Fünf Fragen an Alexia Roc

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der kanadischen Regisseurin konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Three Screaming Vaginas“ (OT: „Trois vagins qui crient“) erfahren, der im ‚Fokus Quebec‘ des 37. Filmfest Dresden 2025 lief, wie eigene Erfahrungen und Schmerz darin stecken, dass es ursprünglich als Serie gedacht war und was ihr bei der Umsetzung am Herzen lag.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu diesem drei Episoden umfassenden Film entstanden?

Zunächst sollte es eine Webserie werden. Aber die Ressourcen für Webserien sind hier in Québec noch sehr begrenzt, und die Finanzierung dauert sehr lange. Ich hatte das Bedürfnis, über diese Themen zu sprechen, es war ein Heilungsprozess für mich, den ich sofort erleben wollte, also habe ich die Episoden umgeschrieben, damit sie als dreiteiliger Film umgesetzt werden konnten.

Kannst Du Dir vorstellen, dieses Thema doch nochmal in einem längeren Film aufzugreifen?

Alexia Roc

Wir versuchen jetzt tatsächlich, daraus ein Webserienformat zu machen, das war von Anfang an die Idee! Ich kann es kaum erwarten, weitere Episoden zu sehen und andere Möglichkeiten zu entdecken, wie uns eine Vagina überraschen kann. Die Erfahrungen sind unbegrenzt, die Charaktere sind unbegrenzt, die Geschichten sind es auch.

Wie hast Du den Film finanziell auf die Beine gestellt, wie lange und wo habt ihr gedreht?

Es handelt sich um einen vollständig selbst finanzierten Film, mit ein wenig Unterstützung von UNIS TV. Im Jahr zuvor hatte ich für meinen Kurzfilm „Bergen, Norway“ einen Preis gewonnen, und einer der Preise bestand darin, dass ich von ihnen Unterstützung für die Produktion meines nächsten unabhängigen Kurzfilms erhielt. Vier Monate später hatte ich „Three Screaming Vaginas“. Es ging alles sehr schnell, ich schrieb die Episoden innerhalb eines Monats und wollte sofort mit den Dreharbeiten beginnen. Das war für mich sehr therapeutisch. 

Was lag Dir visuell am Herzen?

Sarah Cantin

Da es sich um ein Triptychon mit drei völlig unterschiedlichen Charakteren handelt, wollte ich Zusammenhalt, aber dennoch drei verschiedene Stile. Ehrlich gesagt habe ich mir darüber bei diesem Projekt nicht so viele Gedanken gemacht. Für mich ging es bei diesem Projekt immer um starkes Schreiben und starke Charaktere.

Die Darstellerinnen sind fantastisch – kannst Du mir zur Besetzung und warum Du auch selbst eine Rolle übernommen hast, erzählen?

Für mich war es wichtig, ausschließlich gemischtrassige Frauen unterschiedlichen Alters zu casten, weil wir alle je nach Lebensphase unterschiedliche Erfahrungen mit unserem Körper machen und weil wir auf der Leinwand nicht genug gemischtrassige schwarze Frauen sehen. Gemischtrassig zu sein ist komplex; wir haben zwei ganze Kulturen, die ständig aufeinanderprallen und zerbrechen. Als Künstlerin habe ich die Verantwortung, das zu zeigen, woran ich glaube, Licht auf mich und meine Community zu werfen, denn wer sonst würde sich für mich und für uns einsetzen?

Florence Blain Mbaye

Ich habe die Rolle für das zweite Kapitel nur angenommen, weil es zu 100 % meine Geschichte ist. Ich habe diesen Film als Heilungsprozess für mich selbst gemacht, in Bezug auf Feminismus und schmerzhafte Erfahrungen als Frau. Es ging mir nicht nur um den Spaß daran, sondern vor allem darum, meinen eigenen Körper weiterhin als Leinwand zu nutzen, als physische Möglichkeit, Gedanken und Schmerzen zu verarbeiten. Ich habe diesen Prozess auch in „Bergen, Norway” erforscht, einem Film über sexuellen Missbrauch – diese Technik wird als ‚Video-Beichte‘ bezeichnet (erforscht im feministischen Kino/in den feministischen Medien der 3. Welle), bei der sich die Regisseurin selbst in den Mittelpunkt des Films stellt, um die Bedeutung des Körpers, seine Kraft, wie wir uns auf uns selbst verlassen können und wie unser Körper vor der Kamera ein mächtiges Werkzeug der Selbstfindung und Selbstbestätigung schafft, zu erforschen. Dieser Prozess begleitet mich nun schon seit einigen Jahren und ist sehr herausfordernd, aber dennoch wunderschön. 

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr zu Dir und wie Du zum Kino kamst erzählen?

Alexia Roc

Meine Familie besteht aus Cineasten, seit ich drei Jahre alt bin, gehe ich jede Woche ins Kino. Ich habe auch schon immer geschrieben. Mit neun habe ich ein ‚Buch‘ geschrieben, mit vierzehn ein weiteres. Sie sind überhaupt nicht gut, aber ich wollte einfach nur schreiben. Ich habe immer Szenen im Kopf, ich träume wie eine Filmemacherin, manchmal sind meine Träume wie Trailer inszeniert. Es ist einfach lustig, wie mein ganzes Leben sich um Filme und Fernsehsendungen drehte. Mit 14 wusste ich, dass ich Filmemacher werden würde, es gab keine anderen Optionen, ich lebe einfach vom Schreiben.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Sarah Cantin

Ich schreibe gerade mein erstes Drehbuch für einen Spielfilm (yay). Es ist ein Thriller, der sich mit Polizeigewalt auseinandersetzt. Das ist sehr herausfordernd und schmerzhaft, aber nach vier Jahren des Nachdenkens fühle ich mich jetzt stärker denn je, endlich darüber zu schreiben. Mein Schreibprozess war schon immer so: Wenn es zu schmerzhaft ist, zu schreiben, warte ich, bis dieser Schmerz produktiv wird. Wenn es mich so sehr herausfordert, dass meine geistige und körperliche Gesundheit darunter leidet, dann ist es nicht der richtige Zeitpunkt. Wenn es kontraproduktiv ist, muss ich mit mir selbst reden und mich dazu herausfordern, mich ein wenig mehr zu erholen, bevor ich mich daran mache.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Three Screaming Vaginas


Interview: In our conversation with the Canadian director, we learned more about her short film „Three Screaming Vaginas“ (OT: „Trois vagins qui crient“), which screened in the ‚Focus Quebec‘ section of the 37th Filmfest Dresden 2025, her own experiences and pain, the fact that it was originally intended as a series and what was important to her when making it.

How did the idea for this three-episode movie come about?

At first, it was supposed to be a web series. But the resources are still very limited for web series here in Québec, and it takes a long time to finance. I had the urge to talk about these subjects, it was a healing process for me that I wanted to experience right away, so I rewrote the episodes so that it could be translated as a tryptic film.

Can you imagine taking up this topic again in a longer movie?

We are now actually trying to make a Web series format with it, it was the idea all along! I can’t wait to have more episodes and to explore other ways a vagina can surprise us. The experiences are unlimited, the characters are unlimited, the stories are too.

How did you finance the movie, how long and where did you shoot?

It is a completely auto-financed film, with a little bit of help from UNIS TV. I won a prize the year prior for my short film ‘’Bergen, Norway’’ and one of the prizes was receiving some help from them to produce my next independent short film. 4 months later, I had „Three Screaming Vaginas„. It was a really fast process, I wrote the episodes within a month, and I had the urge to shoot it right away. It was really therapeutic for me. 

What was important to you visually?

Because it is a tryptic with 3 completely different characters, I wanted cohesion but still wanted three different styles. To be honest, I did not think that much into it for this project. For me, this project was always about strong writing and strong characters.

The actresses are fantastic – can you tell me about the cast and why you took on a role yourself?

It was important for me to cast all mixed women, with different ages, because we all experience something different with our bodies depending on where we are in life, and also because we don’t see enough mixed black women on the big screen. Being mixed race is complex; we have two entire cultures that collide together all the time, and shatter. As an artist, I have the responsibility to showcase what I believe in, to shed light on what I am, on my community, otherwise who will stand up for me, and for us?

I took the role for the second chapter only because it is 100% my story. I made this film as a healing process for me regarding feminism and painful experiences as a woman. It was not only for the fun of it, but mostly to continue using my own body as a canvas, as a physical way to process thoughts and pains. I also explored this process in “Bergen, Norway’’ which is a film about sexual abuse – this technique is called ‘’video-confession’’ (explored in the feminist cinema/media of the 3rd wave) where the director puts themselves in the center of the film to explore the meaning of the body, the power of it, how we can rely on ourselves, how our body in front of the camera creates a powerful tool of self-exploration, self-validation. It’s been a few years now that this process lives through me and it is very challenging but yet beautiful. 

Can you tell me a bit more about yourself and how you got into filmmaking?

My family are cinephiles, every week from the age of 3, I was in a movie theatre. I’ve also always been writing. I wrote a ‘’book’’ at 9 and another one at 14. They are not good at all, but I just wanted to write stuff. I always have scenes in my head, I dream like a filmmaker, sometimes my dreams are fabricated as trailers. It’s just funny how all my life was about films and TV shows. At 14 I knew I was going to be a filmmaker, there were no other options, I just breathe from writing.

Are there any new projects planned?

I am writing my first feature film (yay). It’s a thriller that explores police brutality. It is very challenging and painful, but after 4 years of thinking about it, I feel stronger now more than ever to finally write about this. My writing process has always been: if it’s too painful to write, wait until this pain is productive. If it challenges me to a point where my mental and physical health are affected, then it’s not the right time. If it’s counter productive, I have to talk to myself and challenge myself to heal a little bit more before taping into it.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Three Screaming Vaginas

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