Sechs Fragen an Tobias Rothacker

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem Filmemacher und Bandmitglied Tobias Rothacker konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Antisocial“ erfahren, der auf dem 8. Obscura Filmfestival 2024 in Berlin zu sehen sein wird. Er erzählt, wie die Musik seiner Band Pedagogic Torment mit den Bildern zusammenkommt, welche Vorbilder bei der Entwicklung der Geschichte wichtig waren und warum er sich für Stop-Motion entschied. 

Wie ist die Idee für Deinen Film entstanden? War die Musik oder die Geschichte zuerst da?

Fertigstellung Puppenbau Western-Held

Tatsächlich war die Idee für den Kurzfilm noch vor der Musikauswahl in meinem Kopf fest geplant. Ich glaube, mich sogar noch zu erinnern, dass ich während der Produktion des vorhergehenden Videos „Consume Pedagogic“ bereits erste Ideen dazu entwickelt habe. Ich war so ungeduldig, dass ich erste Figuren in Szenarien des viel später fertiggestellten Kurzfilms „Antisocial“ einsetzte, um die Wirkung der beabsichtigten Bilder abschätzen zu können. Ich hatte sogar schon die ersten Takes im Kasten, als Martin (unser Gitarrist von Pedagogic Torment) den Song für die ersten Testaufnahmen zusammengestellt hatte.

Chaos am Arbeitsplatz

Als ich merkte, dass der entsprechende Song keine Elemente eines typischen Western-Songs beinhaltete, war das zunächst etwas irritierend. Aber ich konnte es schnell als zusätzliche Herausforderung annehmen, besser mit den gewohnten Klischees umzugehen, ohne musikalisch ein weiteres Klischee zu produzieren… was ich als überflüssig empfunden hätte. Da wir als Band auch gern mal andere Wege gehen und nicht die gewohnten Abläufe von konventionellen Songs einhalten, war ich umso mehr angetan, als ich merkte, dass der Song dennoch viele verschiedene Facetten in einem recht kurzen Titel vereinte. Als wir den Titel im Proberaum dann irgendwann geschnallt hatten und das Ding im Zusammenspiel rockte, war ich gespannt auf die fertige Aufnahme. Diese ließ allerdings länger auf sich warten, als ich mir überhaupt vorstellen konnte, da sich über den langen Produktionsprozess leider auch die ursprüngliche Bandkonstellation aufgelöst hat. Ein Jahr vor der Fertigstellung des Videos konnten wir den Song tatsächlich mit einem neuen Sänger und auch Schlagzeuger neu einstudieren. Daher ist das fertige Video für mich persönlich mit vielen Emotionen und Erinnerungen an die gemeinsame Bandzeit verbunden, die für uns auch immer ein Sozialprojekt war (ja, wir waren als Band sogar schon mal bei einer gemeinsamen Therapiesitzung, um die Köpfe wieder frei zu bekommen).

Kannst Du mir noch etwas zur Musik erzählen – schlägt in Deiner Brust ein Metal-Herz?

Skelett 01

Wenn ich so über die gesamte Zeitspanne von 2005 (unser erster Auftritt) bis heute, 2024, nachdenke, könnte ich nicht mit Bestimmtheit behaupten, dass in meiner Brust ein reines Metal-Herz schlägt. Unsere musikalischen Erstlingswerke waren dann doch eher eine Mischung aus Punk und Metal. Unser Musikgeschmack und die Eigenkompositionen der Band waren immer schwer in musikalische Schubladen zu packen. Am liebsten war es uns immer, wenn andere uns gesagt haben, was wir da gerade vom Stapel gelassen haben. Hauptsache, wir hatten Spaß und die Titel waren schnell, treibend und laut, teilweise auch provozierend, mit dem eher untypischen Death-Metal-Gesang. Dann hatten wir auch immer interessante Diskussionen, da wir in der Grundbesetzung der Band hauptsächlich aus Pädagogen bestanden. Daher sollten die Themen auch immer einen pädagogischen Bezug aufweisen.

Die neueren Songprojekte könnten tatsächlich mehr in den Metal-Bereich hinein kratzen, aber wenn es uns in den Kram passt, wird es auch mal poppig-schmalzig… oder dann doch wieder stumpfes Geklopfe mit Stöcken?

Warum hast Du Dich für die aufwändige Stop-Motion-Technik entschieden?

Schädel zum trocknen auf dem Kachelofen in der guten Stube

Ich glaube, dass ich an der Stop-Motion-Technik regelrecht gefressen habe. Vor einigen Jahren hatte ich mal die Schnapsidee, mit meiner damaligen Freundin (jetzt Ehefrau) ein schnelles Geburtstagsvideo in der Stop-Motion-Technik als Geschenk zu erstellen. Danach habe ich recht schnell angefangen, aus Knetfiguren etwas flüssigere Animationen zu produzieren. Es ist für mich auch heute noch ein ganz besonderer und magischer Moment, wenn die ersten Einzelbilder in eine bewegte Animation übergehen.

Beim Figurenbau aus Draht und anderen Materialien habe ich schnell gemerkt, dass es Sinn macht, mit Profis zu reden. Damals habe ich mich bei Jürgen Kling in einem mehrtägigen Workshop zum Figurenbau eingebucht. Das hat mir irgendwie den Rest gegeben, als ich festgestellt habe, dass es noch mehrere Menschen gibt, die sich tatsächlich mit diesem schrulligen und zeitaufwändigen Thema auseinandersetzen. Die Ideen- und Materialumsetzungen beim Figurenbau haben eine kreative Unruhe in mir ausgelöst – besten Dank dafür, Jürgen. Nun wache ich regelmäßig schweißgebadet auf und glaube, die nächste Lösung oder Idee für ein Animationsprojekt gefunden zu haben. Einfach herrlich!

Wie groß war Dein Team und wie lange hast Du zur Umsetzung gebraucht?

Friedhof

Als unkommerzielles Dauerprojekt ist natürlich mein ganzes Umfeld davon betroffen. Besonders meine Frau hat mir da den Rücken freigehalten, indem sie mir unerlässliche Nahrung vor dem Arbeitsraum platziert hat. Meine beiden Kinder wissen auch schon Bescheid, wenn es an die Animationsarbeit geht, mehrere Stunden die Tür geschlossen zu halten, um die Aufnahme nicht zu überbelichten. Ich hätte mir wohl doch eher das Hobby mit der Modelleisenbahn aussuchen sollen, aber da ist nichts mehr zu machen. Eine Team-Erweiterung von außen war tatsächlich dünn gesät. Für das vorangegangene Animationsprojekt haben mir tatsächlich zwei gute Freunde bei der technischen Umsetzung einer Kamera-Robotersteuerung geholfen. Tatsächlich bewegt sich der ferngesteuerte Kameraschlitten auf einer selbstgebauten Schiene aus zwei Besenstielen. Bei dem hier besprochenen Projekt „Antisocial“ hat mir unser Gitarrist Martin Herzog immer mal wieder bei den einzelnen Filmszenen geholfen. Bei so vielen Vor- und Nachbereitungsschritten verliert man allein schnell den Überblick. Martin hat mich immer wieder motiviert, den Aufwand jeder Szene zu wagen, ohne technische Kompromisse in den Vordergrund stellen zu müssen. Kreative Entscheidungen und visuelle Darstellungen habe ich ausgiebig in Zusammenarbeit mit ihm zusammengestellt (zum Glück ist er ein so geduldiger Kunstliebhaber). Kurz gesagt, die Produktionszeit hat bald mehr als fünf Jahre in Anspruch genommen – und das für gerade einmal 2 Minuten und 25 Sekunden Film.

Was war Dir optisch wichtig? Beziehst Du Dich auf Vorbilder?

Sehr frühe Skript Zeichnung für möglichen Szenenaufbau

In dem Video geht es um eine handelnde Person, einen Westernhelden, der bewusst mit klischeehaften Plattitüden ausgestattet ist. Diese Figur soll bereits mit bekannten Klischees im Kopf des Zuschauers gefüllt sein, was für mich die Charakterentwicklung verkürzt. In Form einer dargestellten Jagd auf Würmer wird eine schnelle Akzeptanz hergestellt. Das Westernklischee wird vor allem durch die Italo-Western der 60er und 70er Jahre geprägt, die tief in unserer Vorstellung verankert sind. Diese Filme zeigen oft gewaltsame Handlungen in Form von Selbstjustiz, die aus heutiger Sicht grausam und unsozial wirken können, aber dennoch selten hinterfragt werden. Ich wollte jedoch nicht die übliche Umkehr zur Selbstzerstörung zeigen, sondern mich auf die Jagd nach einem vermeintlichen Feind konzentrieren. Der Zuschauer nimmt den Feind als gegeben an, da es in solchen Geschichten immer einen Bösewicht geben muss. Diese Sehgewohnheiten prägen uns und lassen uns oft Handlungen akzeptieren, ohne sie zu hinterfragen – auch wenn sie, von außen betrachtet, gesellschaftliche Normen und Regeln negativ beeinflussen.

Schlagzeuger auf Felsen

Die verschiedenen Symbole, die ich verwendet habe, bieten unterschiedliche Stufen der Unrichtigkeit. Die Verfolgungsjagd gerät immer tiefer in Dimensionen des Fallens und des Hineingezogen-Werdens, etwa durch Türen in andere Dimensionen oder Reißverschlüsse, die vermeintlich Halt geben, aber zerstörerisch wirken, sobald man sie öffnet. Besonders in der vorletzten Szene war es mir wichtig, dass sich die Umgebung gegen die Hauptfigur richtet (der vermeintlich feste Boden dreht und verschiebt sich nach eigenen Gesetzen) und letztlich zu einem unwillkürlichen Sog in den Wahnsinn führt, der in einer Metamorphose endet. In der letzten Szene sollte für den Zuschauer nicht klar erkennbar sein, ob es sich um eine Verwandlung oder eine feindliche Übernahme handelt.

Miniaturen-Instrumentenbau

Da ich den Film über viele Jahre hinweg allein produziert habe, enthält jede Szene für mich eine persönliche Symbolik. Eine besondere Szene, die vermutlich nur verstanden werden kann, wenn ich sie erkläre, ist der Sturz in die Stube mit dem Tentakel und dem Kind vor dem Monsterfernseher. Diese Szene stellt für mich eine persönliche Dimensionsüberschneidung dar, da sich meine Band während des langwierigen Stop-Motion-Prozesses aufgelöst hatte. Ich habe Figuren aus einem früheren Musik-Stop-Motion-Projekt verwendet, um auch hier eine persönliche Verbindung herzustellen. Wer dies nachvollziehen möchte, kann sich das veröffentlichte Musikvideo auf YouTube ansehen: „Consume Pedagogic“ der Band Pedagogic Torment.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Köpfe modelieren

Um mich künstlerisch zu öffnen und andere Inhalte bearbeiten zu können, habe ich mehrfach E-Mails an Kunstschulen und Vereine versendet. Leider gab es zum Thema Stop-Motion-Animation und meine Anfragen auf Kooperationen sehr verhaltene bis gar keine Rückmeldungen. Zum Glück konnte ich dennoch einen kreativen und interessierten Künstler für ein kleines Folgeprojekt gewinnen – beste Grüße an Alex Neugebauer! Wir haben bereits Figurenzeichnungen für ein neues Projekt entworfen. Nun geht es fleißig an den Bau der Animationsfiguren. Dafür richte ich wöchentlich einen kleinen Workshop aus, um mein Wissen rund um die Animation weiterzugeben. Mein Ziel ist es, im Umsetzungsprozess vor Ort einen angeregten Austausch über einzelne Entscheidungen zu ermöglichen.

Set-Aufbau Friedhof mit Kamera-Roboter

Diesmal möchte ich jedoch kein Musikvideo umsetzen. Ich habe bereits Gespräche mit einem Hörspiel-Podcast aufgenommen und das Angebot unterbreitet, kleine Serienintros zu produzieren. Meine Hoffnung ist, dass der Aufwand überschaubar bleibt und die kreativen Prozesse immer wieder neu angeregt werden. Schauen wir mal, ob da in den kommenden Jahren etwas zustande kommt. Wenn sich natürlich jemand durch das gelesene Interview ermutigt fühlt, sich auf irgendeine Weise an einem Stop-Motion-Projekt beteiligen zu wollen, kann er sich gerne bei mir melden. Man sollte aber nicht glauben, dass man damit hierzulande Geld verdienen könnte – es ist und bleibt mordsmäßig zeitaufwändig, liebevoll anzusehen und eben etwas ganz Besonderes.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Antisocial

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