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Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin Hồng Anh Nguyễn konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Saigon Kiss“ erfahren, der auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 seine Weltpremiere feierte, wie sie das Projekt ohne Förderung im realen Verkehr Ho-Chi-Minh-Stadts gefilmt haben und wie wichtig die richtige Auswahl der beiden Hauptdarstellerinnen war, da sie viel in die Rolle mitbringen mussten.
Wie ist die Idee zu dem Film entstanden?
Obwohl ich vietnamesische Wurzeln habe, kommt meine Familie nicht aus Saigon oder Ho-Chi-Minh-Stadt, wie es offiziell heißt. Das bedeutet, dass ich die Stadt aus einer externen Perspektive betrachte. Was mich an dieser modernen Metropole fasziniert, ist, dass trotz der neun Millionen Einwohner*innen kein Gefühl der Fremdheit, Anonymität oder Einsamkeit herrscht, wie es in anderen Metropolen wie New York oder Tokyo oft der Fall ist. Es ist eine eher intime Anonymität, die vielleicht durch die Nähe zu fremden Menschen im Straßenverkehr, insbesondere auf dem Motorrad, entsteht. So kommt es oft zu sehr warmherzigen Begegnungen am Straßenrand, wenn das Motorrad mal wieder schlapp macht. Gleichzeitig ist Saigon eine pulsierende Metropole, die sich ständig im Wandel befindet. Innerhalb weniger Wochen werden ganze Gebäude abgerissen und durch moderne Glasfassaden und Geschäfte ersetzt. In diesem Umfeld stellt sich oft die Frage: „Was darf bleiben und was nicht?“. Ich wollte zwei Protagonistinnen in diese Welt eintauchen lassen, um zu sehen, wie sie auf einer persönlichen Ebene mit dieser Frage umgehen.
Der Film ist für mich absolut lebensbejahend – ich mag das Gefühl, das er vermittelt. Diese Begegnung wirkt auch wie ein Anfang – könntest du dir vorstellen, die Geschichte weiterzuentwickeln?
Im Team scherzen wir oft darüber, dass wir die Geschichte vielleicht zu einer Anthologie erweitern könnten, mit Begegnungen in anderen Städten und vielleicht auf Fahrrädern oder E-Scootern. Obwohl ich ein Langformat für die Geschichte nicht ausschließen möchte, haben wir doch schon mehrere Jahre an diesem Film gearbeitet und ich brauche eine gewisse Distanz zum Film, bevor ich die Figuren aus neuen Blickwinkeln betrachten kann.
Fantastisch sind die Aufnahmen der Stadt – was lag euch visuell am Herzen?
In Vietnam werden Motorradfahrten oft im Film oder in der Werbung gezeigt, da sie ein alltägliches Bild sind. Die Herausforderung bestand jedoch darin, nicht aus der Ferne zu filmen, sondern die Kamera so nah wie möglich an den Protagonistinnen zu halten – als würden die Zuschauer*innen mit auf dem Motorrad fahren und den Fahrtwind spüren.
Wie viel Zeit hattet ihr vor Ort zum Drehen und wie sind die Straßenszenen entstanden?
Leider haben wir für diesen Film keine Filmförderung erhalten und mussten daher hier und da Gelder beschaffen. Dadurch hatten wir ein wirklich knappes Budget und mussten den gesamten Film in drei Tagen drehen. Die Straßenszenen waren logistisch am aufwendigsten, da wir kein Geld hatten, um Straßen abzusperren und viele Komparsen zu engagieren. Deshalb haben wir beschlossen, mitten im realen Verkehr, wirklich im Stau zu drehen. Die Route und die Bilder waren akribisch geplant, wir haben viel getestet und unsere vietnamesische Produzentin Nguyễn Thị Xuân Trang hat eine sehr erfahrene Crew engagiert. Ich war sehr nervös, denn auf dem Motorrad haben beide Schauspielerinnen einen relativ langen Dialog und ich habe mich natürlich um den Ton gesorgt, da wir aufgrund der knappen Gelder Szenen nicht nachsynchronisieren konnten.
Der Cast ist auch fantastisch! Wie hast du sie gefunden? Gab es Raum für Improvisationen?
Ich wollte, wenn möglich, queere Schauspielerinnen besetzen, allerdings gab es zu der Zeit in Vietnam nur eine Handvoll, die offen und geoutet waren. Hinzu kam, dass unser australischer Produzent Andrew Undi Lee früh darauf aufmerksam machte, dass wir eine Schauspielerin brauchen, die trotz des chaotischen Verkehrs sicher und selbstbewusst fahren kann, damit sich beide Schauspielerinnen wohl fühlen. Die wirklich fantastische und talentierte Nguyễn Vũ Trúc Như hat beide Kriterien erfüllt. Sie ist hauptberuflich Stuntfrau und Stuntkoordinatorin (unter anderem für Spike Lee’s „Da 5 Bloods“), also kennt sie sich sehr gut mit Sicherheit am Set aus. Thương Lê, die Vicky spielt, ist eigentlich Tänzerin und ich habe sie vor einigen Jahren in einer Performance von „MORUA“ in Saigon gesehen. Ihre Präsenz auf der Bühne ist mir sehr in Erinnerung geblieben, und als wir nach Schauspielerinnen gesucht haben, die auch tanzen können, haben wir Thương auf gut Glück zum Casting eingeladen. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und über alle Facetten der Figuren gesprochen. Da ich Theater studiert habe, verbringe ich immer gerne viel Zeit mit Schauspielerinnen. Wir haben wirklich viel geprobt und das hat mir erlaubt, beide während des Drehs improvisieren zu lassen, da ich darauf vertraute, dass beide die Figuren wirklich kennen. Außerdem ist Vietnamesisch zwar meine Muttersprache, aber es gibt viele Nuancen in der Sprache, die ich nicht verstehe, und ich war wirklich auf die beiden angewiesen.
Kannst du mir noch kurz von dir erzählen und wie du zum Film gekommen bist?
Als Kind mit Migrationshintergrund hatte ich immer das Gefühl, weder der deutschen noch der vietnamesischen Sprache allzu mächtig zu sein, und ich bevorzuge es, mich über Bilder auszudrücken. Also habe ich viele Fotos gemacht, einige Stop-Motion-Videos mit Knete entwickelt und sie dann mit Windows Movie Maker geschnitten. Seitdem habe ich wohl nicht aufgehört, Filme zu machen.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Dieses Jahr habe ich das Autor*innenstipendium der Hessenfilm & Medien erhalten. Das ermöglicht mir, meine Ideen zu recherchieren und mit Hilfe meiner Mentorin, der vietnamesischen Regisseurin Việt Linh, meinen Debütfilm und eine Serie zu entwickeln.
In Deutschland wird „Saigon Kiss“ vom 16. – 21. April 2024 auf dem Lichter Filmfest Frankfurt gezeigt.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Saigon Kiss“



