Sieben Fragen an Aleksandr Kim

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem Regisseur und Drehbuchautor Aleksandr Kim konnten wir mehr über seinen 38-minütigen Film „Mein Name Akim“ erfahren, der auf dem 47. Filmfestival Max Ophüls 2026 mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, wie die eigene Geschichte in diesen universell lesbaren Film einfloss und wie glücklich er über die Besetzung der Hauptrolle mit Yun Huang ist.

Du schilderst in Deinem Kurzfilm zu einem Großteil Deine eigenen Erfahrungen bei Deiner Ankunft in Deutschland. Warum hast Du Dich dafür entschieden, diesen persönlichen Film zu machen?

Eigentlich wollte ich meinen Abschlussfilm ursprünglich gar nicht zu diesem Thema drehen, ich hatte einen ganz anderen Stoff. Meine Entscheidung wurde dann aber von mehreren Faktoren beeinflusst. Erstens habe ich verstanden, dass es gar nicht nur meine Geschichte ist – praktisch jeder Geflüchtete ist durch etwas Ähnliches gegangen. Und zweitens hat sich die politische Stimmung und der Umgang mit Geflüchteten in Deutschland plötzlich deutlich zum Schlechteren verändert. Ich dachte mir: Wenn ich als Regisseur die Möglichkeit habe, die Geschichten und Schicksale so vieler Menschen zu erzählen, dann ist es auch meine Verantwortung, das zu tun.

Yun Huang

Nach dem Film kamen sehr viele Menschen zu mir und haben sich unter Tränen bedankt, dass endlich gezeigt wurde, was sie durchmachen mussten und immer noch durchmachen. Mir schrieben sogar Kinder von Eltern, die den Film zufällig gesehen hatten und weinten, weil sie sich daran erinnerten, was sie vor 20 Jahren selbst erlebt haben — sie meinten, sie hätten ihre eigene Geschichte darin wiedergefunden. Deshalb erzähle ich eigentlich nicht meine persönliche Erfahrung, sondern die Geschichten und Schicksale tausender Geflüchteter, die mit bürokratischen Hürden konfrontiert sind.

Dramaturgisch ist es nämlich unmöglich, einfach „allgemein“ zu erzählen — man braucht immer eine konkrete Geschichte. Und paradoxerweise gilt: Je persönlicher eine Geschichte erzählt wird, desto universeller wird sie.

Welche Rolle spielt das Trans-Sein in deinem Film? Hast Du erlebt, dass es als Geflüchteter einen Unterschied in der Behandlung macht?

Yun Huang

Die Transidentität ist in diesem Film nicht einfach nur eine faktische Eigenschaft der Figur, sondern erfüllt eine gezielte dramaturgische Funktion. Eine Trans-Person unterscheidet sich – genauso wie ein Geflüchteter – von der gesellschaftlichen Mehrheit. Der Protagonist wurde in seiner Heimat diskriminiert, in bestimmten Rechten eingeschränkt und hatte dort Schwierigkeiten. Und in Deutschland wiederholt sich im Grunde dasselbe, nur nach anderen Kriterien: Wieder darf Akim etwas nicht; wieder muss er Regeln folgen, die andere für ihn festgelegt haben.

Mit dieser Doppelheit wollte ich zeigen, dass es letztlich egal ist, aus welchem Grund ein Mensch eingeschränkt oder anders behandelt wird als andere. Der Film stellt die Frage: Warum ist manchen etwas erlaubt und anderen verboten? Und wer entscheidet eigentlich darüber, wer in einer Gesellschaft als „würdig“ oder „unwürdig“ gilt?

Ist der Film im Rahmen deines Studiums entstanden?

Ja, das ist mein Abschlussfilm.

Was lag Dir visuell am Herzen und wo habt ihr gedreht?

Yun Huang

Für mich war es wichtig, visuell die Atmosphäre einer Unterkunft für Geflüchtete einzufangen. Wie es dort an jeglicher Privatsphäre fehlt, die für jeden Menschen so wichtig ist. Mir war es wichtig, in einer echten Unterkunft für Geflüchtete zu drehen, und wir hatten großes Glück, einen solchen Ort zu finden. Kleine Räume, die eher wie Duschkabinen wirken, winzige Trennwände ohne Decke und wackelige Türen. Die Menschen leben hier 24 Stunden am Tag über viele Monate in ständiger Geräuschkulisse: Schreien, Streit, das Weinen von Kleinkindern, Lachen, Schnarchen, Musik und andere Geräusche. Für uns war es entscheidend zu zeigen, dass Geflüchtete keinen privaten Raum haben, in dem sie sich sicher fühlen können. Das wird sehr gut am Beispiel von Akim dargestellt, gilt aber selbstverständlich für alle.

Außerdem war es mir wichtig, durch die grauen, kalten und riesigen metallischen, seelenlosen Baracken metaphorisch das bürokratische System und die Machtverhältnisse zwischen den Geflüchteten zu zeigen. Die Gebäude sind riesig und verschlossen, während der Geflüchtete klein und allein ist. Übrigens erinnern die Zimmer, in denen die Figuren des Films wohnen, in den Totalen ein wenig an einen Kuhstall.

Kurz gesagt: Es war wichtig, durch die Gebäude metaphorisch das System zu zeigen – wie es mit seinem Gewicht auf den Menschen drückt und ihn unterdrückt. Gleichzeitig sollte die Visualisierung von Geschlossenheit, Verstecktheit und Enge vermittelt werden. Der Protagonist versucht, aus dieser Box oder Zelle auszubrechen, und selbst wenn es ihm scheinbar gelingt, findet er sich erneut in einem kleinen, dunklen Raum wieder – in einer weiteren Zelle, aus der er wieder entkommen muss.

Deine Hauptdarstellerin Yun Huang ist großartig besetzt – wie bist Du auf sie gekommen? Konnte Sie schon vorher Russisch sprechen?

Yun Huang

Yun und ich kannten uns vorher noch nicht. Der Casting-Prozess war ziemlich kompliziert, denn in Deutschland eine queere Schauspielerin oder einen queeren Schauspieler asiatischer Herkunft zu finden, der Russisch spricht, war nahezu utopisch. Anfangs war ich ein wenig enttäuscht, dass ein paar mehr oder weniger passende Optionen nicht funktioniert haben, aber später war ich unendlich dankbar für die Menschen, die abgesagt haben – denn unser Film hat seinen Akim gefunden!

Ich kann mir den Film ohne Yun nicht vorstellen. Sie hat Akim Leben eingehaucht, hat nicht nur alles nachempfunden, sondern jeden Moment, jeden Nerv, jeden Schmerz wirklich erlebt. Ich bin so dankbar dem Universum, dass wir uns gefunden haben. Zwischen uns entstand sofort eine sehr enge Zusammenarbeit und ein vertrauensvolles Verhältnis, was für diese Rolle unglaublich wichtig war. Und ja, Yun beherrscht natürlich kein Russisch. Sie hat die Dialoge für die Rolle des Akim extra auf Russisch gelernt. Aber nur den Text zu kennen, reicht nicht – Aussprache und Akzent sind entscheidend, und damit hat sie großartig gearbeitet. Für sie war die Herausforderung nicht nur, glaubwürdig Russisch zu sprechen, sondern auch authentisch „schlecht“ Deutsch zu sprechen – mit Fehlern und russischem Akzent –, obwohl Deutsch ihre Muttersprache ist. Ich bin verliebt in Yun und bewundere ihr schauspielerisches Talent und ihre menschlichen Qualitäten. Für mich war es eine große Ehre, ein Glück und eine Freude, mit ihr an diesem Film zu arbeiten.

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Yun Huang

Ich habe von klein auf alles geliebt, was mit Kreativität und Kunst zu tun hat: singen, tanzen, Gedichte und Geschichten schreiben, als Schauspieler bei Theaterstücken auftreten und so weiter. Besonders habe ich es geliebt, Geschichten zu erfinden, die mir oft schon in der Schulzeit geholfen haben. Zum Beispiel hatte ich sehr schlechte Noten in Chemie, und ich schrieb eine Geschichte über die Freundschaft von Sauerstoff und Wasserstoff – dafür bekam ich eine gute Note und konnte so wenigstens teilweise meine schlechten Leistungen ausgleichen.

Mein Weg zum Film war lang, man könnte sagen, es war mein dritter Versuch und der erfolgreichste. Jedes Mal gab es Hindernisse. Schon in der Oberstufe wollte ich Schauspiel studieren, aber der künstlerische Leiter eines staatlichen Theaters hat mich davon abgebracht, weil ich angeblich mit meinem asiatischen Aussehen nie eine Rolle bekommen würde. Meine Mutter war ebenfalls strikt dagegen und hielt den Beruf für unseriös, außerdem glaubte sie, dass ich keine Fähigkeiten dafür habe. Später, nachdem ich meine Transidentität erkannt hatte, wurde Schauspiel praktisch unmöglich: Ich wollte und konnte keine weiblichen Rollen spielen, und männliche Rollen hätte ich sowieso nicht bekommen. Bis dahin hatte ich jedoch Wege gefunden, mich kreativ auszuleben: Ich schrieb und führte eigene Songs auf, moderierte eine Jugendfernsehshow und war Vorsitzender einer koreanischen Jugendbewegung, in der ich verschiedene kreative Projekte realisierte.

Leider stellte sich auch hier meine Mutter erneut als Hindernis in den Weg: Sie akzeptierte meine Transidentität nicht, schämte sich für mich und wollte, dass so wenige Menschen wie möglich von mir wissen. Schließlich bat sie mich, ihr zu versprechen, solange sie lebt, auf öffentliche Aktivitäten zu verzichten, damit sie ihr Leben in Ruhe ohne Scham führen könne. Erst im bedeutsamen Jahr 2016, als ich 33 Jahre alt wurde, wurde ich schließlich an der berühmten Filmschule VGIK in Moskau als Regisseur angenommen. Ich studierte ein paar Semester, musste jedoch aus vielen Gründen im Zusammenhang mit meiner Transidentität das Studium abbrechen und landete in Deutschland. Dort stieß ich erneut auf Hindernisse auf meinem Weg zum Traum – diesmal mit bürokratischen Dschungeln und Sprachbarrieren. Aber diesmal sagte ich mir: Nichts wird mich aufhalten. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um meinen Traum zu verwirklichen.

Hast Du vor, Deine Geschichte als Langfilm weiter zu erzählen?

Yun Huang

Ja, das plane ich. Ehrlich gesagt war das von Anfang an die Idee – oder genauer gesagt, als ich anfing, am Drehbuch zu arbeiten, wurde mir irgendwann klar, dass diese Geschichte einen Langfilm braucht. Aber ich war schon so tief in diesem Material drin, dass ich ihn trotzdem drehen wollte. Dafür musste allerdings einiges überarbeitet werden: Kürzen, anderes hinzufügen, damit es im Kurzfilm-Format funktioniert.

Momentan arbeite ich aktiv an einem Langfilm als meinem Debütfilm. Es wird jedoch nicht dieselbe Geschichte sein, sondern eine größere Erzählung – keine Fortsetzung von „Mein Name Akim“, sondern eine eigenständige, separate Geschichte mit eigenen Themen, Handlungssträngen und Figuren.

Und parallel dazu arbeite ich an einem kurzen Dokumentarfilm.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Mein Name Akim

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