Acht Fragen an Susanne Komorek und Robert Schulzmann

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit den beiden Filmemacher:innen Susanne Komorek und Robert Schulzmann konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Seagulls“ erfahren, der im Kurzfilmprogramm der 58. Internationale Hofer Filmtage 2024 lief, dass der Film Teil einer geplanten Serie ist, wie sie Wanja, ihren Protagonisten kennengelernt haben und wie weit er die Tanz-Choreographie frei entwickeln durfte.

Wie entstand die Idee zu diesem Projekt?

Wir sind als osteuropäische Migranten (Robert hat russisch-jüdische Wurzeln und Susanne ist in Polen geboren) in Berlin tief mit dem Thema des Krieges verbunden, besonders mit dem Krieg in der Ukraine. Unsere Stadt ist ein Ort, der viele Menschen aus Konfliktregionen aufnimmt, darunter viele Künstler. Wir wollten diese persönlichen Geschichten anders erzählen, abseits der üblichen Berichterstattung. Der Einsatz von Tanz und darstellender Kunst ermöglicht es uns, die emotionalen Aspekte und individuellen Schicksale auf eine tiefere Weise darzustellen und so die gewohnten Bilder zu umgehen. Diese Methode kann das Publikum bei einem mittlerweile sehr alltäglichen und gewohnten Thema wieder ins Fühlen und Mitfühlen bringen. Das Projekt ist ein Pilot für eine Serie, die Künstlerinnen und Künstler aus verschiedene Konfliktregionen porträtieren soll.

Wie habt ihr Wanja kennengelernt und wie schnell habt ihr ihn für den Film gewinnen können?

Ein gemeinsamer Freund und Schauspielagent hat uns mit Wanja, einem Performer, DJ und Künstler aus Kiew zusammengebracht, als wir gerade auf der Suche nach einem Tänzer waren, der oder die von seiner Fluchtgeschichte erzählen wollte und es war sofort klar, dass seine Geschichte perfekt in unseren Film passt. Die Art, wie er von den Erlebnissen seiner Flucht erzählt hat, war bereits so visuell, dass uns klar war, dass es sehr fruchtbar sein würde, den Film zusammen zu machen. Besonders berührt hat uns die Fragilität von Wanja, der einen sehr männlichen und gleichzeitig so verwundbaren Körper hat. Der Hintergrund seiner Flucht, nicht für den Kriegsdienst eingezogen zu werden, ist in seiner Geschichte ein zentrales Thema und spiegelt sich, wie wir finden, sehr in seiner Körperform und -haltung wider. Die Zusammenarbeit war von Anfang an sehr harmonisch und wir haben schnell ein Team gefunden, mit dem wir den Film realisieren konnten. Wir haben dafür keine Förderung beantragt, weil es uns wichtig war, den Film so schnell wie möglich zu realisieren. So verging von der ersten Idee bis zum fertigen Film weniger als drei Monate. Seitdem sind wir befreundet und bleiben in Kontakt. Es war eine wirklich tolle Zusammenarbeit.

Was lag euch visuell am Herzen? Wo und wie lange habt ihr gedreht?

Visuell lag uns eine ästhetisierte Kameraführung besonders am Herzen, mit Wanja als Performer im Fokus. Die Kamera und somit auch der Zuschauer sollten Teil der Choreografie werden und sich sozusagen mit Wanja zusammen bewegen. Es war uns wichtig, ihn nicht als Opfer, sondern als aktiven Künstler darzustellen, der trotz seiner Erlebnisse mit seiner Situation aktiv umgeht. Wir haben uns im Vorfeld viele Gedanken über passende Bilder gemacht, um seine Antworten visuell zu verstärken. Wir wollten, dem Film bewusst einen ästhetisierten Look geben, um die Geschichte noch emotionaler fühlbar zu machen. Das gilt für das Licht, aber auch bei der Wahl der charakteristischer Vintage Objektive und der Entscheidung auf der Alexa Mini LF mit Vollformatsensor zu drehen. Gedreht haben wir zwei Tage in Berlin und Umgebung, wobei die Wahl des Waldes und der Sumpflandschaft die visuelle Ebene seiner Geschichte noch einmal verstärkt hat.

Durfte Wanja seine eigene Tanzperformance mitbringen oder habt ihr diese gemeinsam entwickelt?

Wir haben Wanja viel Freiheit in der Gestaltung seiner Performance gegeben, um seinen speziellen Stil einzubringen. Gemeinsam haben wir regelmäßig geprobt, um den richtigen Ausdruck für den Film zu finden. Dabei haben wir auch Elemente aus Kundalini und Atemübungen integriert, um die Performance auf eine Ebene zu bringen, die Wanja die Möglichkeit gegeben hat, noch tiefer einzusteigen und mehr aus sich herauszukommen. Das hat der Performance zusätzliche Intensität verliehen. 

Das Voice-Over habt ihr vorher aufgezeichnet, oder? Wie viel Material ist dabei entstanden und war es schwer, es auf fünf Minuten einzudampfen?

Wir haben uns im Vorfeld für eine Interviewsession getroffen. Das Interview dauerte knapp über eine Stunde, wobei viele Fragen bereits auf vorhergegangenen Gesprächen basierten. Es war trotzdem sehr schwer, das Interview in fünf Minuten zu destillieren, aber wir wussten, dass ein längeres Voice Over eine andere Dramaturgie benötigt hätte, als wir uns für diesen Film gewünscht hatten. 

Könnt ihr mir noch ein bisschen mehr von Euch erzählen und wie Ihr zum Film gekommen seid?

Robert: Ich mache seit meiner Jugend Filme. Ich fing mit dem Dokumentarfilm an, was auch immer meine Leidenschaft geblieben ist. Seit meinem Kamerastudium an der Filmuniversität Babelsberg arbeite ich auch gerne szenisch und auch werblich. In diesem Projekt habe ich versucht, die verschiedenen Welten zusammenzubekommen. 

Susanne: Ich komme eigentlich vom Design, habe Kommunikationsdesign in Mainz studiert. Beschäftige mich hauptberuflich eigentlich seit jeher mit grafischen Elementen und ästhetischer Gestaltung in Web und Print und seit einiger Zeit auch als UX-Designerin. Was die Gestaltung von Bildwelten angeht, übertrage ich meine Designexpertise ganz gerne in die Filmgestaltung und experimentiere gerne mit diesem Medium. 

Wie seid ihr zusammen als Regie-Duo zusammengekommen und gibt es eine klare Aufgabenstellung?

Wir sind seit mehr als 12 Jahren privat ein Paar und haben zwei gemeinsame Kinder. Wir haben uns darüber hinaus aber immer für die Projekte des anderen interessiert und uns so immer gegenseitig unterstützt. Es hat uns immer Spaß gemacht, gemeinsame Projekte zu machen, weil wir uns sehr gut ergänzen und uns so gut kennen, dass man sich in vielerlei Hinsicht vertraut. Susanne ist gut im Konzipieren, während Robert sehr gut intuitiv im Moment arbeiten kann. In der Praxis hat Susanne die Leitung der inhaltlichen Konzeptionsarbeit und des Storytellings, während Robert als DoP das Kamerakonzept baut, das Lichtkonzept entwirft und die Tech-Crew am Set anleitet. Die Montage läuft oft gemeinsam. Es variiert aber oft stark von Projekt zu Projekt. 

Seagulls“ ist als Teil eines seriellen Projekts gedacht. Wie geht es jetzt weiter? Sind noch andere Projekte – allein oder gemeinsam – geplant?

Wir haben „Seagulls“ als Piloten für eine Miniserie konzipiert, weil wir der Meinung sind, dass es viele Menschen gibt, deren Geschichte es wert ist, auf eine ähnliche Weise erzählt zu werden. Es gibt in Berlin viele Menschen, die aus politischen Gründen, aufgrund von Verfolgung und Krieg aus ihren Heimatländern in Afrika, im Nahen Osten oder Zentralasien geflohen sind. Es muss nicht immer Tanz sein. Es gibt schier unendlich viele Arten, sich performativ mit seinem Körper auszudrücken. Gerade suchen wir nach Förderung, um dieses Serienprojekt umzusetzen und hoffen, in naher Zukunft noch weitere Filme produzieren zu können. 

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Seagulls

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