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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Filmemacher Simon Schneckenburger („Everybody Leaves In The End“) konnten wir mehr über seinen 29-minütigen Kurzfilm „Skin on Skin“ erfahren, der auf dem 46. Filmfestival Max Ophüls Preis 2025 den Publikumspreis im Wettbewerb Mittellanger Film und dem 25. Landshuter Kurzfilmfestival 2025 den Großen BMW-Kurzfilmpreis gewonnen hat. Er erzählt uns, wie er hier ein authentisches, verdichtetes Portrait der Arbeit auf einem Schlachthof mit einer Liebesgeschichte zusammenbrachte, wie sie das visuell eingefangen haben und ob auch eine Kritik an der Fleischindustrie in dem Kurzfilm mitschwingt.
Dein Film erzählt zwei Geschichten, eine Liebesgeschichte und die Arbeit in einem Schlachthof. Wie entstand die Idee zu Deiner Geschichte?
Die Idee zum Film hat ihren Ursprung im Schlachthof. Dieser Ort hat mich schon länger beschäftigt – als ein extremes Arbeitsumfeld: laut, funktional, körperlich hart. Aber gerade in dieser Härte liegt auch eine gewisse Intimität, weil Menschen dort auf engstem Raum miteinander arbeiten, sich oft wortlos verstehen müssen und miteinander aushalten. Ich fand es spannend, diesen Widerspruch zu erzählen: Ein Ort, der eigentlich für Ausbeutung und Abstumpfung steht, wird plötzlich zu einem Raum der Begegnung.
Daraus entstand die Idee, eine Liebesgeschichte genau in diesem Umfeld zu erzählen. Mir ging es darum, meinen Figuren große Gefühle zuzugestehen, ohne ins Kitschige abzurutschen. Der Kontrast zwischen Brutalität und Zärtlichkeit, zwischen Kälte und Wärme hat mich gereizt. Liebe kann auch dort entstehen, wo man sie am wenigsten erwartet. Und gerade weil der Alltag der Figuren so von Monotonie, Einsamkeit und Aussichtslosigkeit geprägt ist, wird jede echte Verbindung umso bedeutungsvoller. Auch in den härtesten Momenten sollte ein Grundrauschen von Liebe und Solidarität spürbar bleiben – etwas, das vielleicht leise ist, aber nicht verschwindet. Und genau daraus ziehen die Figuren ihre Kraft: aus einer Begegnung, die nicht alles verändert, aber genug ist, um wieder an sich selbst, an Würde und an persönliche Freiheit zu glauben.
Für mich steckt da eine klare Kritik an der Fleischindustrie drin – inwieweit war das intendiert?
Die Kritik an der Fleischindustrie war durchaus intendiert, aber es war mir wichtig, keinen Film zu machen, der alles kommentiert oder belehrend wirkt. Ich wollte einen Film schaffen, der über seine Bilder, seine Figuren und die Atmosphäre erzählt – und dadurch zum Nachdenken anregt. Als Orte der Gewalt, Isolation und toxischen Männlichkeit sind Schlachthöfe oftmals extrem und subtil zugleich. Sie existieren nur am Rande unserer Wahrnehmung, bewusst verborgen hinter Mauern, eine Schattenwelt, in der die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität oft verschwimmen und Räume der Ausbeutung entstehen. Besonders in Deutschland, einem der weltweit größten Exporteure von Schweinefleisch. Die Arbeitenden werden in ihrer Entfaltung bewusst eingeschränkt und in ihrer Handlungsfähigkeit beschnitten – so auch die Figuren unseres Films. Viele der Arbeitskräfte sind Arbeitsmigrant:innen, die in Abhängigkeit gedrängt und sowohl körperlich als auch psychisch an ihre Belastungsgrenzen gebracht werden. Sie werden behandelt wie austauschbare Maschinen, oft angestellt über Subunternehmen mit undurchsichtigen Strukturen. Werkverträge sind inzwischen zwar in Teilen verboten, doch die Realität in vielen Betrieben hat sich kaum verändert. Die Kontrolle durch Behörden bleibt erschreckend lückenhaft. Auch wenn es sich um eine fiktive Geschichte handelt, basiert sie auf intensiver Recherche. Ich habe mit Journalist:innen, Aktivist:innen, Gewerkschaften und ganz zentral mit Menschen gesprochen, die tatsächlich in diesen Betrieben arbeiten: mit Arbeiter:innen, mit Security-Personal, mit Menschen, die diesen Alltag wirklich kennen. Dazu kamen mehrere Besuche in Schlachthöfen und Gespräche mit kleineren Betrieben, die die Kritik an den großen Konzernen teilen. Vieles, was ich im Film zeige, ist eine Verdichtung realer Erlebnisse, Missstände und Strukturen, ein fiktiver Stoff, der sich aus vielen wahren Geschichten zusammensetzt.
In welchem Rahmen und über welchen Zeitraum ist Dein Film entstanden?
Der Film ist meine Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg und in Koproduktion mit dem SWR, Arte und 3sat entstanden. Insgesamt hat der gesamte Entstehungsprozess etwa drei Jahre gedauert – von den ersten Rechercheschritten bis zum fertigen Film. Gedreht haben wir an zwölf Tagen, aufgeteilt auf zwei Blöcke. Die Innenaufnahmen entstanden in einem leerstehenden Schlachthof in Tauberbischofsheim. Dort hat unser großartiges Art Department eine funktionale, glaubwürdige Welt geschaffen. Die Außenaufnahmen haben wir im zweiten Drehblock in der Nähe von Bonn realisiert. Ich hatte das große Glück, mit einem wahnsinnig talentierten Team zu arbeiten – viele davon begleiten mich schon seit vielen Jahren. Diese gegenseitige Vertrautheit hat es überhaupt erst möglich gemacht, ein so herausforderndes Projekt umzusetzen.
Ihr habt dafür sehr authentisch den Schlachthofbetrieb eingefangen – was lag euch dabei am Herzen?
Mir war es wichtig, den Schlachthof mit allen Sinnen spürbar zu machen. Der Ort selbst ist extrem, es ist heiß, dann wieder kalt, es dampft, es ist unglaublich laut. Man hört Metall auf Metall, das Schreien der Tiere, das Dröhnen der Maschinen. Es ist nass, Wasser, Blut- und der Geruch ist unbeschreiblich: ein Mix aus verbrannten Borsten, Tier, Blut, Desinfektionsmittel und Kot. Nach den Recherchebesuchen steckte der Geruch noch tagelang in der Kleidung und war kaum wieder herauszubekommen. Diese Eindrücke haften einem an und ich wollte den Zuschauer:innen ermöglichen, das wirklich nachzuempfinden – den Lärm, die Rohheit und die Grenzüberschreitungen, die in diesem System stattfinden.
Für die Tonaufnahmen haben wir beispielsweise unseren Tonmeister in einem echten Schlachthof aufnehmen lassen, um diese Atmosphäre so präzise wie möglich einzufangen. Die Isolation und Einsamkeit der Arbeitenden habe ich zusätzlich dadurch verstärkt, dass wir den Schlachthof ausschließlich während der Nachtschicht zeigen. Durch all diese Details wollten wir den Schlachthof nicht nur als Kulisse zeigen, sondern als einen Ort, der selbst zur Hauptfigur der filmischen Erzählung wird.
Die gesamte Bildsprache ist sehr gut und atmosphärisch gelungen. Worauf habt ihr euer Augenmerk bei der Kameraarbeit gelegt?
Die Bildsprache haben mein Kameramann Nico Schrenk und ich wie immer gemeinsam entwickelt. Von Anfang an war Nico eng in die inhaltliche Entwicklung des Films eingebunden. Schon während des Schreibens haben wir uns intensiv über Stimmungen, Texturen und das Innenleben der Figuren ausgetauscht. Besonders Jakobs emotionale Isolation im System Schlachthof war ein zentraler Ausgangspunkt für unsere visuellen Überlegungen. Uns war wichtig, dass man seine innere Anspannung nicht nur gespielt sieht, sondern sie auch räumlich und kompositorisch spürt. Die Kamera bleibt oft dicht an ihm dran, das Bild ist eng, fast bedrückend. Nur in den Begegnungen mit Boris verändert sich diese Bildsprache leicht – das Bild öffnet sich, es entsteht für einen Moment ein Gefühl von Raum, vielleicht sogar von Freiheit.
Gestalterisch wollten wir eine Bildwelt schaffen, die roh und ungeschönt ist, aber dennoch lebendig wirkt. Die Entscheidung, auf 16mm zu drehen, war dabei schnell klar. Die Körnung, die Farbigkeit, das Material selbst – all das hat uns genau die Haptik gegeben, die wir gesucht haben.
Wie hast Du Deine Darsteller gefunden? Nach welchen Kriterien habt ihr die Rollen besetzt?
Die Rolle von Jakob habe ich direkt für Jonas Smulders geschrieben. Ich schätze ihn schon lange als Schauspieler. Er hat eine unglaubliche Durchlässigkeit und Präsenz. Die Rolle ist sehr herausfordernd, körperlich wie emotional und ich hatte von Anfang an das volle Vertrauen, dass er diese Tour de Force mit Bravour meistern würde. Und so war es dann auch.
Für die Rolle von Boris war es mir essentiell wichtig, jemanden zu finden, der eine migrantische Perspektive glaubwürdig verkörpern kann – nicht nur äußerlich, sondern auch im Hinblick auf Sprache, Herkunft und Sozialisierung. Während einer frühen Recherche stießen wir auf Jurij Drevenšek. In seinem Showreel gab es kurze, humorvolle Szenen, die sofort hängen blieben; sarkastisch, eigensinnig, mit einem ganz eigenen Ton. Plötzlich fiel es meiner Co-Autorin Marie Wagner und mir beim Schreiben leichter, Boris zu greifen. Man konnte in dieser kurzen Szene eine Version von Boris sehen, wie er vielleicht einmal war bevor ihn die Arbeit im Schlachthof Stück für Stück verändert hat.
Unabhängig davon schlug uns unsere Casterin Nina Haun ebenfalls Jurij vor. Da war für uns klar: Wir müssen ihn unbedingt zusammen mit Jonas in einem Konstellationscasting sehen, was wir dann auch in Berlin gemacht haben. Im Casting spürte ich sofort, dass da etwas zwischen den beiden Figuren entstehen kann: eine Nähe, aber auch eine klare Differenz. Jonas und Jurij bringen unterschiedliche Hintergründe mit – auch in Bezug auf Herkunft und Sozialisation. Besonders bei Jurijs Performance hat mich beeindruckt, wie subtil er dieses Begehren zeigen konnte, das nie ganz nach außen dringen darf: unterdrückt, innerlich brodelnd, ohne ein Ventil. Boris trägt diesen inneren Konflikt in sich, geprägt durch seine Herkunft aus dem post-jugoslawischen Raum, wo Homosexualität vielerorts noch immer ein Tabu ist. Diese Spannung zwischen dem, was da ist, und dem, was nicht sein darf, war bei Jurij sehr deutlich spürbar. Das hat die Figur für mich absolut authentisch gemacht.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr zu Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich habe Szenische Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert, „Skin on Skin“ ist mein Abschlussfilm. Seit ein paar Wochen lebe ich wieder in Freiburg, wo ich schon vor dem Studium gewohnt habe. Parallel zur Festivalreise mit dem Film arbeite ich aktuell an meinem Debütfilm sowie an einer Miniserie, die ich gemeinsam mit BetaBerlin Film entwickle.
Zum Film bin ich relativ klassisch über die Liebe zum Film gekommen. Als Jugendlicher habe ich viele Filme auf VHS-Kassetten geschaut und dann mit Freunden die ersten Kurzfilme auf MiniDV gedreht. In der Oberstufe kam bei mir das Interesse für Literatur dazu – aus dieser Kombination entstand irgendwann der Wunsch, selbst Geschichten filmisch zu erzählen. Nach dem Zivildienst habe ich Medienproduktion in Offenburg studiert, wo ich mich filmisch völlig austoben konnte.
Und schon da habe ich immer nach Ludwigsburg an die Filmakademie Baden-Württemberg geschielt. Umso schöner, dass es am Ende auch wirklich geklappt hat und ich heute hier über meinen Abschlussfilm sprechen kann.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Skin on Skin“



