Acht Fragen an Lara Aerts

Letzte Artikel von Doreen Matthei (Alle anzeigen)

Interview: Im Gespräch mit der Journalistin und Dokumentarfilmerin Lara Aerts konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Meisjesjongensmix“, der auf dem 37. Kurzfilm Festival Hamburg zu sehen war, erfahren, warum sie sich dafür entschied einen Film über das Thema Intersexualität zu machen, wie ihr Wen Long begegnete und warum es wichtig ihre Geschichte in Bildern zu erzählen. 

The original english language interview is also available.

Wie kam es zu Deinem Dokumentarfilm – was brachte den Stein ins Rollen? War es die Begegnung mit Wen Long?

Als ich in den 90er Jahren studierte, forschte jemand an meiner Universität namens Margriet van Heesch über Intersexualität. Damals gab es kaum Informationen darüber, also war sie wirklich eine Pionierin. Sie hat viele Leute interviewt und viel geforscht. Sie fand heraus, dass die Operationen und die Geheimhaltung von Intersex den Menschen wirklich schaden kann. Früher wurden Kinder operiert oder erhielten Medikamente, um sie entweder zu einer Frau oder einem Mann zu machen. Das medizinische Protokoll sah bis 2003 vor, dies geheim zu halten.

Sie entdeckte, dass dies intersexuellen Menschen viel Schaden zufügte, und riet schon in den 90er Jahren dazu, Kinder einfach aufwachsen zu lassen und sie selbst entscheiden zu lassen, ob sie ein Junge oder ein Mädchen sein wollen und ob sie überhaupt eine Operation wünschen. Also dachte ich eigentlich, dass der ganze Prozess der Emanzipation intersexueller Menschen schon seit all den Jahren im Gange war. Aber dann gab es 2017 diese Dokumentation im niederländischen Fernsehen von einer intersexuellen Person („Geslacht!“ von Raven van Dorst), und es stellte sich heraus, dass diese ganze Praxis der Operationen an Menschen immer noch weitergeht. Und ich habe mich wirklich gefragt, warum dieser ganze Aufklärungsprozess so langsam vor sich geht.

Wen Long

Ich dachte, vielleicht kann ich etwas ändern, mehr Bewusstsein schaffen, indem ich einen Dokumentarfilm darüber mache. Dann habe ich mit vielen intersexuellen Menschen Kontakt aufgenommen, um herauszufinden, wie die Erfahrungen sind und was nötig ist, um mehr Bewusstsein zu schaffen. Ich nahm an einem Pride-Marsch in Amsterdam teil und traf dort Wen Long. Sie war das einzige Kind auf dem ganzen Marsch und marschierte an der Spitze mit einer großen intersexuellen Flagge, wie eine kleine Aktivistin. Es war wirklich interessant, denn die anderen TeilnehmerInnen waren Erwachsene, und diese Erwachsenen hatten gerade erst den Mut gefunden, sich zu ihrer Intersexualität zu bekennen. Und dieses Kind schien überhaupt kein Problem damit zu haben. Das hat mein Interesse geweckt, und ich nahm Kontakt zu den Eltern auf und lernte sie kennen. Wen Long ging sehr offen und locker damit um, dass sie intersexuell ist. Das Einzige, was ihr wirklich nicht gefiel, war, dass es so unbekannt war und dass sie sich immer erklären musste und die Leute ihr nicht glaubten. Sie hatte kein Problem damit, intersexuell zu sein, aber sie hatte ein Problem damit, dass die Welt nichts davon wusste. Sie wollte unbedingt ihre Geschichte erzählen. So kamen wir dazu, einen Dokumentarfilm zu machen.

Wie ging es nach der ersten Idee weiter? Wie viel Zeit hattest Du zur Realisierung der Dokumentation und in welchem Rahmen ist sie entstanden?

Wen Long

Es hat lange gedauert, denn Wen Long war noch recht jung, sieben Jahre alt. Es dauerte eine Weile, bis man sich kennenlernte und sich miteinander anfreundete. Dann musste ich Geld für den Dokumentarfilm auftreiben. Zwei Jahre später begannen wir dann mit den Dreharbeiten. 

Was den Kontext betrifft, in dem der Film entstanden ist: In Holland gibt es diese Plattform. Sie heißt De Ontmoeting, was ‚das Treffen‘ bedeutet. Es ist eine Plattform für neue RegisseurInnen, die dort ihren ersten Dokumentarkurzfilm, Spielfilm oder Animationsfilm drehen können, der nur sechs Minuten lang sein sollte. Das war eigentlich die perfekte Dauer, um ein kleines Porträt von ihr zu machen. Es ist ein sehr kurzer Dokumentarfilm, aber er erzählt die ganze Geschichte und ist auch für Kinder sehr gut geeignet, um ihn anzuschauen. 

Wie kamen die Schafe mit ins Spiel?

Nun, Wen Long lebt auf der Insel Texel in Holland. Die Insel liegt im Wattenmeer. Einige der Inseln dort sind deutsch und einige der Inseln sind niederländisch. Auf dieser Insel gibt es viele Schafe. Gleich gegenüber von ihrem Haus gibt es viele Schafe. Die Kinder gehen oft zu den Bauernhöfen, um sich die kleinen Schafe anzusehen, wenn sie geboren werden. Es war also ganz natürlich, die Schafe zu besuchen, denn es war Frühling und es gab viele kleine Babyschafe, welche die Kinder gerne sehen. 

Was lag Dir visuell am Herzen?

Wen Long

Ich wollte wirklich die binäre Welt und die Perspektive von Wen Long zeigen, die nicht in diese binäre Einteilung in Männer und Frauen passt. Ich wollte den Kontrast zwischen ihrer Person und der Aufteilung der Welt deutlich machen. Einer von 90 Menschen ist intersexuell, das kommt also sehr häufig vor. Die Art und Weise, wie wir die Welt einteilen, ist also nicht korrekt, und das wollte ich zeigen. 

Wie hat Wen Long den fertigen Film gefunden? Wie reagieren Kinder im Allgemeinen auf den Film?

Als sie den Film das erste Mal sah, sagte sie: „Ja, das bin genau ich.“ Die Kinder sind von dem Film wirklich begeistert. Sie haben oft eine Menge Fragen an Wen Long. Und sie hatte auch viele Q&As mit Kindern. Sie fragen alles Mögliche, z.B. wollen sie unbedingt wissen, ob sie sich eher wie ein Junge oder eher wie ein Mädchen fühlt (‚1% mehr Mädchen‘). Wann hast du entdeckt, dass du intersexuell bist (‚Das habe ich schon immer gewusst‘)? Wenn du wählen müsstest, in welchem Körper wärst du lieber? Und dann sagt sie: „In meinem eigenen Körper.“

Ist der Einsatz in Schulen geplant?

Wen Long

Ja, wir haben es in Schulen in Holland und in Schweden gezeigt. In Belgien wird er in der Schule eingesetzt. Nun zeigen die deutschsprachigen Länder Interesse. Wenn wir Vorführungen in Schulen machen, nehmen die Fragen kein Ende. Und die Kinder haben auch gesagt, dass sie sie sehr mutig finden, dass sie ihre Geschichte erzählt. Und ja, es gibt einfach einen großen Hunger nach Informationen. Das merke ich nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Erwachsenen.

Kannst Du mir noch etwas mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Ich bin eigentlich Journalistin, ich schreibe normalerweise. Aber manche Geschichten lassen sich besser im Dokumentarfilm erzählen. So habe ich mit einer anderen Regisseurin an einem Dokumentarfilm über verspielte Erwachsene gearbeitet, Erwachsene, die noch wie Kinder spielen. Wir haben einen Dokumentarfilm darüber gemacht, weil es mehr Wirkung hat, wenn man die Menschen in Bewegung sieht. Und dann wollte ich bei diesem Thema auch einen Film machen, weil man ihn leichter verbreiten kann. Wen Longs Wunsch ist es, dass die ganze Welt über Intersex Bescheid weiß. Ein kurzer Dokumentarfilm ist also der beste Weg, um das Thema zu verbreiten. Außerdem ist sie sehr fotogen, so dass ihre Geschichte viel besser rüberkommt, wenn man sie filmt. Deshalb haben wir uns entschieden, einen Dokumentarfilm darüber zu machen. 

Wirst Du dem Dokumentarfilm treu bleiben? Gibt es bereits neue Projekte?

Wen Long

Ich würde gerne weiter Dokumentarfilme machen, aber ich warte auf ein Thema, das mich packt. Normalerweise sind es Themen, die mit sozialer Ungerechtigkeit zu tun haben. Je nach Thema überlege ich dann, wie ich die Geschichte am besten erzählen kann. Das könnte vielleicht eines Tages ein Podcast sein oder ein geschriebener Artikel oder eine Fotoserie oder eine Dokumentation. Ich schaue mir also wirklich die Geschichte an, um zu sehen, wie man sie am besten erzählt.

Ich habe ein neues Projekt geplant, ich werde eine große Fotoserie über intersexuelle Menschen mit dem Photographen Ernst Coppejans machen. Außerdem befinde ich mich gerade mitten im weltweiten Vertrieb für den Dokumentarfilm. Wir wollen wirklich sicherstellen, dass die ganze Welt ihn sieht, also haben wir noch viel Arbeit vor uns, um sicherzustellen, dass er in alle möglichen Bildungsprogramme aufgenommen und auf vielen Festivals auf der ganzen Welt gezeigt wird. Das ist also eine laufende Arbeit, die uns noch eine Weile beschäftigen wird.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Girlsboysmix


Interview: In a conversation with journalist and documentary filmmaker Lara Aerts, we were able to learn more about her short film “Meisjesjongensmix“, which was screened at the 37th Short Film Festival Hamburg, why she chose to make a film about the topic of intersexuality, how she encountered Wen Long and why it is important to tell her story in pictures. 

How did your documentary come about – what got the ball rolling? Was it meeting Wen Long?

When I was studying in 90s, someone in my university called Margriet van Heesch was doing research into intersex. There was hardly any information about it at that time so she was really pioneering. She interviewed a lot of people and did a lot of research. She found out that the the operations and the secrecy about intersex could be really damaging for intersex people. There’s this practice that kids were being operated on or given medication to make them either a woman or man. The medical protocol was to keep it secret until 2003.

She discovered that it caused a lot of harm to intersex people and she was already in the 90s advising to just let kids grow up and make their own choice, whether they want to be a boy or a girl and wether they want an operation at all. So I actually thought that the whole process of emancipation of intersex people had been going on for all these years. But then in 2017, there was this documentary on the Dutch television from an intersex person (“Geslacht!” by Raven van Dorst), and it turned out that this whole practice of operating on people was still going on. And I just really wondered why it went so slowly, this whole awareness process.

I thought maybe I can change something, raise more awareness by making a documentary about it. I got in contact with a lot of intersex people just to find out how the experience is and what is needed to raise more awareness. I was walking in a pride march in Amsterdam and there I met Wen Long. She was the only child in the whole march and she was marching at the front with a big intersex flag, like a small activist. It was really interesting because the only people were adults and these adults had only just found the courage to come out about being intersex. And this child seemed to have no problem with it at all. So that triggered my interest and I got in touch with the parents and got to know them. Long was really open and easy about her being intersex. The only thing that she really didn’t like is that it was so unknown and that she always had to explain herself and people didn’t believe her. She did not have a problem with being intersex but she had a problem with the world not knowing about it. She really wanted to tell her story. So that’s how we came to make a documentary.

What happened after the first idea? How much time did you have to realize the documentary and in what context did it come into being?

It took a long time because Wen Long was quite young, seven years old. It took time just to get to know each other, to get comfortable with each other. Then I had to raise money for the documentary. So two years later, we started to shoot. 

As to the context in which it came into being: There is this platform in Holland. It’s called De Ontmoeting, which means “the meeting”. It’s a platform for new directors to make their first short documentary, film or animation which should only be six minutes long. That was actually the perfect amount of time to make a little portrait of her. It’s a very short documentary, but it tells the full story and it’s also really suitable for kids to have a look at. 

How did the sheep come into play?

Well, Wen Long lives on the island Texel in Holland. The island is in the Wadden Sea. Some of the islands there are German and some of the islands are Dutch. On that island there are a lot of sheep. Just across from her house, there are a lot of sheep. The kids often go to the farms to look at the little sheep when they’re born. So it was really a natural thing to go and see the sheep because it was spring and there were a lot of small baby sheep that the kids like to see. 

What was visually important to you?

I really wanted to show the binary world and to show the perspective of Wen Long not fitting into this binary male and female division. I wanted to make that contrast really clear between how she is and how the world is being divided. One in 90 people is intersex, so this occurs a lot. So the way we divide the world is not accurate and that’s what I wanted to show. 

What did Wen Long think of the finished film? How do children in general react to the film?

When she saw the film for the first time, she said, “Yeah, this is exactly me.” Children are really enthusiastic about the film. They often have a lot of questions for Wen Long. And she also had a lot of Q&As with kids. They ask all sorts of things, like they really want to know do you feel more like a boy or do you feel more like a girl (‘1% more girl’)? When did you discover you were intersex? If you had to choose, what body would you rather be in? And then she says: “In my own body.”

Are there any plans to use it in schools?

Yeah, we showed it in schools in Holland and in Sweden. It’s being used in school in Belgium. Now the German speaking countries are interested. When we have screenings for schools, there’s just no end to the questions. And kids also said that they find her very courageous, because she shares her story. And yeah, there’s just a huge hunger for information. I notice not only with the kids, but also with adults.

Can you tell me a little more about yourself and how you got into film?

I’m actually a journalist, I usually write. But some stories are better being told in a documentary. So I worked with another director on a documentary about playful adults, adults who still play like kids. We made a documentary on this because it has more impact when you see the people in motion. And then, with this subject, I also wanted to do a film because you can spread it more easily. Wen Long’s wish is that the whole world knows about intersex. So then a short documentary is actually the best way to spread the word. She’s also very photogenic, so she really had her story come across much better when you film it. That’s why we chose to make a documentary about it. 

Will you remain close to documentary filmmaking? Are there already new projects planned?

I would like to keep making documentaries, but I wait for a subject that grabs me. Usually it’s subjects that have to do with social injustices. And then according to the subject, I look, what’s the best way to tell the story? It could maybe be a podcast one day or or a written article, or a photo series or a documentary. So I really look at the story to see what’s the best way of telling it.

I do have a new project planned, I’m going to be making a big photo series of intersex people with photographer Ernst Coppejans. Also, I’m actually in the middle of the global distribution of the documentary. We want to really make sure the whole world sees it, so we still have a lot of work to do to make sure it gets into all sorts of educational programs and is being screened at lots of festivals all over the world. So that’s work in progress and that will keep us busy for a while.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the short film “Girlsboysmix

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.