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Filmkritik: Der norwegische Spielfilm „The Ugly Stepsister“ (OT: „Den stygge stesøsteren“, Norwegen/Polen/Schweden/Dänemark, 2025) von Emilie Blichfeldt, der seine Europäische Premiere auf der 75. Berlinale 2025 in der Sektion ‚Panorama‘ feierte, erzählt das Aschenputtel-Märchen aus einem anderen Blickwinkel.
Als die Mutter Rebekka (Ane Dahl Torp) neu heiratet, ziehen die beiden Schwestern Elvira (Lea Myren) und Alma (Flo Fagerli) in das große Haus ihres Stiefvaters Otto (Ralph Carlsson). Doch dieser verstarb leider sehr schnell und erst danach stellte sich heraus, dass er mittellos war. So muss neues Geld her und das geht nur, wenn die ältere Tochter schnell unter die Haube kommt. Während die Stiefschwester Agnes (Thea Sofie Loch Næss) alle natürlichen Vorzüge mitbringt, das Herz eines Edelmanns oder gar des Prinzen (Isac Calmroth) zu gewinnen, wird Elvira eher als hässlich betrachtet. So beschließt die Mutter, dass schnell noch ein paar Schönheits-OPs gemacht werden müssen, bevor sie beim prinzlichen Ball ihren Ehemann kennenlernt.
Die Regisseurin und Drehbuchschreiberin Emilie Blichfeldt erzählt in ihrem Langfilmdebüt die Aschenputtel-Geschichte, die wohl jeder kennt, aus dem Blickwinkel der Stiefschwester. Gleich mit dem Titel wird sie als hässlich bezeichnet und so nimmt sie sich auch selbst wahr. Ihre gesamte Umgebung gibt ihr das Gefühl nicht wertig oder schön zu sein und so entspinnt sich ein Drama über das eigene Körperbild, falsche Schönheitsideale und darüber, wie Frauen in der Gesellschaft immer noch als Ware betrachtet werden. Der Unmut zwischen den Frauen entsteht aus rein eifersuchtsgetriebenen Konflikten. Angesiedelt in einer Märchenwelt in einem unbestimmten Früher wird dieser Diskrepanz noch verschärft. Da wo Solidarität herrschen sollte, gewinnt Missgunst die Oberhand. Dabei ist der Film nicht von der Gegenwart entrückt, denn auch in unserer Gesellschaft quälen sich junge Frauen, einem Schönheitsideal zu entsprechen, das nicht richtig ist. Die Individualität geht dabei leider meist verloren. All das greift diese Aschenputtel-Geschichte aus dieser Perspektive auf, denn es geht eben nicht um eine schöne und herzensgute Hauptheldin, der trotz massiver Verluste alles in den Schoß zu fallen scheint.
Inszeniert ist das Ganze als Hybrid aus Drama mit handfesten Body-Horror-Elementen. Doch im Gegensatz zu „The Substance“ (2024) von Coralie Fargeat, der oft als Referenz aufgrund der Themen und der Wahl der drastischen Mittel genommen wird, bleibt er seinem anfänglichen Märchengewand treu. Bedingt durch das Genre mit Burgen, Prinzen und Pferden wirkt die Märchenwelt immer wie aus dem Mittelalter. Auch Blichfeldt baut auf visueller Ebene keine die Immersion unterlaufenden Elemente ein. Wir sehen hier eine klassische Märchenwelt, nur dass der typische Glanz anderen und nicht unserer Hauptfigur vorbehalten ist. Die Brutalität, die in vielen dieser Geschíchten schlummert, wird hier als Body-Horror-Elemente eingebaut. Hier werden, wie zu erwarten, nicht nur Füße abgehackt, sondern auch Nasen zertrümmert, falsche Wimpern angenäht, Würmer ausgewürgt und auch Sexualität wird in ihrer Explizität gezeigt. Das Ganze ist handwerklich so überzeugend umgesetzt, dass manch eine Zuschauer:in bestimmt hin und wieder wegschauen mag. Hinzu kommen stimmige Locations, eine tolle Ausstattung und ein gut eingesetzter Score (Komponistin: Vilde Tuv). Auch hat die Regisseurin Blichfeldt eine kleine musikalische Reminiszenz an die deutsche Aschenputtel-Variante „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973) eingebaut, indem Agnes die bekannte Melodie daraus summt. Zum Schluss sollte man noch erwähnen, dass der Cast hervorragend besetzt ist und das Spiel der Darststeller:innen durch die Bank weg authentisch und nahbar ist. Vor allem die Hauptdarstellerin Lea Myren schafft es das Publikum auf ihre Seite zu ziehen, auch dann noch, als sie die ersten extremen Entscheidungen trifft.
Fazit: „The Ugly Stepsister“ ist ein Spielfilm von Emilie Blichfeldt, die darin das bekannte Aschenputtel-Märchen aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Im Zentrum steht die unsichere Stiefschwester, die Schönheit und den Prinzen gleichermaßen begehrt. Mit Elementen aus dem Body-Horror-Fach und einer starken Inszenierung ist diese Neufassung des Märchens ein Drama über Selbstwahrnehmung, Körperbilder und schädlichen Einfluss der Gesellschaft durch festgesetzte Bilder und Erwartungshaltungen.
Bewertung: 8/10
Kinostart: 5. Juni 2025
Streaming: unbekannt
Trailer zum Film „The Ugly Stepsister“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Wikipedia-Artikel über den Film „The Ugly Stepsister“
- Anke Sternborg: Filmkritik: „The Ugly Stepsister“, in Podcast: RBB Radio 3, Film aktuell, 04.06.2025.
- The Ugly Stepsister / Aschenputtel meets Body Horror im Fokus, in Podcast: Filmfrühstück – Ein Toast auf den Film, 05.06.2025.
- The Ugly Stepsister / So schön kann Kino sein, in Podcast: Der Tele-Stammtisch – Der Film- und Serienpodcast, 02.06.2025.
- Alexandra Seitz: The Ugly Stepsister, in: Ray Filmmagazin, Ausgabe 06/25, S.42.
- Anke Sterneborg: The Ugly Stepsister, in: EPD Film, Ausgabe 6/25, S.46.
