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Filmkritik: Auf der 97. Oscarverleihung 2025 wurde der lettische Animationsfilm „Flow“ von Gints Zilbalodis als ‚Bester Animationsfilm‘ ausgezeichnet. Einer seiner Konkurrenten um diesen Oscar war der australische Stop-Motion-Film „Memoiren einer Schnecke“ (OT: „Memoir of a Snail“, Australien, 2024). Der Regisseur Adam Elliot erzählt in seinem bereits durch Kurzfilme und „Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?“ liebgewonnenen Stil von schweren Themen, ohne dabei jemals seinen Humor zu verlieren.
Grace Pudel (gesprochen im Original von Sarah Snook) und ihr Bruder Gilbert (Kodi Smit-McPhee) leben mit ihrem alkoholabhängigen, querschnittgelähmten Vater Percy (Dominique Pinon) zusammen. Grace liebt Liebesromane, Meerschweinchen und Schnecken. Als ihr Vater stirbt und sie von ihrem Bruder getrennt wird, sind diese Dinge ihr einziger Halt im Leben, bis sie auf Pinky (Jacki Weaver) trifft, die wieder Farbe in ihr Leben bringt und auf einmal gibt es auch die Hoffnung, ihren Bruder wiederzusehen und die Liebe kennenzulernen.
Adam Elliot hat bereits mit seinen vorherigen Kurzfilmen sowie dem Langfilm „Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?“ bewiesen, dass er ein Händchen für tieftraurige, aber auch wunderschöne Geschichten hat. Er weiß dabei, in die menschliche Seele mit viel Humor und Gefühl zu blicken, aber lässt auch die dunklen Seiten nicht aus und wendet sich auch meist eher den Verlierern des Lebens zu. Seine Stop-Motion-Filme sind keine bunten Kinderfilme, sondern berührendes Erwachsenenkino. Auch in seinem zweiten Langfilm, der wieder auf einem eigenen Drehbuch basiert, bleibt er sich treu. Er erzählt die Geschichte zweier Zwillinge in den 70er Jahren in Australien. Auch wenn die Umstände anders scheinen, haben sie durch ihre geschwisterliche Liebe eine schöne Kindheit. Danach aber wechseln sich kurze Momente des Glücks immer wieder mit Schicksalsschlägen ab. Doch diese sind nicht wie in Soaps oder ähnlichen Formaten unrealistisch gebündelt, sondern überzeugen durch ihre Verwurzelung im realen Leben. Trennung, Ausnutzung, Verlust und Depressionen gehören zu ihrem Leben dazu. Aber was Elliot immer wieder vor Augen führt, ist, dass man alles hinter sich lassen und immer wieder die guten Momente genießen kann. Dabei sind die Figuren mit ihren Spleens und Unperfektheiten genauso greifbar wie sie auch cineastische Figuren sind. Man folgt ihnen gerne und mit viel Gefühl und ja auch Tränchen in den Augen bis zum Ende ihrer Geschichte.
Erzählt wird dies in Elliots unverkennbarem Stop-Motion-Stil, den er selbst als Clayography bezeichnet. Eine Mischung aus Biography, da er oft Persönliches erzählt, und Claymation (was der Begriff für Knetfiguren-Stop-Motion ist). Einen Langfilm komplett aus Stop-Motion-Bildern zu schaffen, ist eine langwierige Arbeit, die man nur auf sich nimmt, wenn man diese Technik mit all seinen Eigenheiten liebt. Die Liebe zum Medium sieht man auch diesem Film an. Alle Sets und alle Figuren wurden komplett erschaffen und mit vielen Details ausgestattet. Dabei ist die Farbpalette auch hier zurückhaltend und passt sich gut der Stimmung des Films an. Die Figuren sind gewohnt knubbelig und nicht schön, wie man sie aus dem Elliot-Universum kennt. Die Synchronsprecher:innen wie Sarah Snook, Eric Bana, Kodi Smit-McPhee, Dominique Pinon, Jacki Weaver und Nick Cave verleihen mit ihren Stimmen den Figuren weitere Tiefe und Authentizität. Diese Bilder zeigen, dass Animationen nicht nur für kindgerechte Filme das richtige Medium sind. Sie schaffen einen abgeschlossenen Kosmos, der perfekt die Geschichte seiner ungewöhnlichen Helden wiedergibt. Und auch wenn manch einer eine Gewöhnungszeit für den Look braucht, hat man diesen am Ende mit Sicherheit ebenso wie die Helden ins Herz geschlossen.
Fazit: „Memoiren einer Schnecke“ des australischen Stop-Motion-Geschichtenerzählers Adam Elliot erzählt von Familie, Verlust und Einsamkeit und schafft es, das alles wieder mit Humor, Gefühl, aber nie Kitsch zu einem grandiosen Film zu vereinen. Dabei lebt der Film von seiner pointierten Geschichte genauso wie von den fantastischen Stop-Motion-Animationen und hätte wahrlich auch den Oscar als „Bester Animationsfilm“ verdient.
Bewertung: 9,5/10
Kinostart: 24. Juli 2025
Trailer zum Film „Memoiren einer Schnecke“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Wikipedia-Artikel über den Film „Memoir of a Snail“
- ARTE, ‚Stop-Motion: Erinnerungen einer Schnecke‘, arte.tv, 2024
- Eintrag des Films „Memoiren einer Schnecke “ bei Capelight Pictures
- Oliver Armknecht, ‚Memoiren einer Schnecke‘, film-rezensionen.de, 2024
- Maxi Braun: Memoiren einer Schnecke, in: EPD Film, Ausgabe 7/25, S.54.
- Alexandra Seitz: Krass Animiert, in: EPD Film, Ausgabe 7/25, S.42-47.