Acht Fragen an Leo Geisler und Louis Gering

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit den beiden Filmemachern Leo Geisler und Louis Gering konnten wir mehr über ihren 55-minütigen Film „The French Flamingo Fucker“, der auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 seine Premiere feierte, wie der Autor Anton Artibilov anhand des Titels die Geschichte entwickelt hat, wie sie es bewerkstelligt haben, den Film ohne finanzielle Mittel zu realisieren und wie die sogenannten ‚Crazy Takes‘ das Spiel aller Schauspieler:innen beeinflussten. 

Könnt ihr mehr zu den Ideen erzählen, welche das Buch von Anton Artibilov, was ihr verfilmt, angetrieben haben?

Anton war da ganz ehrlich zu uns: zuallererst stand der Name – „The French Flamingo Fucker“. Die Alliteration hat es ihm angetan und von da aus hat er angefangen loszuspinnen. Er fand es spannend mit dem Titel von der ersten Sekunde an den Zuschauer vor eine absurde Frage zu stellen: will unser Protagonist wirklich Sex mit einem Flamingo haben oder was geht hier eigentlich ab? Diese Fallhöhe ist ein Spiel, das dann alle Themen und Ideen, die Anton später in den Mixer dazu geworfen hat, wie ein doppelter Boden unterbaut. Und wir hatten dann auch einfach sehr viel Spaß daran, dieses Spiel mit unseren Regeln anzureichern und damit zu experimentieren.

Was hat euch angesprochen? Warum habt ihr beschlossen, solch einen überraschenden und sympathisch skurrilen Film zu machen?

Wir haben sehr schnell das Filmische an dem Stoff gesehen. Der Zoo als magischer Ort, die Großstadt als Gegenstück. Die Menschen, die sich ihre ganz eigenen Käfige bauen und daraus in die Gehege der Tiere blicken. Und natürlich die alienartige Schönheit der Flamingos. All das waren sofort Bilder, die man sehen konnte. Dazu kommt, dass wir beide nach Jahren der Ablehnung von Filmhochschulen irgendwann keine Lust mehr hatten, nur noch Kurzfilme für die Regie-Bewerbung zu machen. Wir wollten etwas das frei Schnauze unserer Vorstellung entsprechen könnte und sich nicht filmanalytisch vor Professor*innen beweisen müsste. Wir wollten etwas machen, das wir noch nicht so gesehen haben und deswegen selbst sehen wollten. Bernhards Hingabe und Verlangen, die Flamingos zu beobachten, haben wir in diesem Zusammenhang also gut nachvollziehen können.

In welchem Rahmen, über welche Zeit und in welcher Teamgröße ist der Film entstanden?

Leo und ich haben ungefähr zwei Jahre an diesem Film gearbeitet. Die Vorbereitungszeit und Vorproduktion haben ein halbes Jahr in Anspruch genommen. Da Leo und ich damals noch gemeinsam in Berlin gewohnt haben, konnten wir jede freie Minute in unserer WG nutzen, um einen Masterplan aufzustellen. Der Masterplan hieß: Alles umsonst hinzukriegen. Will heißen, wir hatten keine Förderung bekommen und mussten so alles selbst finanzieren. Alle Drehorte sind entweder von Freund*innen oder von offenen und hilfsbereiten Berliner*innen bereitgestellt worden. Das Team bestand auch ausschließlich aus Freund*innen und Bekannten, die Lust und Zeit hatten. Das Equipment haben wir aus den Kellern unserer Kamera-Freunde zusammengewürfelt. Es war eine komplette Indie-Produktion, die wir am Ende in zwölf Drehtagen gestemmt haben. Wir haben am Ende nur für Fahrten und Essen zahlen müssen und kamen so auf ein Micro-Budget von 1800 EUR. Nach diesem Fiebertraum, war der Schnitt ein längerer Prozess. Da wir dann im gleichen Jahr für das Regiestudium angenommen wurden — Leo an der DFFB in Berlin, ich in München an der HFF — mussten wir die Montage via Video-Call bestreiten. Und das neben den neuen Projekten an der Filmuni. So hat es dann noch ein Jahr gedauert, bis wir den Film fertiggestellt haben. Doch was wir schon währenddessen gemerkt haben, war, dass wir jetzt an den Filmhochschulen wieder viel kleiner und begrenzter denken müssen. „The French Flamingo Fucker“ war im Vergleich ein unkontrollierter Dreh, bei dem nur entscheidend war, was uns Spaß gemacht hat und was wir sehen wollten. Keine Instanz von außen hat unsere Ideen begrenzt, sondern unsere eigene Energie und Antriebskraft hat hier den Rahmen gesetzt.

Was lag euch visuell am Herzen?

Wir haben uns früh wie eine Art Regelbuch erarbeitet. Wir wollten keine Bewegung und alles durch Schuss-Gegenschuss auflösen. Die statische Herangehensweise sollte die Absurdität der Figuren und ihr zwischenmenschliches Verhalten fast schon neurotisch überspitzen. Diese kühle Distanz hat auch sehr gut zu unserer mechanischen Schauspielarbeit gepasst. Zusammen verbindet sich das alles zu einer wirklich seltsamen Energie.

Euer Cast ist sehr gut gewählt – wie habt ihr eure Darsteller:innen gefunden?

Wir hatten beide nicht so richtig Lust, ein Casting oder sowas zu veranstalten. Daher setzt sich unser schöner Cast in erster Linie aus Freund:innen und zufälligen Begegnungen zusammen: Marlon Bienert ist beispielsweise ein Kindheitsfreund von Louis. Leo kennt Cosmea Spelleken vom gemeinsamen Filmemachen aus Freiburg. Franco Toledo hatte so ein lustiges ‚About-Me‘-Video auf seiner Website. Leo hat Zarah Kofler und Mio Südhoff im Rahmen vom Jugendtheater der Volksbühne P14 getroffen, und Isabella Parkinson während seiner Aufnahmeprüfung an der DFFB. Schließlich fehlt noch F.G.M. Steger, den Louis in einer Berliner Kneipe jodeln gesehen hat.

Wie sah eure Zusammenarbeit am Set aus?

Dadurch, dass wir kein Geld und keine Zeit hatten, mussten wir uns im Vorhinein recht strenge Regeln überlegen, einfach um mit unseren zehn Drehtagen durchzukommen. Wir haben uns dann mit unserem Kameramann, Brian Hose, überlegt, die Kamera auf dem Stativ zu lassen. Dadurch konnten wir uns auch mehr aufs Spiel konzentrieren. Wenn wir uns sicher waren, einen guten Take im Kasten zu haben, haben wir immer noch ein, zwei sogenannte ‚Crazy Takes‘ versucht – die Regieanweisung lautete dann beispielsweise: „Danke, und jetzt spielt das nochmal so, als wärst du auf der Flucht und jederzeit könnte die Polizei um die Ecke kommen, um dich zu stellen.“ Wir hatten auch eine ziemlich winzige Crew, daher haben wir uns teilweise abgewechselt, mit dem Ton hören und Regie führen. Die Rolle des Tons hinsichtlich der Regie wird ja sowieso total unterschätzt, niemand sonst hört so genau die Nuancen in den Stimmen der Schauspielenden.

Könnt ihr mir noch etwas zu euch erzählen und wie ihr zum Film gekommen seid?

Wir haben uns im Auslandssemester kennengelernt, Louis hat dann irgendwann schon in Berlin gewohnt und Leo ist dann nach seinem Studium in Freiburg in seine WG gezogen. Da saßen wir dann, während der Pandemie viel zusammen rum und haben uns überlegt, in dem Produktionszusammenhang ‚Filmdämmerung‘ zu gründen. Das ist unsere Filmproduktionsfirma, aber auch gleichzeitig ein digitales Auffangbecken für unsere Gedanken über Filme und das Filmemachen, sowie die Gedanken von anderen jungen Filmemacher*innen, die wir dort teilen: https://filmdaemmerung.studio/ 

Vielleicht noch zwei, drei Worte zum Film: Leo ist in einem südhessischen Dorf aufgewachsen und hatte kein Talent für Fußball, da hatte man dann nicht sonderlich viele andere Optionen, die Nachmittage zu füllen, außer illegale Filme zu streamen. Insbesondere das New Hollywood Kino hat dann sein Interesse entfacht. Louis ist in einem bayerischen Dorf aufgewachsen und hatte etwas mehr Talent im Fußball, aber hatte nach dem Training trotzdem genug Zeit illegal Filme zu streamen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Unbedingt!

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The French Flamingo Fucker

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