Sieben Fragen an Jona Schloßer

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Regisseur Jona Schloßer konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Trance“, der auf dem 26. Landshuter Kurzfilmfestival 2026 mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, erfahren, wie seine eigene Erfahrungen als Rettungssanitäter den Film geformt haben und wie wichtig das Echte und Dokumentarische in seinem Kurzspielfilm ist.

Was war der Ausgangspunkt für Deinen Film? Warum hast Du Dich entschieden, den Beruf der Hauptprotagonistin einzufangen?

Der Ausgangspunkt für den Film war meine eigene Ausbildung zum Rettungssanitäter 2024. Schon seit meinem Abitur haben mich die Erzählungen von Freunden fasziniert, die als Sanitäter arbeiten – ich hatte immer das Gefühl, dass sich dahinter viele intensive Schicksale und Geschichten verbergen. Auch das Feld der Notfallmedizin hat mich schon lange interessiert, ohne dass für mich ein Medizinstudium in Frage kam. Mich hat vielmehr gereizt, in akuten Situationen zu wissen, welche Maßnahmen man in kürzester Zeit ergreifen kann, um Menschen zu helfen oder sogar zu retten.

Anna Bardavelidze

Während der sechs Monate Ausbildung habe ich extrem viel erlebt. Die Zeit war sehr intensiv und erdend – einige Einsätze haben mich berührt, andere glücklich gemacht und manche auch verstört. Viele dieser Erfahrungen sind fast eins zu eins in „Trance“ eingeflossen. Besonders interessant fand ich den Umgang meiner Kollegen mit solchen Situationen. Im Rettungswesen stumpfen viele ab, um mit dem Erlebten umgehen zu können. Gleichzeitig herrschen konstante Überarbeitung und ein nachweislich ungesundes Schichtsystem. Unser Rettungswesen verbrennt viele junge Menschen, die hoch motiviert in den Beruf starten.

Aus diesen Erfahrungen und Gesprächen entstand der Wunsch, einen Film in diesem Milieu zu erzählen. Relativ schnell kristallisierte sich dabei das Thema „Überforderung“ heraus – ein Zustand, der nicht nur das Gesundheitssystem beschreibt, sondern auch mich persönlich beschäftigt. Während meiner Ausbildung bin ich selbst immer wieder an meine Grenzen gestoßen. Gemeinsam mit meinem Autor Amar Mehmedovic wollte ich dieses Thema in eine persönliche, emotionale Geschichte übersetzen. Mit dem zentralen Konflikt, den die Protagonistin Yasmin erlebt, identifizieren Amar und ich uns auch: ein starker Ehrgeiz und der Drang, es „zu schaffen“, gepaart mit der Schwierigkeit, die eigenen Grenzen zu akzeptieren. Amar hat dann noch seine eigene Perspektive auf den Stoff und die Figur hineingebracht. Über ein halbes Jahr hinweg haben wir diese Elemente gemeinsam zu einem Drehbuch verdichtet – daraus ist „Trance“ entstanden.

Anna Bardavelidze

Dein Film wirkt stellenweise komplett dokumentarisch. Kannst Du mir zur Umsetzung des Films erzählen – wo, wie und mit welchen realen Requisiten und an welchen Schauplätzen ihr gedreht habt?

Der Begriff des „dokumentarischen“ Ansatzes wird an Filmhochschulen oft inflationär verwendet und hat mich lange eher abgeschreckt. Häufig wird schon bei Handkamera und reduziertem Spiel von „dokumentarisch“ gesprochen. Gleichzeitig war mir früh klar, dass unsere Geschichte stark von meinen eigenen Erfahrungen im Rettungsdienst lebt – und diese waren unmittelbar, roh und ungefiltert.

Deshalb habe ich mich bewusst dafür entschieden, den Film auch entsprechend umzusetzen. Mir war wichtig, dass sich die Situationen „echt“ anfühlen – im besten Fall auch für Menschen aus dem Rettungsdienst selbst. Um diese Authentizität zu erreichen, habe ich nach dem Casting den Fokus darauf gelegt, die beiden Hauptdarsteller intensiv in die Notfallrettung einzuführen. Anna und Philip haben Praktika auf dem Rettungswagen absolviert und gemeinsam mit mir die Abläufe anhand von Puppen und realem medizinischem Equipment geübt.

Bei diesen Proben ging es ausschließlich um die medizinischen Abläufe, nicht um das Schauspiel. Ich arbeite generell ungern mit klassischen Proben und versuche, die Szenen möglichst frisch zu halten. Oft sind die ersten Takes für mich bereits Teil des eigentlichen Spiels. Zusätzlich wurde der gesamte Prozess von einem erfahrenen Notfallsanitäter begleitet, der alle Abläufe überprüft und uns eng unterstützt hat.

Durch Kontakte im Rettungsdienst konnten wir echtes medizinisches Equipment einsetzen. Im Film sind unter anderem echte intravenöse Zugänge, Spritzen, EKG-Verkabelungen und Sauerstoffmasken zu sehen. Auch bei den Fahrzeugen wurden wir unterstützt. Das Krankenhaus selbst haben wir allerdings gebaut – es handelt sich dabei um eine umgebaute Fachhochschule in Ludwigsburg. Alle weiteren Drehorte wurden in und um Ludwigsburg gefunden.

Was lag euch darüber hinaus noch visuell am Herzen – gerade was die Kameraführung betrifft?

Philip Günsch

Das Kamerakonzept orientierte sich konsequent an der Gefühlslage der Protagonistin Yasmin. Der dokumentarisch anmutende Ansatz war dafür ein wichtiges Mittel. Mir war entscheidend, dass die Schauspieler sich frei bewegen können – deshalb haben wir Abläufe nie exakt wiederholt, sondern viel improvisiert. Daraus ergab sich fast zwangsläufig eine Erzählweise aus der Hand.

Diese Unruhe sollte sich durch den gesamten Film ziehen. Gleichzeitig war es mir wichtig, die Geschichte konsequent aus Yasmins Perspektive zu erzählen. Der Stress steigert sich kontinuierlich, bis es zum fatalen Unfall kommt. Dieser Wendepunkt sollte auch visuell spürbar werden.

Während der Film zuvor durch schnelle Schnitte, unmittelbare Einstiege und eine eher hektische Kamera geprägt ist, verändert sich die Form an dieser Stelle. Die Idee einer Plansequenz entstand früh im Prozess. Anfangs hatte ich Bedenken, nicht in ein zu Technik fokussiertes Ende abzurutschen – letztlich hat es sich aber als sehr stimmig erwiesen. Die Hektik kommt zum Stillstand, und die erzählte Zeit entspricht plötzlich der realen Zeit. Das Ende dehnt sich, wird fast unerträglich – und ermöglicht es dem Publikum, gemeinsam mit Yasmin innezuhalten und zu begreifen, was passiert ist.

Was den visuellen Stil betrifft, war es mir gemeinsam mit meinem DP Jona Riese wichtig, eine rohe und unmittelbare Bildsprache zu finden. Filme wie „Blue Bayou“ oder „Fish Tank“ waren dabei Referenzen. Diese Haltung hat sich auch im Szenenbild und Kostüm fortgesetzt. Besonders wichtig war uns, dass das Umfeld von Yasmin auch etwas über ihre Lebensrealität erzählt und dass alle medizinischen Elemente glaubwürdig sind. Für die Kostüme haben wir eigene Sanitäteruniformen entworfen, da die üblichen Signalfarben nicht zu unserem visuellen Konzept gepasst hätten.

Nicht nur visuell macht ihr den Stress erlebbar, sondern auch durch das nahbare Spiel aller Darstellenden. Kannst Du mir mehr zur Besetzung sagen?

Bei der Besetzung wurden wir von der Casterin Karimah El-Giamal unterstützt. Auf Basis ihrer Vorschläge haben wir zunächst ein Online-Casting und anschließend ein Konstellationscasting durchgeführt, bei dem wir Anna und Philip gefunden haben. Entscheidend war neben ihrer schauspielerischen Qualität vor allem ihre Bereitschaft, sich intensiv auf die Vorbereitung einzulassen.

Philip Günsch

Beide haben sich mit großer Offenheit und Neugier auf die Arbeit im Rettungsdienst eingelassen. Schon in den ersten Probeaufnahmen hat mich ihre Dynamik überzeugt. In den Monaten vor dem Dreh standen wir in engem Austausch über die Figuren und die Geschichte. Beide haben sehr schnell verstanden, worum es mir geht und wie ich die Figuren sehe.

Am Set habe ich mich dann häufig vom geschriebenen Dialog gelöst und freier gearbeitet. Dadurch sind viele unterschiedliche Takes entstanden, in denen wir gemeinsam nach Momenten gesucht und viel ausprobiert haben.

Habt ihr auch mit Menschen zusammengearbeitet (auch vor der Kamera), die wirklich in der Branche oder bei der Feuerwehr arbeiten?

Neben unseren beiden Hauptdarstellern – und der Notärztin, gespielt von Katharina Hauter – standen ausschließlich echte Sanitäter, Notärzte, Polizisten und Feuerwehrleute vor der Kamera. Wir haben in diesem Projekt große Unterstützung aus dem Rettungswesen bekommen. Dass viele Beteiligte ihren eigenen Beruf gespielt haben, hat der Authentizität des Films enorm geholfen.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr zu Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Filmteam von „Trance“ auf dem 26. LAKFF

Schon früh war mir klar, dass ich an eine Filmhochschule gehen möchte. Ich habe das Filmemachen zunächst über die Fotografie für mich entdeckt und konnte mit 16 Jahren an einer halbjährigen Reise auf einem Traditionssegler teilnehmen, die ich für meinen ersten Film („My Big Journey“) dokumentiert habe.

In den darauffolgenden Jahren konnte ich erste Erfahrungen am Set sammeln, unter anderem bei deutschen Fernsehproduktionen. Nach dem Schulabschluss habe ich als Regieassistent gearbeitet und in diesem Zusammenhang auch Dominik Graf kennengelernt, der meine Arbeit seitdem begleitet. Parallel dazu habe ich eigene Kurzfilme realisiert und mich an Filmhochschulen beworben. 2021 wurde ich schließlich an der Filmakademie Baden-Württemberg für das Regiestudium aufgenommen.

Mich reizt besonders, in Bereiche und Milieus einzutauchen, die weit von meiner eigenen Lebensrealität entfernt sind, und diese filmisch zu erforschen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, aktuell arbeite ich bereits an einem neuen Projekt. Ich komme gerade aus Antwerpen zurück, wo wir für eine intensive Recherche unterwegs waren. Gemeinsam mit Amar Mehmedovic entwickle ich unseren ersten Langfilm, der im Milieu der organisierten Kriminalität spielt.

Im Zentrum stehen sogenannte „Uithaler“ – Teenager, die in Frachtcontainern in Häfen eingeschleust werden, um dort Kokainladungen zu bergen. Wir erzählen diese Geschichte aus der Perspektive einer Jugendlichen. Momentan befinden wir uns noch im Treatment und planen, das Drehbuch bis September 2026 fertigzustellen.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Trance

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