Neun Fragen an Moritz Müller-Preißer

Doreen Kaltenecker
Letzte Artikel von Doreen Kaltenecker (Alle anzeigen)
Marcus Höhn

Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Filmemacher Moritz Müller-Preißer konnten wir mehr über seinen ersten Dokumentar-Langfilm „God’s Other Plan“ erfahren, der seine Weltpremiere auf dem 46. Filmfestival Max Ophüls Preis 2025 feierte, wie er die Familie von Riley schon seit längerem kennt, was ihm bei der Berichterstattung am Herzen lag und wie es zu den inszenierten Paradies-Szenen kam.

Warum hast Du Dich dazu entschieden, Deinen ersten Langfilm in Utah zu drehen? 

Die Menschen in meinem Film kenne ich schon sehr lange. Ich war damals 2007/2008 als Austauschschüler in Utah und habe dort ein Jahr lang mit Rileys Familie zusammengelebt – als Riley selbst noch ein sehr frommer Mormone war. Jeden Sonntag war ich mit seiner Familie beim mormonischen Gottesdienst und konnte dabei tief in deren Religion und Kultur blicken. Seither hat mich der mormonische Glauben fasziniert und ich hatte schon immer Lust, darüber einen Film zu machen. Als Riley dann mit seiner ganz persönlichen und überraschenden Coming-Out-Geschichte kam, war es für mich der Auslöser diesen Film zu drehen: Um einerseits von Riley zu erzählen, aber ebenso den Glauben der Mormonen zu zeigen.

Was mir auffällt ist, dass die Umwelt auf diese Familie nicht so radikal reagiert, wie ich es erwartet hätte. Hattest Du auch andere Stimmen gehört und hast Du sie absichtlich rausgelassen?

Ich habe tatsächlich auch andere Stimmen gehört, die Rileys Familie als „falsch“ sehen oder als absonderlich, aber viele äußern Kritik nicht offen. In der mormonischen Kultur spielt das Streben nach einem perfekten, harmonischen Bild nach außen eine große Rolle. Man lächelt über Konflikte hinweg, statt sie laut auszutragen – das hat mich beeindruckt. Diese Haltung spiegelt sich auch im Film wider, wo Rileys Familie eher still mit der Situation ringt, anstatt sie offen zu verurteilen.

Wie haben alle Beteiligten auf das Filmprojekt reagiert?

Riley war von Anfang total dabei und super begeistert. Bei seinem Mann Brock und seiner Ex-Frau Jenna brauchte es einige Zeit, um ihnen zu verstehen zu geben, was ich eigentlich möchte. Rileys Eltern und seine Schwester bilden die ‚mormonische‘ Seite im Film und waren am schwierigsten zu überzeugen. Obwohl es primär ein Film über Riley ist, war es für mich immer klar, dass seine mormonische Herkunftsfamilie unbedingt in den Film muss, weil sonst ein ‚Loch‘ bliebe, über das hinweg gemutmaßt wird. Genauso habe ich es ihnen gesagt und sie auch überzeugen können.

Wie oft bist Du vor Ort gewesen und hast gedreht? 

Mein Kameramann Jacob Sauermilch und ich waren insgesamt dreimal in Utah innerhalb eines Jahres.

Was lag euch beim Schnitt am Herzen? Wann kamen die Prediger für die mormonische Rahmenhandlung ins Spiel?

Dieses Projekt war von Anfang an als beobachtender Dokumentarfilm angelegt, weswegen wir viel Material gesammelt haben – dieses mussten mein Editor Hauke von Stietencron und ich im Schnitt erstmal sortieren. Hauke und ich mögen immer gerne diese kleinen Momente im Film, die mal ironisch, mal herzerwärmend oder einfach skurril sind. Diese haben wir immer wieder im Film platziert, um einen möglichst differenzierten Film zu schaffen. Die Prediger waren mir von Anfang an wichtig, schließlich prägen sie das mormonische Weltbild wie kein zweiter Aspekt – ihre welterklärenden O-Töne passen für mich einfach perfekt zur Geschichte.

Wie kamen die Paradies-Szenen ins Spiel? Wie war es für die Portraitierten hier auch zu schauspielern? 

Der mormonische Glaube hat für mich eine der faszinierendsten Vorstellungen nach dem Tod: Ein aus drei Stufen bestehendes Paradies, in dem man im besten Falle sogar ein Gott werden kann – weil ‚unser Gott‘ auch mal ein Mensch war. Diese und weitere ‚fantastische‘ Glaubensaspekte wollte ich unbedingt in den Film implementieren. So kam die Idee auf, ein eigenes Paradies für Riley und seine Familie zu bauen – und da Riley und Brock sich von Natur aus gerne in Szene setzen, war das natürlich die perfekte Bühne. Jenna konnte ich dann auch noch überzeugen.

Ich denke, sie haben den fertigen Film schon gesehen? Wie fanden sie ihn?

Riley, Brock und Jenna haben den Film schon gesehen und waren sehr angetan und berührt. Ich glaube der Film löst bei ihnen viel aus, weil der Status-Quo mit ihrer Patchworkfamilien-Situation noch recht neu ist. Mit seiner Herkunftsfamilie besteht immer noch ein Annäherungsprozess und ich weiß nicht, ob sie den Film geschaut haben. Ich denke, es ist für sie schwer, Rileys Leben voll und ganz zu akzeptieren – und so auch bestimmte Teile des Films.

Wann und wo kann man Deinen Film als nächstes sehen?

Nach der Weltpremiere auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis reist der Film nun gerade etwas um die Welt und man kann ihn als nächstes auf den Filmtagen Oberschwaben sehen. Danach in Rumänien auf dem Astra-Film Festival.

Hast Du schon Ideen für ein neues Projekt?

Derweil arbeite ich an einer Langfilmversion meines früheren Kurzfilms „Häberli“ und besuche erneut Herrn Haeberli in der Schweiz.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „God’s Other Plan

Kommentar verfassen