Sechs Fragen an Berthold Wahjudi

Doreen Kaltenecker

Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Regisseur Berthold Wahjudi konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Sensibelchen“ erfahren, der auf dem 24. Landshuter Kurzfilmfestivals 2024 zu den Lieblingsfilmen gehörte, wie er seine Geschichte über dieses Bruder-Paar und dem Thema toxische Männlichkeit entwickelt hat, wie er die doppelte Kälte einfing und wie es war mit den beiden Jungdarstellern zu arbeiten.

Wie ist die Idee zu „Sensibelchen“ entstanden?

Der ursprüngliche Gedanke zu dem Film kam, als ich Bell Hooks Buch über Männlichkeit [Anm. d. Red. „Männer, Männlichkeit und Liebe“ (2022)] gelesen habe. Darin beschreibt sie, wie viele Jungs, die in die Pubertät kommen, die plötzlich an sie gerichtete Anforderung sich ‚männlich‘ zu verhalten als Liebesentzug wahrnehmen. Schwäche zeigen wird bestraft, Männlichkeit nur über Dominanz, Stärke und Unabhängigkeit definiert. In unserem Film sehnt sich der kleine Bruder nach Anerkennung und Liebe von seinem älteren Bruder. Doch obwohl der ältere Bruder ihn vermutlich auch liebt, ist es ihm unmöglich, seinem kleinen Bruder Zärtlichkeit zu zeigen.

In welchem Rahmen und über welche Zeit hinweg ist Dein Film entstanden?

Ich studiere Regie an der HFF München. „Sensibelchen“ ist mein dritter Film an der Hochschule und ist in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk entstanden. Zur Zeit arbeite ich an meinem Abschlussfilm, der zur jeweils zu einer Hälfte in Deutschland und Indonesien spielt und den ich hoffentlich nächstes Jahr (2025) drehen kann.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Der ganze Film sollte aus der Sicht des kleineren Bruders Benni erzählt werden. Der Film besteht zu einem Großteil aus Portraitaufnahmen von Benni. Es war mir wichtig, dass wir nah bei ihm sind und die Welt durch seine Augen wahrnehmen. Unser DOP Noah Böhm hat einen fantastischen Job gemacht, die richtige Balance an Bildern zu finden, sodass eine klaustrophobische Atmosphäre erzeugt wird, aber wir trotzdem noch einen Eindruck von Bennis Umfeld bekommen.

Darüber hinaus war es eine Herausforderung, Kälte zu erzählen, sowohl im buchstäblichen Sinne (unser Film spielt an Silvester) als auch im emotionalen Sinne. Wir mussten den Dreh auf die Herbst- und Winterferien in Bayern aufteilen, damit unsere jungen Protagonist:innen mitmachen durften. Im Herbst war es noch über 20 Grad warm. Doch unser Team hat fantastische Arbeit geleistet um die Winteratmosphäre zu erzeugen, vor allem Szenenbildner:innen Marleen Johow und Onno Gaissmaier, Kostümbildnerin Luise Herrmann, VFX-Supervisor Jonas Potthoff und SFX-Supervisor Peter Rotter.

Dein Cast ist fantastisch – wie hast Du Deine Schauspieler gefunden? Und wie war es mit den beiden Jungdarstellern zu arbeiten?

Mal abgesehen davon, dass es strenge Regeln zu den Arbeitszeiten von minderjährigen Schauspieler:innen gibt, gibt es keine Unterschiede zwischen erwachsenen und jugendlichen Schauspieler:innen. Zumindest wenn man so intelligente und talentierte Kids gefunden hat wie wir. Wir haben über Agenturen, Schauspielclubs für Kinder und Schulen gesucht. Tatsächlich hat Amrei Birzele, die Sophie spielt, unseren Casting-Aufruf über Tiktok gefunden, wo eine Influencerin unseren Aufruf geteilt hat. Wir hatten insgesamt über 500 Einsendungen, wovon wir ca. 40 zu Live-Castings in München eingeladen haben. Zacharias Cervavca, der Benni spielt, und Jakob Brendel, der Pascal spielt, haben uns sofort begeistert.

Als Studierendenprojekt hatten wir jedoch kein Geld um unseren Cast zu bezahlen und wir sind sehr dankbar an unsere tollen Darstellenden und ihre Eltern und unseren ebenso fantastischen Erwachsenen-Cast, dass sie uns ihre Zeit geschenkt haben, um gemeinsam dieses Projekt zu realisieren.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Als Kind wollte ich zuerst Manga-Künstler und dann Musiker werden. Aber bei beidem war ich nicht besonders talentiert. Irgendwann habe ich dann herausgefunden, dass man für Film-Regie nichts richtig können muss, außer andere Leute mit wirklich Talenten für ein Projekt zu begeistern. Film ist die perfekte Kunstform für faule Menschen wie mich. Zurzeit studiere ich Regie an der HFF München und arbeite parallel als Drehbuchautor für deutsche Fernsehserien. 

Wie erwähnt arbeitest Du bereits an neuen Projekte. Kannst Du noch etwas mehr dazu sagen?

Ich arbeitete zur Zeit an meinem Abschlussfilm, ein Kurzfilm der zum Teil in Indonesien gedreht werden soll und in dem es um ‚biracial‘ Identitäten geht, das Gefühl zwischen zwei Kulturen aufgewachsen zu sein und nirgendwo so richtig zuhause zu sein. Im Kern steht wieder eine Geschwisterbeziehung, jedoch geht es diesmal um eine erwachsene Bruder- und Schwesterbeziehung. Parallel arbeite ich an einem Drehbuch, das hoffentlich zu meinem ersten Langfilmprojekt wird, ein Familiendrama, das in den Mitt-2000ern spielt.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Sensibelchen

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