Neun Fragen an Samuel Patthey

Doreen Kaltenecker
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Michael Kaltenecker

Interview: Im Zoom-Gespräch mit dem Schweizer Filmemacher und Animationskünstler Samuel Patthey konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Voiceless“ (ET: „Sans Voix“) erfahren, der eigenen Clubbing-Vergangenheit, welche die Geschichte genauso formte, wie das Vaterwerden. Auch erzählt er davon, wie die Original-Musik für den Film von zehn Künstlern geschaffen wurde und Hand in Hand mit den Animationen geht.

Wie ist die Idee zu dem Kurzfilm entstanden? Welche Rolle spielte oder spielt Clubbing in deinem Leben?

Seitdem ich 16 bin, gehe ich gerne tanzen. Das war auch ein Anknüpfungspunkt zu meinen älteren Geschwistern, mit denen ich immer ausgegangen bin. Damals habe ich mich wie auch meine Geschwister in elektronische Musik verliebt. Daraus entstand eine Leidenschaft, die bis heute andauert. Ich höre jeden Tag viel Musik und lege auch selber auf. Meistens höre ich weiterhin vor allem elektronische Musik, aber auch Ambiente, IDM und Drum’n’Bass. Damals war es mein Ventil. Ich kannte die Szene sehr gut und war ständig in der Nacht unterwegs. Damals war ich ungebunden und es funktionierte als Lebensstil problemlos. Als ich mit 28 Jahren meine Frau traf (besser gesagt wieder traf, wir kannten uns bereits als Kinder) und wir bald mit unserer Tochter Nora schwanger wurden, wusste ich, dass sich mein Leben ändern würde. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits die Idee einen Film über und mit elektronischer Musik zu machen. Ich wollte diese Clubbing-Welt mit meinen Zeichnungen einfangen. Ideen hatte ich dafür in einer Art Journal festgehalten. Mit meiner Frau und Nora hat sich die Geschichte weg von dem reinen Zeigen der Musik-Leidenschaft in ein anderes Projekt verwandelt. 2021 bin ich dann für einen Monat nach Frankreich gegangen, um den Film zu entwickeln. Damals war sie bereits schwanger und ich musste einfach mein neues Leben in diese Geschichte einbauen. Damit konnte ich auch die Schwierigkeiten mit einbauen, die mit den Lebensveränderungen einhergingen. So ist die Idee zu meiner Hauptfigur entstanden, die eigentlich ein anonymes Partyleben in der Stadt führt, aber immer wieder von Kindern aus ihrem Trott herausgerissen wird. Da schwingt eine gewisse Angst vor einem anderen Leben mit, die aufkommt, wenn man vom Einzelgänger zum Vater wird.

Ich finde, der Film besitzt auch eine schwermütige Komponente, die aus einer gewissen Traurigkeit oder Einsamkeit heraus resultiert. War das beabsichtigt?

Der Film ist natürlich Fiktion, aber als ich dieses Leben geführt habe, hatte ich eine gewisse Einsamkeit im Herzen. Man hatte den Wunsch, jemanden kennenzulernen und sich etwas aufzubauen. Bestimmt suchen einige Menschen in dieser Szene Anschluss, aber Clubbing hat etwas sehr Anonymes an sich. Man ist in einem sozialen Rahmen, aber trotzdem irgendwie abgeschirmt. Nachdem ich meine Partnerin gefunden habe, habe ich selbst dieses Ventil nicht mehr gebraucht. Der Film ist auch ein Requiem für diese Zeit meines Lebens. Deswegen ist der Film auch etwas melancholisch. 

Kannst Du mir etwas zum Titel erzählen?

Es hängt mit dieser Musikwelt zusammen, in der man trotz Kontakt nicht viel miteinander redet und meistens für sich (auch ein bisschen in Trance) tanzt. Man muss da halt auch nicht unbedingt reden, man erlebt gemeinsam aber jeder für sich die Emotionen durch die Musik. Auch die persönliche Veränderung in meinem Leben ließ mich auf gewisse Weise erst einmal sprachlos sein. Deswegen besitzt mein Film keinen Dialog. Auch meine vorherigen Arbeiten waren ohne Sprache, doch beim nächsten Film wird sich das ändern. 

Wie lange hast du an dem Film insgesamt gearbeitet und wie groß war dein Team?

Allen in allem habe ich wohl vier Jahre an dem Film gearbeitet. Die Produktionsphase ist bei mir meistens genauso lang wie die Entwicklungsphase vorher, da ich gerne alles selbst mache. In der Zeit haben wir auch insgesamt zwei Kinder bekommen und so habe ich mir immer wieder mal Auszeiten für die beiden genommen. 

Ich denke, ich habe fast 90% aller Bilder selbst animiert. Neben mir gab es noch den Sounddesigner Thomas Gassmann, den Produzenten Mark Olexa und die Compositorin Julie Ecoffey. Nicht zu vergessen die zehn Musiker, welche die Musik gemacht haben.

Wie habt ihr den Film finanziell auf die Beine gestellt?

Ich hatte mit meinem Abschlussfilm „​Travelogue Tel Aviv“ an der HSLU Design und Kunst Luzern viel Erfolg auf Festivals gehabt und so kam ich gut in die Branche rein. In der Schweiz gibt es dann mehrere Anlaufstellen für Filmförderungen. Ich habe mich bei vielen Stellen beworben und hatte das Glück, das Budget für den Film zusammenzubekommen. Das ermöglichte mir die intensive Arbeit an dem Film, ohne dass ich parallel einer anderen Erwerbstätigkeit nachgehen musste.

Kommen wir nun zu der Musik, die ein wichtiger Bestandteil des Films ist.

Ich hatte bereits am Anfang des Projekts die Idee, dass die Musik ein DJ-Set ist, bei dem die Stücke ineinander übergeben und der BPM respektiert wird. Da es als ein wichtiger Bestandteil des Films und auch für die Animationen wichtig war, habe ich ganz früh schon bei Musikern, Musikproduzenten und professionellen DJs angefragt. Es war wunderbar, dass die meisten von ihnen sofort zugesagt haben. In enger Zusammenarbeit und Absprache sind dann die Musik und die passenden Animationen entstanden. Meistens kamen sie mit einer Musikskizze, die man dann zum Test animieren konnte und so entwickelten sich die Bilder und die Musik. Auch der Sounddesigner Thomas Gassmann kam früh ins Spiel, um die Musik zu synchronisieren. Wir haben lange am Ton gearbeitet, damit dieser richtig an den Bildern klebt oder auch mal eine neue Ebene bildet. Trotzdem sind die Momente im Film ohne Musik ebenso wichtig, stellen sie doch entscheidende Situationen dar.

Kann man die Musik irgendwo außerhalb des Films hören?

Ja, wir haben zum einen die Musik auf Vinyl gepresst. Acht der zehn Musiker waren mit an Bord, um längere Versionen ihrer Musik auf eine Vinylplatte zu packen. Diese gibt es aber nicht zu kaufen, sondern ist als Festival-Goodie gedacht. Aber man kann die Musik auch auf BandCamp erwerben – dabei kann man selbst den Preis nennen. 

Ich würde gerne noch mehr über die Animationen, den handwerklichen Prozess dahinter, den Einsatz der Farben und das Weglassen von Details in den Animationen erfahren?

Ich zeichne gerne schnell und beschränke mich dabei auf das Wichtigste. Alle Bilder sind auf Papier mit Bleistift und/oder Aquarell entstanden. Eigentlich zeichne ich gerne direkt vor Ort und habe dadurch einen sehr skizzierenden Strich. In der Vorbereitungsphase für meine Arbeiten zeichne ich viel über einen langen Zeitraum und benutze die Wände meines Studios auch als Moodboard. So arbeite ich zum Teil auch sehr intuitiv. Das heißt ich arbeite nicht unbedingt mit einem Skript, sondern vorrangig mit Zeichnungen und Bildern. 

Obwohl ich für „Sans Voix“ nicht viel vor Ort zeichnen konnte, bin ich diesem Stil treu geblieben. Der farbliche Aspekt kam neu in diesem Film hinzu. Auch der nächste Film soll mehr Farbe beinhalten. Zudem wollte ich den Mann mit wenigen Merkmalen charakterisieren – nur Nase, Ohren, Haare und etwas Bart. Es beschränkt sich auf die wesentlichen Elemente, so hat er zwar eine Zigarette, aber keinen Mund. So können sich auch viele Menschen mit ihm identifizieren. Die Farbe Grün (in seinem Gesicht) diente auch dazu, ihn aus der Masse herauszuheben. Natürlich ist die Farbe auch symbolisch und steht für vieles wie die Natur, das Toxische und auch was Spirituelles. Grün ist neutral und ambivalent zugleich. Die Farben in den Clubbings-Szenen waren auch deshalb wichtig, um das Freiheitsgefühl zu transportieren. Im Gegensatz zum Alltag und der Stadt, die ziemlich grau sind. Aber auch hier der Kontrast zu den Kindern, die lebendig und bei mir dadurch farbig sind. 

Kannst Du mir zu Deinem neuen Projekt erzählen?

Ich habe bei diesem Film festgestellt, dass ich es gut und interessant finde, von meinen Erfahrungen zu erzählen. Also wird meine nächste Arbeit auch wieder autobiographisch. Der Film wird von einer Wanderung erzählen, welche ich unternommen habe, als meine Tochter Nora ungefähr sieben Monate alt war. Ich war eine Woche allein in den Bergen und habe mich mit meiner Entwicklung vom Mann zum Vater und von einem jüngeren zu einem älteren Menschen beschäftigt. Während dieser Zeit habe ich ein Logbuch geführt und dieses wird die Grundlage für den Film werden. Es wird auch darum gehen, dass Männer aus diesem veralteten Schema ausbrechen und ihre Rolle in der Gesellschaft neu denken sollten. 

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Voiceless

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