„The Inheritors“ (2025)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Der kanadischen Dokumentation „The Inheritors“, die auf dem 68. DOK Leipzig 2025 ihre Weltpremiere feierte, gelingt etwas, das vielen Natur- und Tierdokumentationen nicht gelingt: Der Regisseur Serge-Olivier Rondeau geht auf Augenhöhen mit den Tieren, bringt nicht die menschliche Sicht und ihre Arbeit ins Bild, sondern lässt die hier portraitierten Möwen für sich selbst sprechen.

Die Ringelschnabelmöwen waren am Anfang des 20. Jahrhunderts beinahe vollständig ausgestorben. Doch eine große Kolonie in der Nähe von Montreal zeigt, wie sie sich angepasst haben und einen Weg zum Überleben gefunden haben. Auf der Île Deslauriers nisten über 50.0000 Möwen. Die Lebensbedingungen sind hier optimal. Abgeschottet von Menschen bevölkern sie einen Großteil der Insel. Ganz in der Nähe bei einer riesigen Müllhalde (6.000 Tonnen Müll jeden Tag) finden sie auch immer genug Futter. So können sich die Vögel ungestört ihrem Alltag voller Schlafen, Paaren und Essen widmen. Nur wenige Menschen arbeiten hier in der Gegend: Einige Forscher:innen beobachten und sezieren die Vögel. Angestellte der Mülldeponie versuchen mit einem Falken die Möwen zu verscheuchen. 

Nachdem der kanadische Filmemacher Serge-Olivier Rondeau von den Ringschnabelmöwen erfahren und sich durch Vorab-Recherche vorbereitet hatte, richtete er sich mehrere Wochen einen Verschlag auf der Île Deslauriers ein. Von dort aus in Bodennähe beobachtete er mit einer langen Linse die Vögel ganz nah und lernte ihren Alltag und ihre Sprache kennen. Mit der Zeit konnte er die Rufe voneinander unterscheiden, kannte ihren Rhythmus und ihre Gepflogenheiten und erkannte irgendwann auch die einzelnen Vögel wieder. Dabei nahm er sich viel Zeit und schuf einen Film, der fast ausschließlich aus der Sicht der Tiere erzählt. Er verzichtet dabei auf Erklärungen oder ein Voice Over und fängt das Leben der Möwen unverfälscht ein. Auch das Publikum lernt die Vögel kennen, weiß nach kurzer Zeit Rufe, Gesten und Verhalten einzuordnen und kann zudem noch so viel mehr (bestimmt auch ein bisschen zu viel) in die Gesichter und das Verhalten der Vögel rein interpretieren. Unruhe kommt in der Kolonie auf, als Menschen Stöcke in den Boden stecken. Warum sie das tun, erfahren wir erst zusammen mit den Möwen. Auch wenn Menschen ins Spiel kommen, bleibt die Kamera bei den Vögeln. Sogar in der Szene, als ein Vogel für die Wissenschaft seziert wird, bleiben wir bei ihm. Erst mit dem Einsatz des Falken auf der Müllhalde verändert sich die Perspektive. Wir erleben die Menschen, insbesondere die Falknerin, bei ihrer Arbeit und fahren mit ihr an den Zielort. Trotzdem verzichtet er auch hier darauf, tiefer in die menschliche Motivation vorzudringen. Dort nimmt die Kamera nochmal eine ganz neue Perspektive ein. Mit einer Kamera an der Haube des Falken Zara geht das Publikum zusammen mit ihm bei bis zu 150km/h auf Möwenjagd. Auch hier nimmt sich Rondeau die Zeit und lässt die Zuschauenden zweimal mehrere Minuten lang mit dem Falken unterwegs sein. Das ist wild, sehr bewegt und aufregend und vermittelt noch mal einen anderen Eindruck aus dem Vogelleben. Die Inszenierung hat sich hier ganz den Portraitierten verschrieben. Selten schafft es eine Natur- oder Tierdokumentation, sich so von den Menschen zu lösen und ein Gefühl für diese wunderbaren Wesen zu schaffen. Es zeigt, dass keine Verknüpfung oder Verhältnisse zu den Menschen und deren Leben geknüpft werden muss, sondern dass die Fokussierung auf die tierischen Helden absolut ausreicht. Auch verzichtet der Film, trotz einiger toter Vögel, auf die Zurschaustellung von Gewalt im Tierreich und zeigt eher, dass es eben dazu gehört. Keine Überdramatisierung, keine Musik und keine unnötigen vermenschlichenden Kommentare aus dem Off lenken von den großartigen Bildern ab, bei denen man danach das Gefühl hat, diese Tiere besser zu kennen. 

Fazit: „The Inheritors“ ist eine Dokumentation des kanadischen Regisseurs Serge-Olivier Rondeau, der eine Population von Ringschnabelmöwen in der Nähe von Montreal portraitiert. Dabei verzichtete er beinahe komplett auf die menschliche Perspektive, ebenso wie auf Musik, ein Voice-over oder irgendeine Art der von ihm gesteuerten Vermenschlichung der Tiere. Er lässt seine Bilder und vor allem die Möwen für sich sprechen und gibt den Zuschauenden die Möglichkeit, sich den Vögeln zu nähern. Gemeinsam mit dem Regisseur lernt man in dieser Zeit die Tiere, ihre Gewohnheiten und ihre Sprache kennen. Diese bewusste Konzentration auf die Tiere selbst macht die Dokumentation so stark und zu einem seltenen Exemplar in diesem Genre.

Bewertung: 4,5/5

geschrieben von Doreen Kaltenecker

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