„A Different Man“ (2023)

Michael Kaltenecker
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Filmkritik: Kann man vor dem eigenen Aussehen fliehen und ein anderer Mensch werden? Um diese Frage geht es in „A Different Man“ (OT: „A Different Man“, USA, 2023), Aaron Schimbergs drittem Langfilm, welcher auf der 74. Berlinale 2024 im Wettbewerb seine internationale Premiere feierte.

Renate Reinsve und Sebastian Stan

Edward (Sebastian Stan) hat Neurofibromatose: gutartige Tumore wachsen auf seinem Körper, deutlich sichtbar in seinem Gesicht. Edward ist schüchtern und nicht sonderlich selbstbewusst, sieht sich selbst als entstellt und lebt in einer kleinen New Yorker Wohnung ein einsames Leben. Als die aufstrebende Theaterautorin Ingrid (Renate Reinsve) in seine Nachbarwohnung zieht fühlt er sich zu ihr hingezogen – auch wenn er nie wagt, diese Anziehung zu kommunizieren – und auch Ingrid scheint an Edward interessiert zu sein, wobei nie so ganz klar wird was dabei eigentlich ihre Motivation ist.

Edward nach seiner Behandlung

Als Edward die Gelegenheit bekommt, sich einer experimentellen Behandlung zur Heilung seiner Neurofibromatose zu unterziehen, ergreift er diese Gelegenheit und wird zum titelgebenden anderen Mann, augenscheinlich nicht nur in Bezug auf seine nun verschwundenen Tumore, er nimmt auch eine andere Identität an, arbeitet als ‚Guy‘ erfolgreich in der Immobilienbranche, zieht in eine größere Wohnung um und verhält sich selbstsicherer.

Sebastian Stan, Renate Reinsve und Adam Pearson

Eines Tages stolpert er in die Proben eines Theaterstücks über sein ehemaliges Leben von seiner früheren Nachbarin Ingrid, die nichts über seine neue Identität und sein neues Aussehen weiß. Er will unbedingt die Hauptrolle spielen und kann Ingrid davon überzeugen. Plötzlich taucht jedoch Oswald (Adam Pearson) auf, der sehr extrovertiert ist und, weil er auch an Neurofibromatose erkrankt ist, auf das Theaterstück aufmerksam wurde und gerne mitspielen will. Edward hat Schwierigkeiten damit, dass jemand anderes seine Geschichte erzählen soll. Alte Verhaltensmustern tauchen wieder auf und vermischen sich mit den Neuen, ob auf der Bühne oder im Alltag: Edwards Vergangenheit ist noch ganz präsent.

Wie auch schon andere Filme in diesem Jahr – „The Substance“ ist der offensichtlichste Vergleichsfilm – beschäftigt sich „A Different Man“ mit der Rolle des eigenen Körpers, damit wie wir uns selbst wahrnehmen, wie andere uns wahrnehmen und auch welchen Einfluss diese Wahrnehmung auf unser und das Verhalten von anderen hat. Überbordende Extrovertiertheit bei Oswald und verschlossene Introvertiertheit bei Edward als zwei Wege, mit ihrer Krankheit umzugehen, bilden dabei die beiden Gegenpole des Films. Ingrids teilweise verständliche, teilweise unangenehme Faszination für beide Pole ist ein weiterer wichtiger Aspekt des Films. 

Adam Pearson und Sebastian Stan

Natürlich folgt auf Edwards körperliche Veränderung bei ihm auch eine mentale Veränderung. Auch daraus, wie die Welt auf ihn jetzt reagiert, ergeben sich für ihn neue Möglichkeiten. Aber ist er dadurch ein völlig anderer Mann? Ist die körperliche Veränderung für ihn überhaupt die einzige Möglichkeit für ihn, ein anderer Mann zu werden? Dabei macht es sich der Film aber nicht einfach und umschifft das Klischee, dass Veränderung nur von Innen heraus passieren kann.

Sebastian Stan als Edward (in hervorragender Maske) und Adam Person (der tatsächlich Neurofibromatose hat) als Oswald spielen die beiden intro- und extrovertierten Gegenpole dabei ganz hervorragend. Sebastian Stan schafft es aber auch, in seiner Transformation Veränderung und Kontinuität miteinander zu verbinden. ‚Guy‘ ist anders als Edward, aber wir können doch Edward in ‚Guy‘ erkennen. Renate Reinsve zeigt als Ingrid unschuldig wirkendes ernsthaftes Interesse an Edward und später Oswald, spielt Ingrid aber so, dass es immer auch Zweifel an ihren Motiven gibt. Die Physikalität der 16mm-Filmaufnahmen zusammen mit der Musik von Umberto Smerilli, welche perfekt passende Genre-Anleihen in den Film einbringt – ohne, dass es sich hierbei um einen Genre-Film handelt – unterstützen Handlung und Themen des Films: Der Körper als physisches Objekt, nicht ganz ein Gefängnis, aber doch ein Etwas, dem wir uns nicht entziehen und vor dem wir nicht fliehen können.

Für mich persönlich, als jemand, der introvertiert ist und viel Gewicht verloren hat, war es leicht, mich mit Edward zu identifizieren. Natürlich war ich irgendwie jemand anders, natürlich wurde ich anders behandelt, anders wahrgenommen – letztlich fühlte ich mich innerlich trotz aller Änderungen nicht oder nur wenig verändert und meine Vergangenheit gehört genauso zu mir wie meine Gegenwart. Unser Körper beeinflusst unser Selbst nicht nur in dem, wie er jetzt gerade ist, sondern auch in dem, wie er einmal war. Insofern war „A Different Man“ für mich auch ein ganz persönlicher Film. Da aber alle von uns bestimmt eine Erfahrung mit körperlicher Veränderung und auch Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper mitbringen, ist der Film aber sicherlich universeller als ich das aus meiner ganz persönlichen Perspektive vermute.

Kinostart: 5.12.2024

Trailer zum Film „A Different Man“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

  • 74. Internationale Filmfestspiele Berlin 2024 – Katalog (Programm ‚Wettbewerb‘)
  • A Different Man Anna Wollner & Tom Westerholt Berlinale 24 – deutsche Film herausragend Podcast: Deutschlandfunk Nova – 1 Stunde Film 21.02.2024
  • A Different Man, in Podcast: Pop Culture Happy Hour, 07.10.2024.
  • Episode 369: „A Different Man“ with Kristen Lopez, in Podcast: Maximum Film, 27.09.2024.
  • A Different Man #306 Der verstörendste Film des Jahres“ Podcast Cinema Strikes Back 27.09.2024
  • Leila Latif, Joker Folie a Deux / A Different Man + Aaron Schirmberg / Chained of Life (2019), in Podcast: Truth & Movies: A Little White Lies Podcast, 04.10.2024.

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