„Familie Braun“ (Comödie Dresden)

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Komödie nach der preisgekrönten gleichnamigen ZDF-Dramedy-Serie von Manuel Meimberg / Termine bis einschließlich 31.05.2025, sowie vom 02.09.2025 – 14.09.2025 (jeweils außer Montags) / Eintritt ab 23€

Theaterkritik: Die ZDF-Dramedy „Familie Braun“ aus dem Jahre 2016 war ein Wagnis. In 8 kurzen Film-Happen, die zusammen gerade einmal knapp 45 Minuten gingen, wurde die Geschichte um 2 Neonazis erzählt, die es plötzlich mit einem 6-jährigen schwarzen Mädchen zu tun bekommen, welches ihre rechte Ideologie auf den Kopf stellt. Mutig inszeniert war das Ganze in seiner Umsetzung so gelungen, dass es dafür sogar den internationalen Emmy in der Kategorie ‚Serie im Kurzformat‘ gab. 2019 wurde der Stoff dann erstmals als Theaterstück in Quedlinburg aufgeführt. 2024 gab es im Kammertheater Karlsruhe, unter der Regie von William Danne, eine erneute Interpretation der Geschichte, welche nun in der Comödie Dresden seine Premiere hat.

Der Inhalt ist dabei soweit der Gleiche. Auch hier leben die Neonazis Kai und Thomas in einer WG zusammen und haben den lieben langen Tag nichts besseres zu tun, als Ausländerwitze zu reißen, fragwürdige Videospiele zu spielen und Pornos zu schauen. Bis eines Tages eine junge Frau aus Eritrea vor der Tür steht und ihre 6-jährige Tochter Lara bei den beiden abliefert. Denn Lara ist der Inhalt eines One-Night-Stand mit Thomas. Da die Frau abgeschoben wird, soll sich nun Thomas um seine Tochter kümmert. Doch während Kai die Kleine so schnell wie möglich wieder loswerden will, beginnt Thomas seine rechte Ideologie mehr und mehr zu hinterfragen. Stress mit Kai ist somit garantiert…

Robert Jentzsch

Hans-Jürgen Helsig, Dominik Penschek, Luke Bischof

Wer die Serie kennt, wird relativ schnell die vielen Parallelen erkennen. Stellenweise wurden die Dialoge 1:1 übernommen und das gesamte Grundgerüst ist natürlich identisch. Da die Serie jedoch nur gut 45 Minuten geht, ein Theaterstück, ohne Pause gerechnet, aber schon wenigstens um die 90 Minuten gehen sollte, gibt es natürlich auch so einige Neuerungen, wie z. Bsp. das Einbringen von Thomas Ex-Flamme Julia, die im Lichtspielformat nur einmal kurz als Foto gezeigt wurde, im Stück nun aber eine wesentlich größere Rolle spielt. Zudem wurden viele Szenen durch zusätzliche Inhalte verlängert oder runder gestaltet, als es noch in der Serie den Anschein hat.

Robert Jentzsch

Luke Bischof, Dominik Penschek, Hans-Jürgen Helsig

Der größte Unterschied (im wahrsten Sinne des Wortes) liegt aber in der 6-Jährigen Lara. Während diese im Original von einer gleichaltrigen Darstellerin verkörpert wird, ist es hier nun der gut 2 Meter große, kräftig gebaute Darsteller Hans-Jürgen Helsig. Was im ersten Moment und auf dem Papier zunächst vielleicht unpassend albern wirkt, entpuppt sich als wahrer Glückskniff in der Dramaturgie. Denn die bewusste Brechung der Figur als theatrale Überhöhung bringt, laut Regisseur Willam Danne, die satirische Dimension der Inszenierung erst richtig zu tragen. Denn nun ist Lara den Nazis nicht nur moralisch, sondern auch körperlich haushoch überlegen.

Robert Jentzsch

Luke Bischof, Mariyama Ebel, Hans-Jürgen Helsig, Dominik Penschek

Sowieso sollte man sich mit dem Stoff bereits im Vorfeld beschäftigt haben, am besten sogar die Serie schon einmal gesehen haben. Denn damit die Nazi-Figuren als das dargestellt werden was sie sind, nämlich menschenverachtende Individuen, sind auch die Dialoge stellenweise alles andere als harmlos. Das N-Wort, sowie manch weiteres ähnlich gelagertes Wort der Diskriminierung wurde ganz bewusst nicht ausgelassen, was unvorbereitet durchaus erst einmal einen (gewollten) Schock mit sich bringt. Doch eine Verharmlosung wäre, bei all den Lachern dazwischen- die einem aber immer wieder auch im Halse stecken bleiben – ein großer Fehler gewesen.

Und zum Lachen gibt natürlich dennoch eine ganze Menge. Denn so widerwärtig die beiden Nazi-Figuren in ihrer Ideologie und ihrem Handeln auch sind, so überspitzt sind sie und ihr gesamtes Umfeld dabei auch, dass man einfach nur über sie lachen kann. Kai der sich einfach nicht ändern will bleibt dabei dennoch ausreichend unsympathisch, während man Thomas so nach und nach dann doch ins Herz schließt, als man immer mehr den ernsthaften Wandel des Charakters bemerkt. Na und Lara ist, trotz oder vielleicht gerade wegen der Darstellung durch einen völlig gegensätzlichen Darsteller, einfach goldig in ihrer wunderbaren und herzlichen Naivität.

Robert Jentzsch

Mariyama Ebel, Dominik Penschek, Hans-Jürgen Helsig, Luke Bischof, Sina Schulz

Was die Darsteller angeht gebührt bei der Premiere allen großes Lob, vor allem aber Hans-Jürgen Helsig und Dominik Penschek. Helsig weil er es auf herzzerreißende Art und Weise schafft seiner Figur der 6-jährigen Lara ein Gesicht zu geben, das wunderbar zwischen dem eines kleinem Mädchen und dem eines körperlich weit überlegenem Schauspielers schwankt. Und Penschek weil er sich die Rolle des Nazi-Ekels Kai, nachdem der eigentliche Darsteller Phillipp Richter aufgrund von Krankheit ausfiel, in gerade einmal 3 Tage auferlegt und schon zur Premiere perfekt auf die Bühne gebracht hat. Aber auch Luke Bischof als Thomas, sowie die wunderbare Damenriege, bestehend aus Sina Schulz und Mariyama Ebel, überzeugen auf ganzer Linie.

 

Robert Jentzsch

Luke Bischof, Hans-Jürgen Helsig, Dominik Penschek

Letztlich ist „Familie Braun“ eine Komödie geworden, die genau auf den Punkt gebracht ist und die den nahezu unmöglichen Spagat schafft, ein eigentlich sehr schweres Thema unserer Gesellschaft auf höchst unterhaltsame Weise satirisch auseinander zu nehmen, ohne dabei jedoch auch nur einmal den Ernst dahinter zu vergessen. Ein Stück das provoziert, karikiert und zum Nachdenken anregt, dabei einem aber trotzdem mit dem Bewusstsein aus dem Theatersessel entlässt, einen äußerst spaßigen Abend gehabt zu haben.

geschrieben von David Hilbert

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