Sechs Fragen an Masha Mollenhauer und Larissa Jacobsen

Doreen Kaltenecker
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Interview: Im Gespräch mit der Regisseur:in Masha Mollenhauer und der Drehbuchautorin Larissa Jacobsen konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „The Good Woman“ erfahren, der auf den 59. Hofer Filmtagen 2025 den Jury-Kurzfilmpreis der Stadt Hof gewinnen konnte, erfahren, dabei erzählen sie von den realen Hintergründe der Geschichte und wie sie den Dreh zwischen Hamburg und Polen umgesetzt haben. 

Könnt ihr mir zu den wahren Ereignissen und Inspiration zu dem Film erzählen?

Larissa: Die Geschichte von Izabela S., die 2021 an einer Sepsis starb, weil Ärzt*innen sich (aus Angst vor den extrem restriktiven Abtreibungsgesetzen) weigerten, einen nicht lebensfähigen Fötus abzutreiben, hat mich als deutsch-polnische Frau tief erschüttert. Und Izabela war kein Einzelfall.

Mir wurde ziemlich schnell klar, wie wichtig es ist, das Politische im Alltag zu erzählen, um die Distanz zum Thema zu verringern und aus dem Abstrakten herauszuheben. Wir alle sind kulturell geprägt, von unserer Generation, unseren Familienbiografien, von gesellschaftlichen Erwartungen und von den Gesetzen, unter denen wir aufwachsen. Diese Prägungen wirken im Kleinen: in Entscheidungen, die wir treffen, in Ängsten, in Rollenbildern, die wir übernehmen, oft ohne es zu bemerken. Und genau in diesem vermeintlich „Alltäglichen“ zeigen sich die politischen Kräfte besonders deutlich. Mein Wunsch war es deshalb, alles, was ich erzähle, in einer Wahrheit zu verankern. Natürlich in eine fiktionale Geschichte eingebettet, aber in eine, die jeden Tag irgendwo auf der Welt genau so oder ähnlich passiert. Wie leise, wie unterbewusst und gleichzeitig wie zerstörerisch solche Umstände und Situationen entstehen können, die dann fatale Folgen haben. 

Untersuchungen zeigen eindeutig, dass Verbote oder Gesetze Abtreibungen nicht verhindern, sie machen sie nur gefährlicher. Mit unserem Film wollten wir deshalb nicht nur auf diese rechtliche Realität reagieren, sondern auch zeigen, wie verletzlich das Leben und die Sicherheit einer Frau* noch immer ist, wenn sie nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht oder diese bewusst ablehnt. Es geht darum, den Menschen hinter der Rolle “Mutter” oder “Frau*” sichtbar zu machen und die Frage zu stellen, wie viel eine Frau* im 21. Jahrhundert eigentlich riskieren muss, um über ihren eigenen Körper entscheiden zu dürfen.

Die Szene, die in Berlin spielt, sagt auch was über die Gesetze hier aus. Warum war es euch wichtig, das auch mit einzubauen?

Larissa: Uns war es extrem wichtig, auch die deutsche Gesetzgebung zu kritisieren und Deutschland nicht als „rettende Instanz“ darzustellen. Auch in Deutschland stellt §218 des Strafgesetzbuches Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe und trägt damit ganz klar zur Stigmatisierung von Abtreibungen bei. 

Der Film ist euer Abschlussfilm an der Hamburg Media School. Wie viel Zeit hattet ihr für den Film und wo habt ihr gedreht?

Larissa: Ich hatte die grobe Idee für die Figuren und den Plot Ende Oktober 2023 und hatte dann ca. zwei Monate Zeit, das Drehbuch in erster Fassung zu schreiben und zu entwickeln. 

Masha: Ich habe die erste Fassung Ende Dezember gelesen und dann ging es eigentlich im Januar 2024 auch gleich richtig los und im Sommer haben wir gedreht, was schon sehr wenig Zeit war für die Vorproduktion. Wir haben aber parallel sehr intensiv recherchiert, Larissa hat am Buch weiter gefeilt und wir haben auch mit polnischen Künstler:innen und Aktivist:innen zusammengearbeitet, was uns immer wieder neue Inspiration gegeben hat. Wir haben in Stettin (Polen) und Hamburg gedreht. Wir mussten ein paar polnische Motive in Deutschland drehen, weil wir durch die Thematik von unserem Film auch ein paar Drehgenehmigungen in Polen nicht bekommen haben, wie z.B. das Krankenhaus. Für unseren Producer Marcel Thomaschowski war das natürlich in der kurzen Zeit eine Herausforderung, aber am Ende haben wir immer Lösungen gefunden und auch mit einem tollen polnisch-deutschen Szenenbildner gearbeitet, Bartholomäus Kleppek.

Wie wichtig war euch bei der visuellen Umsetzung Realismus und worauf habt ihr bei der Bildsprache Wert gelegt?

Masha: Die Bildsprache war sehr inhaltlich getrieben. Wir wollten eine Verdichtung der Ereignisse erzählen und wie sich die Spannung immer weiter aufbaut und haben versucht, das auf die Bildebene zu übertragen. Für mich ist es dabei wichtig, dass die Schauspielenden selbst in einem ruhigen Bild einen Bewegungsspielraum haben und wir es schaffen, Bilder nicht auszustellen, selbst wenn wir sie sehr genau setzen. Was uns am Anfang gar nicht so klar war, aber im Prozess entstanden ist, dass viele Farben, für die wir uns entschieden haben, an die Gemälde erinnern, die unsere Protagonistin im Film malt. Wir durften für den Dreh die Bilder der polnischen Künstlerin Agata Kuzko verwenden. Diese Ebene mit den Farben und malerischen Bildern haben wir dann auch nochmal gestärkt in unserer Filmsprache, weil wir eben die Geschichte einer Malerin erzählen.

Könnt ihr mir noch ein bisschen mehr zu dem Cast erzählen und wie ihr an die Schauspielarbeit rangegangen seid?

Masha: Wir haben ein Online-Casting gemacht und uns vor allem Hilfe von polnischen Agenturen geholt und dann bin ich nach Warschau für das Konstellation-Casting. Wir hatten natürlich ein Gefühl für unsere Ewa, aber wir waren auch sehr offen, uns überraschen zu lassen. Wioletta Kopańska ist eine sehr starke, intuitive Schauspielerin und wir haben viel über die Rolle und das Buch gesprochen und über die verschiedenen Seiten, die wir durch Wioletta von Ewa erleben dürfen. Dawid Ptak, unser Tomasz (Ewas Mann), hat sofort verstanden, dass es uns wichtig ist, dass Tomasz sowohl ein liebevoller Ehemann ist und trotzdem Mitschuld trägt an den Ereignissen. Dawid hat sich im Vorfeld viel mit dem sozialen Hintergrund von Tomasz beschäftigt und auch mit der Körperlichkeit der Figur, was für die Rolle fantastisch war. Unseren Jakub (Ewas Sohn) haben wir durch ein offenes Casting in Hamburg gefunden. Bei ihm, Lennox, ging es viel darum, ein Vertrauensverhältnis herzustellen. Am Anfang hat er mir in den Proben zum Beispiel als polnischer Übersetzer geholfen und wir alle sind sofort darauf eingegangen, weil das natürlich eine tolle Chance war, spielerisch eine Verbindung herzustellen. Die ganze Arbeit an den Rollen ist aus unserer intensiven Recherche entstanden. Wir haben für die meisten Figuren mit echten Menschen, die in ähnlichen Situationen waren, gesprochen oder Briefe bekommen, und auch meine polnische Regieassistenz Anna Bielawska hat uns in der Recherche sehr geholfen. Ich habe viel mit Dawid und Wioletta über diese Recherche gesprochen und auch Larissa (Autorin) in die Gespräche reingeholt, die natürlich das größte Verständnis über ihre Figuren hat. Wir sind beide wirklich wahnsinnig glücklich über den Cast und so dankbar, dass alle diesen Film mit uns gemacht haben.

Könnt ihr mir noch ein bisschen mehr von euch erzählen und wie ihr zum Film gekommen seid? 

Bei Preisverleihung in Hof

Larissa: Bevor ich in Hamburg Film studiert habe, habe ich am Literaturinstitut in Hildesheim Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Geschichten und Figuren haben mich schon immer begleitet, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es für mich nicht nur darum geht, sie allein am Schreibtisch zu entwickeln, sondern sie gemeinsam mit anderen Gewerken wachsen zu lassen und etwas zu erschaffen, das größer ist als die Summe der einzelnen Teile.

Masha: Ich wuchs mit vielen verschiedenen Geschichten und Perspektiven auf, was an meiner alleinerziehenden Mutter liegt, aber auch an meinen Großeltern, die Fluchtgeschichten haben. Diese Geschichten aus der Unsichtbarkeit und Sprachlosigkeit rauszuholen, war mein innerer Antrieb. Nach mehreren Praktika an Filmsets habe ich zahlreiche Film- und Serienprojekte als Regieassistent:in und Script Supervisor begleitet. Derweil habe ich den Bachelor in Theaterwissenschaft und Philosophie absolviert und dann den Master of Arts in Filmregie an der Hamburg Media School.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Masha: Wir haben uns über den Prozess als kreatives Duo gefunden und arbeiten gerade zusammen an neuen Stoffen. Ich darf noch nicht viel verraten, aber unsere Recherche für „The Good Woman“ hat uns auf jeden Fall sehr inspiriert.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „The Good Woman

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