Sieben Fragen an Caroline Cavalcanti

Doreen Kaltenecker
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Caroline Cavalcanti

Interview: Im Gespräch mit der brasilianischen Regisseurin und Drehbuchautorin Caroline Cavalcanti konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Lapso“ erfahren, der im ‚Jugend‘-Programm des 37. Filmfest Dresden 2025 lief, welche Rolle Inklusion vor und hinter der Kamera spielte und wie wichtig die Besetzung bei der Realisierung von Filmen ist.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu der Liebesgeschichte der beiden Jugendlichen entstanden?

Die Idee entstand aus dem Wunsch heraus, über Zuneigung und Widerstand zu sprechen und darüber, wie die Zeit für diejenigen, die am Rande der Gesellschaft leben, verzerrt wird. Die Pubertät, insbesondere in prekären Verhältnissen, fühlt sich immer wie das Ende oder der Zusammenbruch an. Die Liebesgeschichte entsteht als Raum der Schwebe und der Möglichkeiten. Ich war nicht an einer idealisierten Erzählung interessiert, sondern an einer, die Fehler, Impulse und den Wunsch, in diesen Fragmenten der Zeit vollständig zu existieren, umfasst. 

Du lässt hier zwei Außenseiter aufeinander treffen – trotz krimineller Elemente überwiegt aber die Liebesgeschichte – welche Botschaft lag Dir am Herzen?

Beatriz Oliveira

Ich wollte zeigen, dass selbst in von Gewalt oder Ausgrenzung geprägten Kontexten Raum für Liebe ist. Diese beiden Figuren werden als Abweichler angesehen, aber gerade in ihrer Begegnung blüht etwas auf. Es geht darum zu erkennen, dass Zuneigung auch eine Form des Widerstands sein kann. Liebe ist hier keine Erlösung, sie ist ein Riss und ein Weg. 

Das Thema Inklusion lag Dir auch bei der Filmentstehung selbst am Herzen, richtig? 

Ja: Als schwerhörige Person habe ich den Wunsch, Erzählungen zu schaffen, die andere Denkweisen über Kino, Präsenz und Sprache beinhalten. Die Zusammenarbeit mit Schauspielern mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und die Entwicklung einer Filmsprache, die diese Unterschiede, einschließlich technischer und sensorischer, berücksichtigt, war in „Lapso“ von großer Bedeutung. Insgesamt gehörten sieben schwerhörige Menschen zu unserer Besetzung und unserem Team. 

Die Darsteller:innen spielen ihren Rollen sehr gut – kannst Du mir mehr zur Besetzung erzählen?

Beatriz Oliveira und Juan Queiroz

Die Besetzung ist eine der wichtigsten Säulen des Films. Die Schauspieler sind großartig. Wir haben intensiv mit ihnen gearbeitet, ihnen aber auch viel Freiheit gelassen. Ich glaube an kollaborative Prozesse, bei denen auch die Darsteller am Entstehungsprozess beteiligt sind. Die Hauptdarstellerin beispielsweise hat viele persönliche Erfahrungen in ihre Rolle einfließen lassen, was der Darstellung eine Authentizität verleiht, die nur aus der Schnittmenge zwischen Fiktion und Erfahrung entstehen kann. 

Was mir große Freude bereitete, war die Entdeckung während der Vorbereitung, dass die Hauptdarsteller Juan Queiroz und Beatriz Oliveira sich bereits kannten und zuvor schon einmal in einem Spielfilm zusammengearbeitet hatten. Ihre Chemie und Zuneigung waren wirklich sichtbar, und ich bin sehr dankbar für die Energie, die sie eingebracht haben. 

Worauf hast Du Dein Augenmerk bei der Inszenierung und visuellen Ausgestaltung gelegt? Wo habt ihr gedreht?

Beatriz Oliveira und Juan Queiroz

Die Ästhetik des Films ist von einer gewissen Dissonanz geprägt. Wir wollten das Gefühl von fragmentierter Zeit, von Gedächtnisverlust, von Vergessenheit durch das System, vom Blackout eines Körpers nicht nur durch Bilder, sondern auch durch Metaphern vermitteln. Wir haben in den Außenbezirken von Belo Horizonte und in nahegelegenen Städten wie Santa Luzia und Lagoa Santa in Minas Gerais, Brasilien, gedreht. Die meisten Drehorte sind Teil unseres Alltags, wie die antikapitalistische Besetzung Kasa Invisível, wo wir einige Szenen gedreht haben. 

Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich bin Carol Cavalcanti, Filmemacherin, schwerhörig, Drehbuchautorin und Casting-Vorbereitung. Ich habe Theater und Dramaturgie studiert. Das Kino kam in mein Leben als eine Möglichkeit, durch die Wünsche, die mich bewegen, zu denken und Geschichten zu erzählen. Ich interessiere mich für die Erforschung der Hybridität von Sprachen und Formaten ohne Einschränkungen. 

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja, ich arbeite an einer dystopischen Serie namens „A Última Sílaba Tônica“, die sich mit Widerstand unter einem autoritären Klangregime befasst. Außerdem beschäftige ich mich weiterhin mit hybriden Formen, insbesondere im experimentellen Kino. 

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Lapso


Interview: In our conversation with Brazilian director and screenwriter Caroline Cavalcanti, we learned more about her short film „Lapso„, which screened in the ‚Youth‘ program of the 37th Filmfest Dresden 2025, what role inclusion played in front of and behind the camera and how important casting is in the realization of films.

How did the idea for the love story between the two teenagers come about? 

The idea came from a desire to talk about affection and resistance and how time becomes distorted for those living on the margins. Adolescence, especially in vulnerable contexts, always feels on the edge of an ending or collapse. The love story emerges as a space of suspension and possibility. I wasn’t interested in an idealized narrative, but in one that embraces flaws, impulses, and the desire to fully exist in those fragments of time. 

You let two outsiders meet here – but despite the criminal elements, the love story prevails – what message was close to your heart? 

I wanted to show that even in contexts marked by violence or exclusion, there is room for love. These two characters are seen as deviants, but it’s precisely in their encounter that something blooms. It’s about recognizing that affection can also be a form of resistance. Love here is not salvation, it’s a crack, and it’s a path. 

The topic of inclusion was also close to your heart when you were making the film, right? 

Yes. As a hard of hearing person, I carry this desire to create narratives that include other ways of thinking about cinema, presence, and language. Working with actors from different lived experiences and crafting a cinematic language that embraces those differences, including technical and sensory ones, was important in „Lapso„. In total, our cast and crew included seven hard of hearing people. 

The actors play their roles very well – can you tell me more about the cast? 

The cast is one of the film’s main pillars. They are amazing. We worked with intense cast preparation, but also with a lot of freedom. I believe in collaborative processes, where the cast also takes part in the creation. The lead actress, for example, brought many personal experiences to the character, which gave the performance a truth that can only come from the intersection between fiction and experience. 

Something that brought me great joy was discovering during the preparation that the lead actors, Juan Queiroz and Beatriz Oliveira, already knew each other and had worked together before on a feature film. Their chemistry and affection were truly visible, and I’m very grateful for the energy they brought. 

What did you focus on in the production and its visual appearance? Where did you film? 

The film’s aesthetic is marked by a certain dissonance. We wanted to convey the feeling of fragmented time, of memory loss, of being forgotten by the system, the blackout of a body not only through the images but also through metaphors. We filmed in the outskirts of Belo Horizonte and nearby cities like Santa Luzia and Lagoa Santa, in Minas Gerais, Brazil. Most of the locations are part of our everyday lives, like the anti-capitalist occupation Kasa Invisível, where we filmed some scenes. 

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to filmmaking? 

I’m Carol Cavalcanti, filmmaker, hard of hearing person, screenwriter, and cast prepared. I studied theater acting and dramaturgy. Cinema entered my life as a way to think and tell stories through the desires that cross me. I’m interested in researching the hybridity of languages and formats without constraints. 

Are there any new projects planned? 

Yes, I’m working on writing a dystopian series called „A Última Sílaba Tônica“, about resistance under an authoritarian sonic regime. I’m also continuing to explore hybrid forms, especially in experimental cinema. 

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Lapso

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