- Neun Fragen an Joscha Bongard - 20. April 2026
- „Babystar“ (2025) - 20. April 2026
- Jetzt online! – Der Film „Beautiful Men“ - 19. April 2026
Interview: Im Gespräch mit dem französischen Regisseur Archibald Martin konnten wir mehr über seinen Kurzfilm „Birth of a Fire“ (OT: „Naissance d’un feu“) erfahren, der auf den 59. Hofer Filmtagen 2025 mit dem PHAROS Shiver Screen Award ausgezeichnet wurde, wie er eine Geschichte ersann, welche an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich spielt, und warum das Böse nicht ins Zentrum gerückt wird, wo genau sie gedreht haben und worauf er bei der Besetzung geachtet hat.
The original english language interview is also available.
Wie ist die Idee zu eurem Kurzfilm entstanden?
Ich wurde von der Geschichte des Schwarzwald-Rambos beeinflusst. Sie ereignete sich in Deutschland, aber ich weiß nicht, ob sie in eurem Land bekannt ist. Im Jahr 2020 wurde ein psychisch kranker Mann, der bereits durch die Verletzung seiner Freundin mit einer Armbrust aufgefallen war, im Schwarzwald in Militärkleidung mit Pfeil und Bogen gesichtet. Die deutsche Polizei mobilisierte alle Kräfte, um ihn zu finden, bevor er ein Verbrechen begehen konnte.Glücklicherweise gelang ihr das auch. Diese Geschichte hat mich inspiriert, weil sie einen potenziellen Bösewicht zeigt, der keineswegs fantastisch, sondern völlig realistisch und relevant für unsere Zeit ist. Meiner Meinung nach war dieser Mann ein neues Symbol für den Aufstieg des Faschismus und Maskulinismus im Westen. Er symbolisiert eine perverse Anziehungskraft der Rückkehr der Barbarei auf unserem Kontinent und steht für mich für alles, was bekämpft werden muss.
Diese Geschichte inspirierte mich dazu, die Figur des Jägers zu erschaffen, aber ich wollte keinen Film über ihn machen. Ich wollte ihn mit einer Opferfigur konfrontieren, die ihn bekämpft, indem sie die Kraft in ihrer tiefsten Wunde findet.
Feuer spielt als Motiv eine mehrfache Rolle in Deinem Film – kannst Du mir dazu sagen?
Feuer ist eine Kraft, die Wälder und Körper zerstört. In dem Film zieht die Figur des Feuers eine Parallele zwischen der Haut der Heldin, die durch einen Brand in der Vergangenheit vernarbt ist, und dem Wald, den der Jäger als sein Revier bewohnt. Feuer ist das Symbol für die ultimative Gefahr. Unsere Visionen der Apokalypse stellen das Feuer in den Vordergrund, das nicht mehr eine Anomalie ist, sondern eine eigenständige Landschaft. Wie viele andere Menschen bin auch ich erschüttert über die Zunahme von Bränden aufgrund der globalen Erwärmung. Feuer scheint das Ende von allem zu sein. Doch Romane hat es überlebt. Auch wenn ihr Körper für immer gezeichnet ist, hat sie überlebt. Und in diesem Film wird sie sich ihrer Stärke bewusst und überlebt erneut.
Über den Mörder erfährt man nicht viel – habt ihr mit dem Gedanken gespielt, ihm mehr Hintergrund zu verleihen?
Nicht wirklich. Eigentlich interessiert er mich nicht. Wir alle haben genug Filme gesehen und genug Nachrichten verfolgt, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wer dieser Typ ist: Jemand, dessen schwierige Vergangenheit oder abweichendes Verhalten ihn dazu gebracht hat, Frauen Schaden zuzufügen. Die überwiegende Mehrheit der Mörder hat denselben Hintergrund, dieselben Motive für ihre Taten. Horrorfilme konzentrieren sich oft so sehr auf Mörder oder Monster, dass sie zu echten Helden werden. Zu Ikonen. Ich konzentriere mich lieber auf die Heldin und ihren Kampf ums Überleben. Ich gebe zu, dass auch sie in diesem Film nur wenig Hintergrund hat, und hätte ich mehr Zeit gehabt, um mich damit zu beschäftigen, hätte ich ihren Charakter weiterentwickelt.
Habt ihr direkt im Pfälzer Wald gedreht – wie kamt ihr darauf, euren Horrorfilm dort zu erzählen?
Leider konnten wir in der Pfalz keine Fördermittel erhalten. Finanzielle Unterstützung für Kurzfilme ist in Deutschland offenbar eher selten. Das Gleiche gilt für den französischen Teil der Pfalz, der sehr dünn besiedelt ist. Es war für uns einfacher, in den Vogesen zu drehen, die näher an Hauptverkehrsstraßen und Städten liegen, wo Finanzmittel zur Verfügung stehen, aber auch wo die Berge besser sichtbar und leichter zu filmen sind als in der Pfalz, die auf der Leinwand sehr visuell wirkt. Ich habe ein wenig geschummelt.
Die Idee kam mir, weil ich das Thema der Grenze betonen wollte. Ich wollte, dass sich die Geschichte in einem Gebiet zwischen zwei Ländern abspielt, wo die Frage des Territoriums verschwommen ist und die Beziehung zwischen Identitäten und Territorien in Frage stellen könnte. Es ist auch eine Möglichkeit, die Hauptfiguren in eine noch extremere Unbekannte zu versetzen. Sie befinden sich nicht nur in einem Wald, sondern auch in einem Land, das nicht ihr eigenes ist und dessen Sprache sie nicht sprechen.
Was lag euch visuell am Herzen?
Eigentlich eine ganze Menge. Mein oberstes Prinzip war es, einen herrlichen Wald zu zeigen, einen Ort, an dem man Urlaub machen möchte. Die Fantasie der großartigen kanadischen Natur mit ihrer endlosen Wildnis. Und ich wollte, dass der Mörder kommt und dieses Postkartenbild zerstört. Er kommt und zerstört alles. Mitten in all dem, ob im Wald, am See oder in den Bergen.
Es war auch wichtig, dass er nach und nach auftaucht. Wie ein ferner Schatten, der immer mehr Gestalt annimmt, bis er zu einem sehr, sehr nahen Albtraum wird. Ich wollte, dass er erst am Ende des Films in der Nähe der Heldin ist. Damit wir ihn erst dann wirklich sehen, wenn die Konfrontation unvermeidlich wird.
Ich wollte auch, dass das Publikum den Schmerz der Heldin durch die Präsenz ihrer Narbe spürt. Das war nicht einfach, weil dieser Effekt sehr teuer ist. Deshalb konnten wir die Narbe nicht so oft zeigen, wie wir wollten, sondern mussten Entscheidungen treffen. Es war auch wichtig, eine Perspektive zwischen dem Raum, in dem sich die Figuren befinden, und der Landschaft, die sie umgibt, zu schaffen. Deshalb haben wir viele Aufnahmen von Landschaften, Wäldern, Seen sowie Tieren bei Tag und Nacht gemacht.
Das Feuer schafft eine Verbindung zwischen den Figuren und der Landschaft. Sie sind winzig, aber indem sie ein Feuer entfachen, haben ihre Handlungen Auswirkungen auf das Ganze.
Die beiden Hauptdarsteller:innen gewinnen schnell unsere Sympathien und man fiebert mit ihnen mit. Kannst Du mir vom Castingprozess berichten?
Ich hatte lange Zeit Schwierigkeiten, meine Figuren zu finden, weil ich in der richtigen Reihenfolge vorgehen wollte, beginnend mit Romane. Aber mir fehlte das Material, um die Schauspielerinnen, die ich traf, effektiv beurteilen zu können.
Also holte ich mir Marion Peyret, eine Casting-Direktorin, die mich beriet. Die Idee war, eher Duos als Einzelpersonen zu casten. Marysole und Diong waren das erste Duo, das gecastet wurde. Sie kannten sich bereits, hatten sich aber an diesem Morgen durch einen unglaublichen Zufall getroffen. Die Chemie zwischen ihnen war von Anfang an offensichtlich; beide waren sehr fröhlich und voller Energie. Ich habe mir trotzdem die Zeit genommen, sie mit anderen Duos und anderen Situationen zu vergleichen, aber ihre Synergie war unübertroffen.
Ich liebe die Dynamik und die Energie, die Marysole in sich trägt. Sie ist voller Leben. Sie gibt bei allem, was sie tut, ihr Bestes, und obwohl sie sich bei diesem Dreh völlig verausgabt hat, fallen und schreien musste, sich schmutzig machte, in eiskaltes Wasser steigen musste und gewürgt wurde, hat sie das immer mit einem Lächeln getan. Diong war sehr interessant, denn trotz seiner beeindruckenden Statur und seines natürlichen clownesken Verhaltens spürte ich in ihm ein emotionales Potenzial, das ich hervorheben wollte. Ich fand es in der Szene, in der sich die beiden in der Mitte des Films im Morgengrauen im Wald treffen.
Kannst Du mir noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Im Alter von 13 Jahren entdeckte ich dank Filmclubs in meiner Heimatstadt in der Normandie das Filmemachen. Ich wuchs mit einer Gruppe von Freunden auf, die meine Leidenschaft teilten und ebenfalls vom Filmfieber gepackt worden waren. Wir alle machten weiter und bekleiden heute verschiedene Positionen in der Branche. Seit meiner Jugend bin ich begeistert davon, Filme zu drehen, fast um jeden Preis, allein schon wegen der Schönheit, die darin liegt, etwas zu schaffen. Lange Zeit hatte ich Schwierigkeiten, meine Kurzfilme zu finanzieren, weil sie zu fantastisch oder zu blutig waren. Und vielleicht war ich auch nicht besonders talentiert. Also arbeitete ich in der Produktion, um an den Projekten anderer mitzuwirken, zu lernen und Filme zu machen, immer. Dank einer neuen Art von Schreibresidenz entstand das Projekt, traf seinen Produzenten – Lucas Tothe von Punchline – und konnte finanziert werden. Dieser Film erforderte viel Arbeit, da die Effekte von Anfang bis Ende durchdacht werden mussten, insbesondere wenn man kein großes Budget hat. Es erforderte viel Ausprobieren, Planen, Treffen mit Leuten und Beharrlichkeit, um es richtig hinzubekommen. Ich habe viel gelernt.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ich schreibe gerade an einem Spielfilm. Es wird wieder ein Horrorfilm, aber er spielt nicht im Wald.
Im Moment fällt es mir schwer, darüber zu sprechen, weil ich sehr abergläubisch bin. Und wie ich bereits gesagt habe, ist es sehr schwierig, in Frankreich Horrorfilme zu drehen. Die Leute lehnen sie schnell ab. Deshalb arbeite ich alleine hart daran, die Erzählung perfekt zu gestalten und etwas wirklich Solides zu schaffen, bevor ich mich an Produzenten wende und das Thema öffentlich mache.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Birth of a Fire“
Interview: In our conversation with French director Archibald Martin, we learned more about his short film „Birth of a Fire“ (original title: „Naissance d’un feu“), which won the PHAROS Shiver Screen Award at the 59th International Hof Film Festival in 2025. We learned how he came up with a story set on the border between Germany and France, why evil is not the focus of the film, where exactly they shot it, and what he looked for when casting the actors.
How did you come up with the idea for your short film?
I was influenced by the story of the Black Forest Rambo. It happened in Germany, but I don’t know if the story is well known in your country. In 2020, a troubled man, who had already made a name for himself by injuring his girlfriend with a crossbow, was spotted in the Black Forest dressed in military clothing, with a bow and arrows. The German police mobilized all their forces to find him before he committed a crime. Fortunately, they succeeded. This story inspired me because it presents a potential villain who is not fantastical at all, but completely realistic and relevant to our times. In my opinion, this man was a new symbol of the rise of fascism and masculinism in the West. He symbolizes a perverse attraction to the return of barbarism in our continent and, for me, symbolizes everything that must be fought against.
This story inspired me to create the character of the hunter, but I didn’t want to make a film about him. I wanted to confront him with a victim character who would fight him by finding the strength in her deepest wound.
Fire plays a recurring role in your film—can you tell me more about that?
Fire is a force that destroys forests and bodies. In the film, the figure of fire draws a parallel between the heroine’s skin, scarred by a fire in the past, and the forest that the hunter inhabits as his territory. Fire is the symbol of ultimate danger. Our visions of the apocalypse highlight fire, which is no longer an anomaly but a landscape in its own right. Like many people, I have been struck by the increase in fires due to global warming. Fire seems like the end of everything. Yet Romane survived it. Even though her body has been marked forever, she survived. And in this film, she becomes aware of her strength and survives it once again.
We don’t learn much about the killer—did you consider giving him more background?
Not really. Actually, I’m not interested in him. We’ve all seen enough movies and followed enough news stories to get an idea of who this guy is, someone whose troubled past or deviant behavior has led him to want to hurt women. The vast majority of killers have the same background, the same reasons for killing. Horror movies use to focus on killers or monsters to the point of making them real heroes. Icons. I prefer to focus on the heroine and her struggle to survive. I admit that she also has little background in this film, and if I had had more time to explore, it would have been her character that would have been developed.
Did you shoot directly in the Palatinate Forest—how did you come up with the idea of setting your horror film there?
Unfortunately, we were unable to obtain fundings in the Palatinate. Financial support for short films is apparently quite rare in Germany. The same is true for the French part of the Palatinate, which is a very sparsely populated area. It was easier for us to shoot in the Vosges Mountains, closer to major roads and cities, with funding available, but also with mountains that are more visible and easier to film than in the Palatinate, which is very visual on screen. I cheated a little.
The idea came to me because I wanted to emphasize the theme of the border. I wanted the story to unfold in an area straddling two countries, where the question of territory would be blurred and could challenge the relationship between identities and territories. It’s also a way of putting the main characters in an even more extreme unknown. Not only are they in a forest, but also in a country that is not their own and where they don’t speak the language.
What was important to you visually?
A lot of things, actually. My first principle was to show a magnificent forest, a place where you want to go on vacation. The fantasy of the great Canadian outdoors with its endless wilderness. And I wanted the killer to come and ruin the picture postcard. He comes and destroys everything. In the middle of it all, whether in the forest, the lake, or the mountains.
It was also important to have him arrive gradually. Like a distant shadow that takes shape more and more until it becomes a very, very close nightmare. I wanted him to be close to the heroine only at the end of the film. So that we only really see him when the confrontation becomes inevitable.
I also wanted the audience to feel the heroine’s pain through the presence of her scar. This wasn’t easy because this effect is very expensive. So we couldn’t show the scar as much as we wanted to, we had to make choices. It was also important to create a perspective between the space where the characters are and the landscape that surrounds them. So we took a lot of shots from landscapes, forests, lakes, animals, day or night.
The fire creates a link between the character and the landscape. They are microscopic, but by lighting a fire their actions will have an impact on the whole.
The two main actors quickly win our sympathy and we find ourselves rooting for them. Can you tell me about the casting process?
I struggled for a long time to find my characters because I wanted to proceed in order, starting with Romane. But I lacked the material to effectively evaluate the actresses I met.
So I was joined by Marion Peyret, a casting director who guided me. The idea was to cast duos rather than individuals. Marysole and Diong were the first duo to be cast. They already knew each other but had met by incredible chance that morning. The chemistry was obvious from the start; they were both very sunny and full of energy.I still took the time to compare them with other duos and other situations, but their synergy has never been matched.
I love the momentum and energy that Marysole carries within her. She is full of life. She gives her all in everything she does, and despite this shoot where she ran herself ragged, had to fall, get dirty, scream, go into freezing water, and be strangled, she always did it with a smile. Diong was very interesting because despite his impressive build and natural clownish behavior, I sensed an emotional potential in him that I wanted to bring out. I found it in the scene where the two meet at dawn in the forest, in the middle of the film.
Can you tell me a little more about yourself and how you got into film?
I discovered filmmaking at the age of 13 thanks to film clubs in my hometown in Normandy. I grew up with a group of friends who shared my passion and had also caught the bug. We all continued and now hold various positions in the industry. Since my teenage years, I have been passionate about making films, almost at any cost, for the beauty of achieving it. For a long time, I struggled to finance my short films because they were too fantastical or gory. And maybe I wasn’t very talented either. So I worked in production to serve other people’s projects, to learn and to make films, always. It was thanks to a new kind of writing residency that the project emerged, met its producer—Lucas Tothe from Punchline—and was able to get funded. This film required a lot of work because the effects had to be thought out from start to finish, especially when you don’t have a big budget. It took a lot of trial and error, planning, meeting people, and persistence to get it right. I learned a lot.
Are there any new projects in the pipeline?
I’m currently writing a feature film. It’s a horror movie—again—but not set in the forest.
I find it difficult to talk about it at the moment because I’m very superstitious. And as I said before, horror films are very difficult to make in France. People are quick to dismiss them. So I’m working hard on my own to get the narrative completely right and create something really solid before approaching producers and going public with the subject.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Birth of a Fire„


