren waren ebenfalls zahlreich im Kurzfilm-Programm vertreten u.a. in „Nicht die 80er“, einer Komödie mit ernstem Hintergrund, in dem sanften Drama „Frida“ (prominent mit Vicky Krieps besetzt), in dem ungewöhnlichen Kurzfilm „Warum begeht Helen Koch schweren Kraftwagendiebstahl?“ oder dem starken „Über Wasser“ von Jela Hasler. Auch einige starke Coming-of-Age-Geschichten, wie „Kippenschnippen“ und „Lullaby“, der den Preis für den Besten Kurzspielfilm erhielt, waren im Programm. Abgerundet wurde das Angebot an Filmen von den Sonderreihen des Atelier Ludwigsburg-Paris und mit der bekannten Shortlist des MOP. Auch hier war der Kurzfilm stark vertreten und zeigte u.a. den großartigen „Pigeon Therapy“ von Nadia Masri, der auf humorvolle Weise von Trauma und Verlust erzählt, und der einfühlsame Dokumentarfilm „Alleingang“, der von dem Urnenbegleiter Bernd Simon berichtet, der Menschen beerdigt, die keine Angehörigen hatten.    

Fazit: Auch in diesem Jahr wurden BesucherInnen und Sofa-GuckerInnen mit einem großartigen Programm aus dem deutschsprachigen Raum aus der Hand junger FilmmacherInnen sehr gut unterhalten. In allen Kategorien, sei es Spiel- oder Dokumentarfilm, Lang- oder Kurzfilm, Komödie oder Drama, konnte man Filme für sich entdecken, in neue Thematiken eintauchen, auf den Punkt gebrachte Botschaften in sich aufnehmen. So war für jeden Geschmack was dabei und sorgte für ein rundum gelungenes Festival, wenn auch für manche nur von daheim aus.

Trailer des 43. Filmfestival Max Ophüls Preis 2021

geschrieben von Doreen Matthei

Alle im Bericht erwähnten Filme

  • „Alleingang“ (Deutschland, 2021, Regie: Raphael Schanz)
  • „Anima – Die Kleider meines Vaters“ (Deutschland, 2022, Regie: Uli Decker)
  • „Everything will Change“ (Deutschland/Niederlande, 2021, Regie: Marten Persiel)
  • „Fluffy Tales“ (Deutschland, 2021, Regie: Alison Kuhn)
  • „Frieda“ (Deutschland, 2021, Regie: Aleksandra Odić)
  • „Ich Ich Ich“ (Deutschland, 2021, Regie: Zora Rux)
  • „Kippenschnippen“ (Deutschland, 2022, Regie: Eléna Weiß)
  • „Ladybitch“ (Deutschland, 2022, Regie: Paula Knüpling, Marina Prados)
  • „Lullaby“ (Österreich, 2022, Regie: Magdalena Chmielewska​)
  • „Mære“ (Deutschland, 2022, Regie: Lisa Reich, Josef Zeller)
  • „Mayor, Shepherd, Widow, Dragon“ (Deutschland/Bulgarien, 2021, Regie: Eliza Petkova​)
  • „Moneyboys“ (Österreich/Frankreich/Belgien/Taiwan, 2021, Regie: C.B. Yi)
  • „Nicht die 80er“ (Deutschland, 2022, Regie: Marleen Valien)
  • „Para:dies“ (Österreich, 2022, Regie: Elena Wolff)
  • „Pigeon Therapy“ (OT: „De Pigeon“, Luxemburg, 2021, Regie: Nadia Masri)
  • „Risse im Fundament“ (Deutschland, 2022, Regie: Genia Leis, Gerald Sommeraue)
  • „Soul of a Beast“ (Schweiz, 2021, Regie: Lorenz Merz)
  • „Steh auf Du Sau!“ (Österreich, 2022, Regie: Florian Moses Bayer)
  • „Störenfrieda“ (Deutschland, 2022, Regie: Alina Yklymov)
  • „Stories from the Sea“ (Österreich, 2021, Regie: Jola Wieczorek)
  • „Unter der Welle“ (Deutschland, 2022, Regie: Veronika Hafner)
  • „Vote!“ (Deutschland, 2022, Regie: Lisa Hasenhütl)
  • „Warum begeht Helen Koch schweren Kraftwagendiebstahl?“ (Deutschland, 2022, Regie: Moritz Geiser)
  • „Über Wasser“ (Deutschland, 2021, Regie: Jela Hasler)
  • „Zeitpunkt X“ (Deutschland, 2022, Regie: Simon Schneider)

Rezensionen zu Filmen, die auf dem 43. Filmfestival Max Ophüls Preis 2022 gelaufen sind

Quellen:

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