Sechs Fragen an Bálint Kenyeres

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit dem ungarischen Filmemacher Bálint Kenyeres konnten wir mehr über einem Kurzfilm „The Spectacle“ erfahren, der beim 78. Filmfestival Cannes 2025 seine Weltpremiere feierte und auf dem 35. Filmfestival Cottbus 2025 zu sehen war, erfahren. Er erzählt von den Schwierigkeiten in seinem Land einen Film auf die Beine zu stellen, dass der Film ein Teil eines Anthologie-Projekts ist und er mit Laiendarsteller:innen und mit gelungenen Kamerafahrten die Geschichte in kürzester Zeit filmen konnte.

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden?

Im Moment ist das Drehen von Kurzfilmen nicht mein Hauptziel. Ich mache das jetzt, weil es die einzige Möglichkeit ist, das System in meinem Heimatland zu umgehen: Nachdem unser sechstes oder siebtes Projekt abgelehnt worden war, musste ich akzeptieren, dass ich in diesem Land nie wieder die Chance bekommen werde, Filme zu drehen. Und in Europa spricht man nur mit dir, wenn du einen erheblichen Teil des Budgets aus deinem eigenen Land mitbringen kannst. Aber damit bin ich nicht allein – praktisch die gesamte ungarische Filmgemeinde wurde enthauptet, mit wenigen Ausnahmen, die nur noch da sind, um den Anschein internationaler Legitimität zu wahren. Bei der staatlichen Filmförderung in Ungarn geht es heute in erster Linie darum, eine politische Klientel aufzubauen, das Publikum zu indoktrinieren und Unterhaltung von extrem geringer Qualität zu produzieren.

So entstand der Plan, einen Anthologiefilm mit sechs lose miteinander verbundenen Geschichten zu drehen – und dieser neue Kurzfilm war der erste, den wir fertigstellen konnten.

Als ich einige Wochen damit verbrachte, Ideen für diesen Anthologiefilm zu entwickeln, arbeitete mein Unterbewusstsein auch nachts weiter, sogar im Schlaf – und so entstand die Grundidee des Films. Ich träumte buchstäblich, dass ich einen Film schrieb, und das war der Film, den ich in meinem Traum schrieb. Wenn so etwas passiert, fühlt man sich irgendwie gezwungen, es zu verwirklichen.

Kannst Du mir zu den Dreharbeiten erzählen – wo genau habt ihr gedreht?

Als die Idee geboren war, begannen wir, Roma-Siedlungen zu besuchen, denn zuvor wusste ich nicht mehr über diese Welt als ein durchschnittlicher Bürger. Ich traf Menschen, die dort lebten, lernte ihre Lebensumstände kennen, und diese Menschen und Orte füllten den Film langsam mit Leben. So läuft es immer – es ist immer die gleiche Arbeit.

Aufgrund finanzieller und logistischer Einschränkungen mussten wir einen Drehort im Umkreis von 50 Kilometern um Budapest suchen – wir wussten, dass wir weder Unterkunft noch Tagegelder für die Crew bereitstellen konnten. Aus Neugierde sind wir zwar viel weiter herumgewandert, aber wir wussten, dass der Drehort innerhalb dieses Kreises gefunden werden musste. So sind wir in Monor gelandet, wo wir ein Haus gefunden haben, das schon ohne jegliche Veränderungen interessant war. Wir drehten dort mit Einheimischen und, im Allgemeinen, Laiendarstellern zwei Tage lang statt der vier, die wir gebraucht hätten – aber mehr war nicht drin. Nur die Mitglieder des Fernsehteams im Film sind professionelle Schauspieler.

Die Besetzung ist grandios. Habt ihr mit Laiendarsteller:innen gearbeitet und wie verlief das Casting?

Die Mitglieder des Fernsehteams sind ungarische Schauspieler. Ein Casting-Direktor hat uns dabei geholfen, sie zu finden. Alle aus der Roma-Siedlung sind Amateure. Jolika haben wir in Monor für die Rolle der Großmutter gefunden – sie entspricht genau der beschriebenen Figur: Sie trägt ihre Familie, ihre Straße, ihre Gemeinschaft auf ihren Schultern.

Für die andere Hauptrolle suchten wir ursprünglich einen ganz anderen Typ Junge. Während wir herumliefen, bekamen wir immer wieder Empfehlungen von Einheimischen – Sozialarbeitern, den Roma-Selbstverwaltungen, Bewohnern der Siedlungen. Jemand schlug Vili und seine Geschwister vor, und obwohl ich eine ganz andere Vorstellung im Kopf hatte, war klar, dass wir den Film mit ihm drehen mussten. Seine Persönlichkeit, seine Lebensgeschichte, seine Intelligenz, seine Verspieltheit – und wie all das in seinen Augen zum Ausdruck kam – machten deutlich, dass wir die Person gefunden hatten, nach der wir gesucht hatten.

Was lag euch visuell und bei der Kameraarbeit am Herzen?

Ich erzähle Geschichten gerne so, dass die Kamera selbst zu einer Figur wird. Vor diesem Hintergrund war mir klar, dass ich vertikale Kamerabewegungen nur dann einsetzen wollte, wenn der Junge – unsere Hauptfigur – allein und in Frieden ist, frei von äußerem Druck. Und eine echte Aufwärtsbewegung, von unten nach oben, sollte es nur einmal geben: in seinem einzigen Moment der Befreiung am Ende des Films.

Solange das Fernsehteam anwesend ist und den Jungen und seine Großmutter nicht in Ruhe lässt, bewegt sich die Kamera überhaupt nicht – sie wartet mit ihnen, erstarrt, gefangen in diesem winzigen Häuschen.

Kannst Du mir mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Es ist eine Kindheitsleidenschaft. Meine Eltern arbeiteten ebenfalls im Filmgeschäft, und ich habe mich nie wirklich für etwas anderes interessiert. Es begann mit obsessiven Filme Schauen, dann folgten theoretische Studien an der Universität und schließlich die Filmhochschule und das Filmemachen.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Die bereits erwähnte Anthologie-Reihe – „The Spectacle“ wird Teil davon sein; die haben wir im Januar gedreht. Im September haben wir eine weitere Folge gedreht, die nun fertig ist und auf ihre internationale Premiere wartet. Und wir versuchen bereits, den nächsten Teil vorzubereiten und zumindest eine bescheidene Finanzierung dafür zu sichern.

Zu Hause liegen unterdessen jede Menge fertige Drehbücher für Spielfilme in meinen Schubladen. Es wäre schön, diese eines Tages auch zu verfilmen.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Spectacle


Interview: In our conversation with Hungarian filmmaker Bálint Kenyeres, we learned more about his short film „The Spectacle„, which celebrated its world premiere at the 78th Cannes Film Festival in 2025 and was screened at the 35th Cottbus Film Festival 2025. He talks about the difficulties of making a film in his country, that the film is part of an anthology project, and that he was able to shoot the story in a very short time with amateur actors and successful camera movements.

How did you come up with the idea for your short film?

At the moment, making short films is not my main ambition. I’m doing it now because it’s the only way I can try to circumvent the system at home: after our sixth or seventh project was thrown out, I had to accept that in this country I will never again be given the chance to make films. And in Europe they only talk to you if you can bring a significant percentage of the budget from your own home country. But I’m not alone in this — practically the entire Hungarian film community has been decapitated, with a few exceptions kept around to maintain a semblance of international legitimacy. Hungarian state film funding today is primarily about building political clientele, indoctrinating audiences, and producing extremely low-quality entertainment.

So the plan became to make an anthology feature consisting of six loosely connected stories — and this new short film was the first one we managed to complete. When I dedicated a few weeks to generating ideas for this anthology feature, my subconscious kept working at night, even in my sleep — and that’s how the basic situation of the film surfaced. I literally dreamed that I was writing a film, and this was the film I wrote in my dream. When that happens, you’re sort of compelled to make it.

Can you tell me about the shoot—where exactly did you film?

Once the idea arrived, we started visiting Roma settlements, because before that I knew no more about that world than an average citizen. I met people who lived there, learned about their circumstances, and those people and places slowly began to fill the film with life. This is always how it goes — it’s always the same work.

Because of financial and logistical constraints, we had to look for a location within a 50-kilometre radius of Budapest — we knew we wouldn’t be able to provide either accommodation or per diems for the crew. Out of curiosity, we did wander much farther, but we knew the shooting location had to be found within that circle. That’s how we ended up in Monor, where we found a house that was already interesting without any modification. We shot there with locals and, generally speaking, amateur performers for two days instead of the four we needed — but that’s what we could manage. Only the members of the TV crew in the film are professional actors.

The cast is terrific. Did you work with amateur actors, and how did the casting go?

The members of the TV crew are Hungarian actors. A casting director helped us find them. Everyone from the Roma settlement are amateurs. We found Jolika in Monor for the grandmother — she’s exactly like the written character: she carries her family, her street, her community on her back.

For the other lead role we were originally looking for a completely different type of boy. While we were walking around we kept getting recommendations from locals — social workers, the Roma self-governments, residents of the settlements. Someone suggested Vili and his siblings, and although I had a totally different idea in my head, it was obvious we had to make the film with him. His personality, his life story, his intelligence, his playfulness — and how all of that shone through his eyes — made it clear we had found the person we were looking for.

What was important to you in terms of visuals and camera work?

I like telling stories in a way where the camera itself becomes a character. With that in mind, I knew I only wanted any vertical camera movement when the boy — our main character — is alone and at peace, free from external pressure. And true upward movement, from bottom to top, only once: in his single moment of release at the end of the film.

As long as the TV crew is present and won’t get off the boy and his grandmother, the camera doesn’t move at all — it waits with them, frozen, trapped inside that tiny little house.

Can you tell me about yourself and how you got into film?

It’s a childhood affliction. My parents also worked in film, and I was never truly interested in anything else. It started with obsessive film-watching, then theoretical studies at university, and eventually film school and filmmaking.

Are there any new projects in the works?

The anthology feature I already mentioned — „The Spectacle“ will be part of it; we shot that one in January. In September we shot another episode, which is now finished and waiting for its international premiere. And we’re already trying to prepare the next part and secure at least some modest financing along the way.

Meanwhile, at home my drawers are full of completed feature-length scripts. It would be nice to make those someday too.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „The Spectacle

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