Sechs Fragen an Marta Monteiro

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der portugiesischen Künstlerin und Filmemacherin Marta Monteiro konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Cold Soup“ (OT: „Sopa Fria“), der auf dem 40. interfilm Festival Berlin 2024 lief, erfahren, warum sie sich für eine Animadok über häusliche Gewalt entschied, wie das Voice-Over beschaffen sein musste und wie sie die passende Animationen fand.

The original english language interview is also available.

Wie kam es dazu, dass Du diese Geschichte einer gewalttätigen Ehe als Animationsfilm erzählen wolltest? 

Ich habe schon immer gerne gezeichnet, daher ist Animation für mich ‚natürlicher‘ als Live-Action-Filme. Als ich beschloss, einen weiteren Film zu machen („Cold Soup“ ist mein dritter), wusste ich, dass ich eine Geschichte aus der Perspektive einer Frau erzählen wollte, denn das ist die einzige ‚Regel‘, die ich beim Filmemachen habe. Damals las ich auch eine dreiseitige Comic-Geschichte von Joana Estrela (veröffentlicht in einem portugiesischen Fanzine) über eine misshandelte Frau, und da stand für mich fest, worum es in dem Film gehen sollte. Außer dem, was ich in den Nachrichten hörte, wusste ich fast nichts über häusliche Gewalt. Und ich hatte einen Zweifel, der mir immer wieder in den Sinn kam, wenn ich hörte, dass eine andere Frau von ihrem Mann getötet worden war: „Warum bleiben Frauen so lange in einer gewalttätigen Beziehung?“ Ich hoffe, dass der Film diese Frage auch für die Zuschauer beantworten kann.

In nur wenigen Minuten erzählst Du die Geschichte – was war Dir bei dem Voice-Over wichtig? 

Die einfache und objektive Art, wie sie ihre Geschichte erzählt, ist das Wichtigste. Ich wollte nicht viel Spielraum für Interpretationen haben, und die fast belehrende Art, in der sie ihre Ehe beschreibt, war auch etwas, das ich gesucht habe. Vor allem, weil ich beim Schreiben des Drehbuchs auch viel über häusliche Gewalt gelernt habe, aber auch, weil die Menschen im Allgemeinen falsche Vorstellungen davon haben.

In welchem Rahmen – über welche Zeit und in welcher Teamgröße – ist Dein Film entstanden? 

Ich habe vier bis fünf Monate gebraucht, um das Drehbuch zu schreiben, das Storyboard und die Animationen zu erstellen. Gleichzeitig habe ich aber auch an der Illustration gearbeitet. Das Team, mit dem ich in der Postproduktion zusammengearbeitet habe (Animation, Inbetweens, Musik usw.), war eine kleine Gruppe von acht bis zwölf Personen. Und es dauerte eineinhalb Jahre, bis der Film in der Postproduktion fertig war.

Ich mag die verschiedenen Animationstechniken, die Du verwendest hast. Kannst Du mir über dein visuelles Konzept sagen und was Dir visuell am Herzen lag? 

Jedes Mal, wenn ich einen Film mache, versuche ich, eine andere Technik oder ein anderes Bild zu verwenden. Bei „Cold Soup“ habe ich an Fotos gedacht, weil ich mit dem Betrachten von Fotoalben meiner Familie aufgewachsen bin. Das tue ich auch heute noch. Diese Alben waren in den 70er und 80er Jahren sehr beliebt, um Familienerinnerungen aufzubewahren. Da die Frau im Film sich erinnert, dachte ich, dass Fragmente von Fotos eine Möglichkeit sein könnten, sowohl die Vergangenheit als auch die Erinnerung zu verstärken. Und die Bilder werden immer als Ausschnitte präsentiert, die herausgerissen wurden, aus ihrer ursprünglichen Quelle ebenso herausgeschnitten wie die Frau aus einem normalen und schönen Leben.

Was die Linienzeichnung betrifft, so wollte ich ein visuell zerbrechliches Element, so verletzlich wie Frauen unter physiologischem Missbrauch werden. Obwohl ich weiß, dass es viel Kraft erfordert, Gewalt über so viele Jahre hinweg zu ertragen, war es mir wichtiger, die Verletzlichkeit zu zeigen, die durch das Gaslighting entsteht.

Kannst Du mir noch ein bisschen von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist? 

Als ich an der Universität Bildhauerei studierte, hatte ich ein paar Freunde, die in einem Animationsstudio namens Filmógrafo arbeiteten. Später habe ich auch dort gearbeitet, weil es ganz in der Nähe der Universität lag und sie immer Leute für die Projekte des Studios brauchten. Außerdem besuchte ich unter dem Einfluss meiner Freunde das Cinanima, ein sehr wichtiges Animationsfilmfestival in Espinho. Kurz gesagt, Freunde, die Arbeit in einem Animationsstudio und der Besuch von Festivals haben mein Interesse am Filmemachen geweckt.

Sind bereits neue filmische Projekte geplant? 

Ich würde gerne weiter Filme machen, aber der Produktionsrhythmus ist sehr schnell, lässt nicht viel Raum für Versuch und Irrtum und ich habe nicht so viel Freiheit, wie ich es mir gewünscht hätte. Wenn sich die Art und Weise, wie Filme in meinem Land gemacht werden, nicht drastisch ändert oder ich einen Weg finde, es selbst zu machen, werde ich keine Filme mehr machen. Aber wenn ich jemals meine Meinung ändere, wird es darum gehen, wie die Arbeit mich verändert hat oder mich als Person definiert.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Cold Soup


Interview: In our conversation with Portuguese artist and filmmaker Marta Monteiro, we found out more about her short film „Cold Soup“ (OT: „Sopa Fria“), which screened at the 40th interfilm Festival Berlin 2024, why she decided to make an animadoc about domestic violence, what the voice-over had to be like and how she found the right animations.

How did it come about that you wanted to tell this story of a violent marriage as an animated movie? 

I’ve always loved drawing so animation is more „natural“ to me than live action films. When I decided to make another film („Cold Soup“ is my third) I knew I wanted to tell a story from a woman’s perspective, because that’s the only „rule“ I have in filmmaking. At the time I also read a three page comic story by Joana Estrela (published in a Portuguese fanzine) about a battered woman, and that’s when I decided what the film was going to be about. Except for what I heard on the news, I knew almost nothing about domestic violence. And had a doubt that always came to mind when I heard another woman had been killed by her husband: „Why is it that women stay for so long in a violent relationship?“ I hope the film might answer that for the audience too.

In only a few minutes you tell the story – what was important to you in the voice over? 

The simple and objective way she tells her story is what’s most important. I didn’t want much room for interpretation and the almost educational way she describes her marriage was also something that I was looking for. Mostly because I also learned a lot about domestic violence while writing the script but also because people in general have misconceptions about it.

Under which circumstances – over what time and with what team size – was your film made? 

It took me 4 to 5 months to write the script, do the storyboard and animatic. But I was also doing illustration work at the same time. The team I worked with in post production (animation, inbetweens, music, etc) was a small group of 8 to 12 people. And it took one year and a half to finish the film post production.

I like the different animation techniques you used. Can you tell me about your visual concept and what was important to you visually? 

Every time I make a film I try to use a different technique or visual. For „Cold Soup“ I thought about photographs because I grew up looking at my family photo albums. I still do nowadays. These albums were very popular in the 70’s and 80’s as a way of keeping family memories alive. Because the woman in the film is remembering, I thought fragments of photos could be a way to reinforce both the past and memory. And the pictures are always presented as cut outs, that were torn out, cut from its original source as much as the woman was from a normal and fair life.

As for the line drawing I wanted a visually fragile element as vulnerable as women become under physiological abuse. Although I know it takes a lot of strength to endure violence for so many years, it was more important to me to show the vulnerability that comes from being gaslighted.

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to filmmaking? 

When I was at university studying sculpture I had a few friends who worked at an animation studio named Filmógrafo. Later, I also worked there since it was very close to university and they were always needing people for the studio projects. Also, influenced by my friends I went to Cinanima, a very important animation festival in Espinho. In short, friends, working at an animation studio and going to festivals, were what got me interested in filmmaking.

Are there any new film projects planned? 

I would love to keep on doing films but the production rhythm is very fast, doesn’t leave much room for trial and error and I don’t have as much freedom as I wished. Unless the way films are done in my country drastically changes, or I find a way of doing it by myself I won’t be doing films anymore. But if I ever change my mind it will be about how work changed me or defines me as a person.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Cold Soup

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