Sechs Fragen an Konstantin Münzel

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Filmemacher Konstantin Münzel konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Haus am Hang“ erfahren, der im Jugendprogramm des 36. Filmfest Dresden 2024 lief und einer von drei Finalisten für den Student BAFTA in der Sektion „Live Action“ ist, wie er zu der Geschichte kam, wo er die perfekte Location fand und was ihm bei der Wahl der Schauspieler:innen am Herzen lag.

Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden? 

Den Stoff habe ich gemeinsam mit dem Drehbuchautor Luis Martinson und der Kreativproduzentin Bianca Beer entwickelt. 2022 habe ich zu alternativen Konzepten für Jugendstrafvollzug recherchiert und bin auf das Seehaus Leonberg gestoßen, eine Einrichtung für Jugendstrafvollzug in freien Formen. „In freien Formen“ bedeutet konkret, dass die Jugendlichen nicht im eigentlichen Sinne eingesperrt sind, sondern zusammen mit SozialpädagogInnen in Wohngruppen leben, einem geregelten Tagesablauf folgen und handwerkliche Ausbildungen bekommen. Ziel der Einrichtung ist gar nicht unbedingt die Bestrafung, sondern vielmehr die gesellschaftliche Reintegration der jungen Männer. Im Rahmen eines Recherchepraktikums hatte ich die Möglichkeit, den Alltag in der Einrichtung genauer kennenzulernen und habe Interviews mit den PädagogInnen und einigen der Jugendlichen geführt. Was mich dabei berührt hat, ist, dass viele der Jugendlichen einen ganz wesentlichen Teil ihrer Pubertät und damit auch ihrer sexuellen Entwicklung in dieser Zwangsgemeinschaft durchlaufen. Da liegt die ganze Zeit eine Energie in der Luft, die überhaupt keinen Ausdruck findet. Natürlich ist Masturbation ein wichtiges Thema, aber Berührungen sind zur Gewaltprävention generell verboten und innerhalb der Gruppe sind Themen wie Homosexualität absolut tabuisiert. 

Ich hatte als Jugendlicher viel mit Ausgrenzung und Mobbing zu tun und fühlte mich während der Recherche mitunter in meine Schulumkleide zurückversetzt. Im Laufe der Stoffentwicklung war es uns dann aber total wichtig, ein differenziertes Bild zu zeichnen, das eben nicht das Konzept der Einrichtung als Ganzes kritisiert, sondern anhand einer sehr kleinen, persönlichen Geschichte die Problematik ausführt, die mit maskuliner Gruppendynamik und einem so engmaschigen Regelwerk einhergeht. Letztlich erzählt so ein Mikrokosmos ja immer auch über Gesellschaft mit, indem er aufzeigt, was „erfolgreiche Reintegration“ eigentlich bedeutet: Nämlich innerhalb eines Systems zu funktionieren und einer Norm zu entsprechen. Die zärtliche Rebellion dagegen war einer unserer grundlegenden Impulse bei der Entwicklung des Stoffs. 

In welchem Rahmen konntest Du Deinen Kurzfilm realisieren? 

Der Film ist mein Zweitjahresfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg. Wir haben von der Hochschule die Technik und ein kleines Budget zur Verfügung gestellt bekommen, das wir durch Stiftungsgelder aufstocken konnten. Die Produzentinnen des Films Bianca Beer und Helena Zeppenfeldt haben da einen fantastischen Job gemacht, dass wir den Film mit sehr begrenzten Mitteln so umsetzen konnten. 

Das gesamte Setting und auch die visuelle Gestaltung wirken sehr authentisch. Wo habt ihr gedreht und was war Dir dabei wichtig? 

Florian Geißelmann

Wir haben in Neuweiler unweit von Stuttgart im Sägewerk und Zimmereibetrieb „Adrion-Eipper“ gedreht. Zunächst einmal war uns wichtig, dass wir einen Großteil der Szenen an einem Ort umsetzen können, ohne dauernd umziehen zu müssen und dass man plausibel erzählen kann, dass dieser Ort sowohl eine sozialpädagogische Einrichtung als auch handwerklicher Betrieb ist. Der ehemalige Gasthof mit der kleinen Gattersäge war da für uns das ideale Motiv. Für meine Arbeit ist es immer entscheidend, dass ich einen Ort spüre, dass wir Szenen im Zusammenhang drehen können und nicht alles nachträglich konstruieren müssen. Man hofft ja immer, dass am Set eine besondere Atmosphäre

entsteht, die sich dann auf den Film überträgt. Da kam uns das Tal, in dem das Sägewerk gelegen ist, sehr entgegen. Es ist ein bisschen kühler dort und die Außenwelt verschwindet hinter den Bergen und Wäldern. Wir hatten nicht mal Handyempfang. Der Kameramann des Films Paul Ader hat ein wahnsinnig gutes Gespür für die Atmosphäre von Orten und reagiert sehr intuitiv auf seine Umgebung und die DarstellerInnen, was den visuellen Stil des Films maßgeblich geprägt hat. Wir waren sehr gut vorbereitet, aber meine Lieblingsbilder sind eigentlich die, die aus einem spontanen Impuls heraus entstanden sind. Und dann hatten wir einfach riesiges Glück mit den Betreibern des Sägewerks, die uns in allen Belangen unterstützt haben und den Jungs beigebracht haben, wie man die Maschinen bedient. Vor dem Dreh haben sie sogar unsere Technik aus Ludwigsburg abgeholt! 

Die Schauspieler:innen fügen sich gut ein – habt ihr auch mit Laiendarstellern zusammengearbeitet? 

Florian Geißelmann und Liel Malka

Wir haben mit einer Mischung aus professionellen SchauspielerInnen und Laien gedreht. Der Castingprozess war sehr herausfordernd und zeitweise ziemlich zermürbend, weil es extrem schwierig war, zwei Jungs zu finden, die sowohl das Milieu authentisch verkörpern als auch die zarte Annäherung in Blicken und feinen Gesten spürbar werden lassen. Florian Geißelmann stand schon früh als Hauptdarsteller fest, weil er mit seiner authentischen Sprache und Körperlichkeit und unglaublicher Spielintelligenz das Casting von Anfang an überstrahlt hat. In der Konstellation mit Liel Malka ist dann eine sehr besondere Dynamik entstanden, die letztlich den Film trägt. Das ist das Tolle an der Arbeit mit jungen DarstellerInnen: Da ist immer so ein Momentum im Spiel, das nicht berechenbar ist, ein sehr unmittelbarer Zugang zur eigenen Gefühlswelt. Alles ist unglaublich wichtig, neu und intensiv und manchmal bricht dann noch so ein Rest Kindlichkeit durch. Nach diesen Momenten haben wir beim Dreh gesucht, weil sie etwas ganz Zartes, Verletzliches haben. Man sieht auf einmal einen kleinen Jungen, der eigentlich nur in den Arm genommen werden will. Samia Chancrin als Sozialpädagogin Maryam begegnet dem mit einer sehr feinen Mischung aus pädagogischer Härte und ehrlicher Zuneigung, was für den Film unglaublich wichtig war. Dass sie eben nicht nur Antagonistin bzw. Repräsentantin eines restriktiven Systems ist, sondern auch als Person greifbar wird. Letztlich befinden sich alle Figuren in einem persönlichen Dilemma. 

Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist? 

Ich komme aus einer Musiker:innenfamilie und habe durchaus gut Geige gespielt, aber nach dem Abitur war klar, dass ich etwas anderes machen will. Es folgte eine lange Findungsphase, ich war als Rettungssanitäter in Italien, habe Medien- und Filmwissenschaft studiert und in allen möglichen Jobs gearbeitet. Irgendwo in mir gab es zwar immer den Wunsch, Filme zu machen, aber so richtig ernstgenommen habe ich ihn eigentlich erst, als ich in Berlin Leute kennengelernt habe, die in Babelsberg studiert haben. Als ich dann das erste Mal versucht habe, einen Film zu machen und dabei gnadenlos gescheitert bin, wusste ich mit überraschend großer Klarheit, dass ich genau das machen will. Ich glaube, dass es mich manchmal zu den Dingen zieht, die ich am wenigsten beherrsche. In der Regieposition arbeitet man ja immer mit Leuten zusammen, die sich auf ihrem Gebiet viel besser auskennen als man selbst. Das gefällt mir gut, diese Rolle als verantwortlicher Dilettant.

Sind bereits neue Projekte geplant? 

Ich recherchiere gerade in meiner Heimatstadt Suhl, die unweit der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze im Thüringer Wald liegt. Zu DDR-Zeiten ist die Stadt sehr schnell gewachsen, Waffen-, Fahrzeug- und Schwerindustrie florierten und um den historischen Stadtkern wurden bis in den Wald hinein Plattenbauviertel errichtet. In einem davon, im Stadtteil „Am Himmelreich“, bin ich aufgewachsen. Als Kind habe ich Suhl als einen düsteren, diffus bedrohlichen Ort wahrgenommen. Man könnte in Anlehnung an die Psychoanalyse sagen: Wo das Heim ist, da ist auch das Unheimliche. Nach der Wende verzeichnete die Stadt den größten Bevölkerungsrückgang in Deutschland und einige der leerstehenden Gebäude wurden 2015 zu einer Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete umstrukturiert. Die einheimische Bevölkerung begegnet den neu Ankommenden zum Teil sehr feindselig, obwohl sie kaum miteinander in Kontakt treten und die Einrichtung auch räumlich sehr isoliert auf einem Berg gelegen ist. Diese Parallelität von Lebensrealitäten, aber auch das Spannungsfeld zwischen meinem eigenen, zwiespältigen Verhältnis zu meiner Heimat auf der einen und dem Heimatverlust durch Krieg und Vertreibung auf der anderen Seite treibt mich um.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Haus am Hang

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