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Interview: Im Gespräch mit dem ukrainischen Filmemacher Vyacheslav Turyanytsya konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Thoughts On Peace In An Air Raid“ (OT: „Роздуми про мир під час повітряного нальоту“ / „Rozdumy pro myr pid chas povitrianoho nalotu“) erfahren, der im Internationalen Wettbewerb des 37. Filmfest Dresden 2025 lief, wie ein Essay von Virginia Woolf ihn inspiriert hat, wie dokumentarisch sein Kurzfilm ist und warum es wichtig ist, die gegenwärtige Situation auch filmisch einzufangen.
The original english language interview is also available.
Wie ist die Idee zu diesem aktuellen Stadtportrait entstanden?
Inspiriert wurde ich durch ein Buch mit dem gleichnamigen Essay von Virginia Woolf, in dem sie eine ähnliche Erfahrung in Großbritannien beschreibt. Ich war tief beeindruckt davon, wie ein traumatischer und schmerzhafter Moment in der Geschichte noch viele Jahre später so lebhaft empfunden und erleichtert werden kann. Dadurch wurde mir klar, wie wichtig es ist, unseren eigenen gegenwärtigen Moment – hier und jetzt – festzuhalten, bevor er uns entgleitet. Irgendwie hatte ich das starke Bedürfnis, diesen zerbrechlichen und komplexen Zustand der Realität zu dokumentieren, der von Krieg, Ungewissheit und Unverwüstlichkeit geprägt ist.
Wie dokumentarisch ist Deine Arbeit? Wie hast Du Deine Portraitierten gefunden und ausgewählt?
Nach dem Beginn der groß angelegten Invasion konnte ich sehr lange Zeit überhaupt keine Spielfilme mehr sehen. Vor dem Hintergrund des Grauens, das sich um mich herum abspielte, erschienen sie mir zu künstlich, zu gewollt – etwas Unwichtiges und nicht von dieser Welt. Deshalb ist die heutige Hinwendung des ukrainischen Kinos zum „Dokumentarischen“ meiner Meinung nach ganz natürlich. Es geht nicht mehr so sehr um die Geschichte, die der Film erzählt, oder um seine Handlung – es könnte ein Film über Ereignisse im fernen Weltraum sein, was auch immer das bedeutet. Es geht vielmehr um die Art der Wahrnehmung. Die Realität, in der wir heute leben, wirkt stärker und überzeugender als jede Fiktion. Deshalb ist für mich die dokumentarische Optik unvermeidlich.
Indem ich über ausgewählte Menschen sprach, wollte ich ein kollektives Bild der Gesellschaft zeichnen, das in mehrere scheinbar unzusammenhängende Fragmente zerfällt. Ich war neugierig darauf, was ein zufälliger sozialer Querschnitt in Zeiten des Krieges offenbaren könnte. Die allererste soziale Rolle, die mir in den Sinn kam, fand natürlich ihren Platz im Film.
Warum hast Du Dich für drei einzelne Episoden entschieden? Hattest Du noch mehr Auswahl an Geschichten?
Das ist sehr interessant, denn die Bandbreite dieser Geschichten hätte unglaublich groß sein können. Aber ich habe mich entschieden, mich auf diese speziellen Episoden zu konzentrieren. Ich glaube, irgendwann kam die einfache Beschränkung des Kurzfilmformats ins Spiel. Es erforderte natürlich eine Art von Verdichtung – um das Wesentliche zu erfassen, ohne zu versuchen, alles auf einmal zu zeigen. Diese Einschränkung hat in gewisser Weise dazu beigetragen, die Struktur und den Rhythmus des Films zu definieren.
Was lag Dir visuell am Herzen?
Ich denke, das Ziel war es, ein Gefühl der Distanz zu schaffen. Und das entspricht dem Konzept des Films – schließlich sehen wir im Grunde einen Film, der von anderen Filmemachern gedreht wird. Es ist, als ob diese Regisseure ihren Figuren sagen würden: „Lebt einfach euer Leben, geht eurem Alltag nach, und wir werden in aller Ruhe beobachten.“ Daher war es für mich wichtig, visuell das Gefühl der „unsichtbaren Beobachtung“ zu vermitteln.
Wenn der Film von den Geschichten dieser fiktiven Regisseure zur Geschichte der Regisseure selbst wechselt, bleibt die Filmmethode fast unverändert. Das unterstreicht meinen Standpunkt: Über verschiedene filmische Dimensionen hinweg, über verschiedene historische Kontexte hinweg – nichts ändert sich wirklich. Kino bleibt Kino. Krieg bleibt Krieg. Wir können einfach nicht aufhören, immer wieder in die gleiche Falle zu tappen. Das liegt einfach in unserer Natur.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr zum Sounddesign – was hier maßgeblich die Stimmung prägt – erzählen?
Ich glaube, dass die Atmosphäre des Films von diesen Klangschichten geprägt ist, die, genau wie die visuelle Komponente, in verschiedenen Dimensionen zu existieren scheinen – und doch konvergieren sie alle und weisen auf dieselbe Idee hin: die Unvermeidlichkeit der Wiederholung der Geschichte.
Insgesamt war dies mein Lieblingsteil bei der Arbeit an dem Film. Zusammen mit meinem Sounddesigner Artem Mostovyi haben wir etwa ein Dutzend Sitzungen zum Thema Sounddesign abgehalten, und ich bin ihm sehr dankbar für die Arbeit, die wir geleistet haben.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ursprünglich habe ich Jura studiert. Während meines Jurastudiums habe ich sehr viele Filme gesehen – ich würde sogar sagen, dass dies die produktivste Zeit meines Lebens war, was die Aufnahme von filmischem Wissen angeht. Damals entdeckte ich den größten Teil des Filmkanons, und meine Wahrnehmung des Kinos wurde zu Hause vor dem Fernseher geprägt. Dennoch hatte ich immer das Gefühl, dass ich früher oder später versuchen würde, selbst einen Film zu machen, und so besuchte ich später eine Filmschule, was sich für mich wie ein natürlicher und logischer Schritt anfühlte.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Der Kurzfilm, an dem ich derzeit arbeite, steht in direktem Zusammenhang mit meinem juristischen Hintergrund. Während der Entwicklung des Drehbuchs mussten mein Co-Autor und ich oft verschiedene Rechtskodizes und internationale Rechtsprechung konsultieren, so dass der Ausgangspunkt für die Geschichte tatsächlich ein reales Strafgerichtsurteil in der Ukraine war. Der Arbeitstitel des Films lautet „Im Namen der Ukraine“ und handelt von einem Polizeibeamten, der undercover auf einer privaten Sexparty ermittelt. Das Projekt ist Teilnehmer des European Short Pitch Programms und wird Anfang Juni beim Pitching in Leiden vorgestellt.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Thoughts On Peace In An Air Raid“
Interview: In our conversation with Ukrainian filmmaker Vyacheslav Turyanytsya, we were able to find out more about his short film „Thoughts On Peace In An Air Raid“ (OT: „Роздуми про мир під час повітряного нальоту“ / „Rozdumy pro myr pid chas povitrianoho nalotu“) which was screened in the International Competition of the 37. Filmfest Dresden 2025, how an essay by Virginia Woolf inspired him, how documentary-like his short film is and why it is important to capture the current situation on film.
How did the idea for this contemporary city portrait come about?
I was inspired by a book containing the essay of the same name by Virginia Woolf, where she describes a similar experience in Britain. I was deeply struck by how a traumatic and painful moment in history could still be so vividly felt and relieved many years later. It made me realize the importance of capturing our own present moment — here and now — before it slips away. I somehow felt a strong need to document this fragile and complex state of reality, shaped by war, uncertainty, and resilience.
To what extent is your work documentary? How did you find and select the shown people?
After the start of the full-scale invasion, I couldn’t watch fiction films at all for a very long time. Against the backdrop of the horror unfolding around me, they felt too artificial, too deliberate—something irrelevant and not of this world. That’s why, in my opinion, today’s gravitation of Ukrainian cinema toward the “documentary” is completely natural. It’s no longer so much about the story the film tells or its plot—it could be a film about events in distant space, for all it matters. It’s more about the way of perceiving. The reality we live in today feels stronger and more convincing than any fiction. That’s why, for me, the documentary optic is inevitable.
Speaking about selected people, my intention was to portray a collective image of society, broken into several seemingly unrelated fragments. I was curious about what a random social cross-section might reveal in times of war. The very first social role that came to my mind naturally found its place in the film.
Why did you decide on three individual episodes? Did you have more stories to choose from?
It’s very interesting, because the range of these stories could have been incredibly wide. But I chose to focus specifically on these particular episodes. I think, at some point, the simple constraint of the short film format came into play. It naturally required a kind of condensation — to capture something essential, without trying to show everything at once. That limitation, in a way, helped define the structure and rhythm of the film.
What was visually important to you?
I think the aim was to create a sense of detachment. And that aligns with the film’s concept — after all, we’re essentially watching a film being shot by other filmmakers. It’s as if these directors told their characters: “Just live your lives, go about your daily routines, and we’ll quietly observe.” So visually, it was important for me to evoke the feeling of “invisible observation.”
When the film shifts from the stories captured by these fictional directors to the story of the directors themselves, the filming method remains almost unchanged. This reinforces my point: across different cinematic dimensions, across various historical contexts — nothing really changes. Cinema remains cinema. War remains war. We just can’t stop falling into the same trap over and over again. It’s simply in our nature.
Can you tell me a little bit more about the sound design – what sets the mood here?
I believe the film’s atmosphere is shaped by those layers of sound which, just like the visual component, seem to exist in different dimensions — and yet they all converge and point toward the same idea: the inevitability of history repeating itself.
Overall, this was my favorite part of working on the film. Together with my sound designer, Artem Mostovyi, we went through about a dozen sessions on sound design, and I’m very grateful to him for the work we accomplished.
Can you tell me a bit more about yourself and how you came to filmmaking?
I originally studied law. During my time at law school, I watched a lot of films — in fact, I’d say it was the most productive period of my life in terms of absorbing cinematic knowledge. That’s when I discovered most of the film canon, and my perception of cinema was shaped in front of the TV at home. Yet I always had the feeling that, sooner or later, I would try to make a film myself, so later I went to a film school and it felt like a natural and logical step for me.
Are there any new projects planned?
Short film I’m currently working on is directly connected to my background in law. While developing the script, my co-writer and I often had to consult various legal codes and international case law, so the starting point for the story was actually a real-life criminal court verdict in Ukraine. The working title of the film is “In the Name of Ukraine” and it follows a police officer who goes undercover at a private sex party. The project is a participant of the European Short Pitch program and will be presented at the pitching in Leiden in early June.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Thoughts On Peace In An Air Raid„