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Interview: Im Gespräch mit der Regisseurin Lilith Kugler konnten wir mehr über ihre Dokumentation „Hausnummer Null“, der auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 seine Premiere feierte, erfahren, wie Corona die Drehbedingungen beeinflusste, wie sich der Film immer mehr zu einer Langzeitbeobachtung entwickelte und wie sie sich visuell aufgestellt haben, um der Dokumentation andere, als die üblichen klischeehaften Bilder, zu geben.
Bereits im Film erzählst Du, wie Du Chris kennengelernt hast – wie ist daraus die Idee für eine Dokumentation entstanden?
Ich kam im Winter 2020 für mein Masterstudium nach Berlin. Chris hatte damals seinen Schlafplatz bei mir in der Nähe, am S-Bahnhof Friedenau, wir wohnten quasi in der gleichen Straße und waren Nachbarn auf eine ungewöhnliche Art. Daher kommt auch der Titel „Hausnummer Null“. Mitten im Lockdown mit Ausgangssperre und Online-Kursen war dies ein seltsamer Start für mich in Berlin. Ich ging viel spazieren und lernte Chris immer mehr kennen, da ich dort vorbeikam und – wenn er ‚zu Hause‘ war – mich mit ihm unterhielt. Wir verstanden uns gut und mir gefiel sein Humor, er hatte spannende Geschichten zu erzählen und ich war beeindruckt, wie ‚normal‘ und routiniert für ihn das Leben auf der Straße war. Als Filmemacherin dachte ich natürlich, dass es interessant wäre, ihn mal für einen Tag mit der Kamera zu begleiten und zu porträtieren. Letztendlich kam aber der Vorschlag von ihm selbst, lustigerweise genau an dem Tag, an dem ich es auch ansprechen wollte. Welche Dimensionen das Projekt annehmen würde, war uns damals überhaupt nicht klar.
Wie groß war Dein Team vor Ort? Über welchen Zeitraum hast Du gedreht? Wie hast Du Dich dafür entschieden, wann das Ende des Films erreicht ist?
Gleich zu Beginn habe ich den Kameramann Stephan M. Vogt mit ins Boot geholt. Da wir damals nicht wussten, was überhaupt daraus werden sollte und wir kein Budget hatten, waren wir immer nur zu zweit unterwegs und haben das auch später beibehalten. Der Dreh, der ja gleichzeitig auch unsere Recherche und das Kennenlernen der ProtagonistInnen war, erstreckte sich über 2,5 Jahre, von Januar 2021 bis Juni 2023. Der Schnittprozess hat parallel schon begonnen, während immer noch neues Material entstand. Editor David Mardones war daher auch dramaturgisch schon während dem Dreh eine große Hilfe, ich konnte nach seiner Meinung fragen, wir konnten gemeinsam überlegen, was noch für die Geschichte spannend wäre oder welche Fragen an die ProtagonistInnen wichtig und noch unbeantwortet sind. Bei einer solchen Langzeitbeobachtung ist es gar nicht so einfach, zu wissen, wann das Ende ist. Ich habe mehrmals gesagt „ich glaube das war’s“ – und dann sind doch wieder neue, spannende Dinge im Leben der ProtagonistInnen passiert, so dass wir weiter gedreht haben. Irgendwann wusste Chris, ich glaube schon vor uns, dass wir fertig sind, denn es wurde schwieriger, sich zu verabreden und Drehtage zu planen. Letztendlich hatten wir dann sogar eher zu viele Enden und im Schnitt die Qual der Wahl.
In welchem Rahmen ist Dein Film entstanden?
Ehrlich gesagt, am Anfang gab es überhaupt keinen Rahmen. Die Uni verhängte im Lockdown ein Drehverbot – es war also kein Uniprojekt, sondern eher unsere selbst gewählte Beschäftigung in der Pandemie. Dadurch gab es aber auch keinen Druck und wir konnten einfach mit Offenheit und Neugier das Leben beobachten. So frei arbeiten zu dürfen, ist großes Glück, dass man sich vielleicht nur als Student noch leisten kann. Zu Beginn wussten wir überhaupt nicht, was aus dem Material werden sollte und auch nicht, wie wir eine Geschichte mit einem dramaturgischen Bogen erzählen können. Es war eher eine Beobachtung und Beschreibung eines Zustands, aber ich hatte immer das Gefühl, es lohnt sich weiterzumachen. Vor allem machte es auch großen Spaß mit Chris und auch seinem Kumpel Alex Zeit zu verbringen und durch Berlin zu ziehen. Erst als Chris im Krankenhaus landete und wirklich in einem sehr kritischen Zustand war, entstand für ihn ein Wendepunkt in seinem Leben und damit auch in unserer filmischen Geschichte. Auf einmal gab es das Leben auf der Straße – und das Leben danach, das ganz neue Herausforderungen und Themen mit sich brachte. Ab da suchte ich auch den Kontakt zu Produktionsfirmen und schließlich auch zum ZDF – nun ist es ein Kleines Fernsehspiel – und am Ende doch auch der Master-Abschlussfilm von vier Studierenden an der Filmuniversität Babelsberg.
Wunderbar finde ich auch eure Kameraarbeit. Kannst Du mir etwas zu den visuellen Aspekten erzählen?
Ich finde sie auch ganz wunderbar, und das verdanken wir Stephan M. Vogt. Hilfreich war, dass wir beide von Anfang an eine ähnliche Vision hatten, wie sich der Film anfühlen kann und soll. Wir strebten eine Ästhetik an, die auch im Kino funktioniert und zusammen mit Sound und Musik eine kinematische Erfahrung schafft. Dadurch kommt z.B. auch das breite Bildseitenverhältnis Cinemascope und ein spezieller Look durch die Farbkorrektur. Inspiriert dazu haben uns andere Filme, aber auch Berlin selbst. Dadurch, dass wir viel Zeit mit Warten auf die Protagonisten verbracht haben, haben wir uns sehr mit (Nicht-)Orten und deren Zuständen und Details beschäftigt. Oftmals regnete oder schneite es, es gab viele Reflexionen von nächtlichem Kunstlicht, interessante Kompositionen und Strukturen in der Stadtarchitektur und an Bahnhöfen. Eines meiner Lieblingsbilder ist die eiserne Decke der Bahnhofsunterführung – es lohnt sich auch, gewohnte Orte neu und bewusst zu betrachten. Die Kamera ist bei Personen oft sehr nah und wir haben versucht ausführlich zu drehen, so dass wir Szenen im Schnitt hinterher sauber auflösen können. Gleichzeitig wussten wir, dass wir es nicht darauf anlegen wollen, die Heroinspritze im Close-Up zu zeigen, sondern in diesen Momenten Bildkompositionen finden möchten, in der das Publikum versteht was passiert, ohne dabei einem voyeuristischen Schockmoment ausgesetzt zu sein.
Nicht zuletzt ist diese Ästhetik eine bewusste Entscheidung und ein Gegenentwurf zu den vielfach produzierten stereotypen Filmen und wackligen TV-Formaten, die sich mit Obdachlosigkeit und Suchtkrankheiten meiner Meinung nach leider oft sehr oberflächlich und teils respektlos auseinandersetzen. Unser Film sollte auf Augenhöhe sein und die Ästhetik sollte uns helfen, die Geschichte trotz ihrer schwierigen Themen würdevoll zu erzählen. Zumindest war das unser Ansatz und unsere Hoffnung – ob es funktioniert hat, kann nun jeder selbst beurteilen. ;)
Wie geht es den Porträtierten jetzt und wie haben sie den Film gefunden?
Vor unserer Weltpremiere auf dem 45. Filmfestival Max Ophüls Preis 2024 war mein persönliches Highlight, dass wir eine interne Vorführung organisieren konnten, zu der alle ProtagonistInnen anwesend waren – sogar Chris‘ Mutter kam dafür extra aus Franken nach Berlin! Für mich ist nun sehr gut zu wissen, dass alle hinter dem Film stehen. Chris und Alex, die wir im Film obdachlos kennenlernen, wohnen beide seit den Umzügen während des Drehzeitraums in einer Wohnung bzw. WG, sie sind also weg von der Straße. Sie sind mit ihrer Suchterkrankung in medizinischer Behandlung in einem Diamorphinprogramm – ein in Deutschland seltener Ansatz, der statistisch gute Erfolge erzielt und bei beiden auch viel zum Positiven verändert hat. Natürlich ist dadurch nicht gleich alles ein Happy-End, aber ich bin unheimlich stolz auf beide – vor allem wenn man sie über mehrere Jahre hinweg begleitet hat und diese Veränderungen Schritt für Schritt mitbekommen hat, die anfangs unerreichbar schienen.
Weißt Du schon, wann man den Film wieder zu sehen bekommen wird? Ist ein Kinostart geplant?
Ganz aktuell steht das Achtung Berlin Festival Mitte April an – dort werden wir am 15.04.24 unsere Berlinpremiere gemeinsam mit ProtagonistInnen feiern – das wird auf jedenfalls nochmal eine ganz besondere Vorführung und ich hoffe es kommen viele Menschen. Wir planen eine Kinotour mit Impactkampagne, also mit Veranstaltungen, Gesprächen etc. gemeinsam mit Kooperationspartnern die zu den Themen Obdachlosigkeit, Sucht, Gesellschaftliches Engagement etc. arbeiten. Das bereiten wir aktuell noch vor. Für Mai gibt es auch noch zwei weitere Festivalzusagen. Auf unserer Website und auf Instagram werden wir alle Termine kommunizieren.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum dokumentarischen) Film gekommen bist?
Ich war schon als Kind sehr technikaffin und interessiert. Ich experimentierte mit der High8 Kamera meines Vaters herum und kaufte mir später von meinem Taschengeld eine digitale Fotokamera, die auch filmen konnte. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und bin auch davon überzeugt, dass jeder Mensch spannende Geschichten zu erzählen hat – wenn man die richtigen Fragen stellt. Da lag es nahe, irgendwas mit Medien zu studieren und ich machte meinen Bachelor in Stuttgart in „Audiovisuelle Medien“. Ein Jahr habe ich auf den Philippinen studiert. Ich hatte dort sehr engagierte Lehrer, wir haben einfach ganz viel gemacht, ausprobiert, gedreht, experimentiert – ohne vorher alles tot planen und genehmigen lassen zu müssen. Das war für mich als deutsche Person eine sehr wichtige und motivierende Erfahrung. Als Kind habe ich in Burkina Faso gelebt, wo ich nach dem Bachelor meinen ersten Langfilm „La Maladie du Démon – Die Krankheit der Dämonen“ gedreht habe. Thema war die psychische Gesundheit in einem Kontext, der keine psychischen Krankheiten kennt. Es gab quasi kein Budget, ich habe selbst Kamera, Schnitt, Produktion, Regie und dann noch eine Kinotour im Eigenverleih mit Crowdfunding und Verleihförderung gemacht. Das war ein riesiges Learning und gleichzeitig habe ich gemerkt, dass es für mich nicht nur ums Filmemachen geht, sondern auch darum, den Film als Medium zu nutzen. Ich bin auch Bildungsreferentin und habe den Film an Schulen gezeigt und Workshops gemacht, und es gab eine Tour in Burkina Faso selbst, wo der Film nun weiterhin eingesetzt wird. Wie erwähnt war das gezwungenermaßen alles ein bisschen im Alleingang und ich habe mir immer gewünscht, ein größeres Netzwerk zu haben und gemeinsam Filme zu machen – und auch zu lernen, wie man von dieser Leidenschaft leben kann. Daher habe ich mich noch an der Filmuniversität für den Master Dokumentarfilmregie beworben und war unglaublich überrascht, dass es tatsächlich klappt, denn es werden nur vier Leute pro Jahr angenommen. Nun ist „Hausnummer Null“ mein Abschlussfilm und ich habe an der Uni wirklich tolle Filmschaffende kennengelernt, mit denen sicherlich noch weitere Projekte folgen werden.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Mein Herz brennt für das Dokumentarische, aber aktuell bereite ich tatsächlich einen fiktionalen Kurzfilm vor. Das überrascht mich selbst ein bisschen, aber wie gesagt bin ich ein neugieriger Mensch. Auch merke ich, dass für mich das Thema entscheidend ist, und danach erst die Frage kommt, welches Format dazu passt. Themen habe ich viele im Kopf, die aber noch weitere Recherche benötigen, bevor ich von einem weiteren Filmprojekt sprechen kann.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Films „Hausnummer Null“