Sechs Fragen an Olivia Accardo

Doreen Kaltenecker
Letzte Artikel von Doreen Kaltenecker (Alle anzeigen)

 Interview: Im Gespräch mit der amerikanischen Filmemacherin Olivia Accardo konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Baby Tooth“, der im Programm des 41. interfilm Berlin 2025 lief, erfahren, wie die Geschichte sich durch den eigenen Wunsch nach einem Boot formte und wie der pensionierte Schauspieler Keith Roy Chrismon zum Team dazu stieß. 

The original english language interview is also available.

Wie ist die Idee zu Deiner Geschichte entstanden? Du hast sie zusammen mit Deiner Hauptdarstellerin Dakota Bouher erarbeitet, richtig?

Ja! Irgendwie schon! Ich habe diesen kleinen Wunschtraum, ein schrottreifes Boot zu besitzen, und Dakota hat das eigentlich ganz schöne (aber alte) Boot ihres Großvaters geerbt und wollte es verkaufen. Ich habe sie kontaktiert, wir haben uns getroffen, ich konnte mir ihr Boot nicht leisten, aber ich mochte sie sehr und erfuhr, dass sie Tänzerin und Performerin ist. Ich hatte kurz zuvor die Finanzierung für meinen ersten Spielfilm verloren und wollte unbedingt etwas drehen, egal mit welchem Budget und mit welchen Mitteln. Also schrieb ich etwas mit Dakota und ihrem Boot im Hinterkopf, und nach ein paar Leseproben mit ihr entschied ich mich, das Drehbuch dank einiger unerwarteter Vorschläge von ihr immer absurder zu gestalten.

Die zweite Rolle im Film spielt Keith Roy Chrismon. Wie kam er zu dem Projekt?

Keith Roy Chrismon und Dakota Bouher

Ich habe Flyer für das Casting ausgedruckt und sie in der Stadt aufgehängt (in der kleinen Stadt an der Küste von Oregon, in der ich lebe und in der „Baby Tooth“ gedreht wurde) – Keith hat einen meiner Flyer in unserem örtlichen Baumarkt gesehen. Ich habe die Auditions im Theater der Stadt veranstaltet, und Keith hat mich am Tag der Auditions angerufen und gesagt, dass er unbedingt dabei sein müsse und ich auf ihn warten solle. Sein Auto war auf dem Weg dorthin kaputt gegangen, er hatte keine Zeit gehabt, das Drehbuch durchzugehen, er erschien etwas zerzaust, aber entschlossen und hat mich mit seiner Leistung absolut umgehauen. Er liebte das Drehbuch und liebte die Rolle und war überglücklich, wieder die Gelegenheit zu haben, aufzutreten. Er war ein pensionierter Schauspieler, der von Los Angeles an die Küste gezogen war.

Was lag Dir auf visueller Ebene am Herzen?

Viele Dinge, aber vielleicht vor allem FARBE. Ich liebe Farbe. Ich liebe es, bewusst mit ihr umzugehen und sie sanft maximalistisch einzusetzen (ich kleide mich gerne so, ich dekoriere mein Zuhause gerne so, ich kleide meinen Sohn gerne so). Es war mir wichtig, dass das Produktionsdesign und die Garderobe farbenfroh waren und dass dies in der Postproduktion noch verstärkt und unterstrichen wurde.

Die Überstilisierung wie auch der pinke Overall erinnern an frühere Zeiten. Worauf referenzierst Du mit Deinem Film?

Dakota Bouher

Marina steht gewissermaßen für eine Entfremdung von der Welt, in der sie lebt, aber auch für Selbstbewusstsein in dieser Hinsicht. Sie ist sich bewusst, dass sie auffällt, aber das ist ihr nicht peinlich – sie kleidet sich und verhält sich so, wie sie es möchte. Das Kopftuch und die Brille sind eine Anspielung auf eine vielleicht etwas karikaturhafte Version von Audrey Hepburn, eine fast schon cartoon-artige oder karikaturistische Version von „FASHION“, einen Stil, der Spaß macht und nicht unbedingt dazu dient, die schickste, heißeste und coolste Person zu sein … sondern einfach dazu, Spaß daran zu haben. 

Kannst Du mir ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?

Keith Roy Chrismon

Ich bin mit Künstlereltern aufgewachsen und habe immer gezeichnet, gebastelt, fotografiert und geschrieben (und wurde dazu ermutigt). Lange Zeit wollte ich Cartoonist werden, hatte aber nie das Gefühl, dass ich mich nur auf ‚eine‘Kunstform beschränken könnte. Also entschied ich mich für den Film, denn diese Kunstform schien mir alle möglichen Dinge zu ermöglichen: Schreiben, Storyboards erstellen, fotografieren, Regie führen, Dinge basteln, mich verkleiden, animieren, gestalten. Ich bin nicht die Art von Filmemacherin, die sich besonders gut mit Filmtheorie oder -geschichte auskennt oder alle Filme der ‚Großen‘ gesehen hat. Ich habe einfach Spaß daran, Dinge zu erschaffen, und das Filmemachen ist für mich wie ein Juckreiz, den ich stillen muss. Es macht mich glücklich.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Ja! Ich habe zwei Drehbücher, an denen ich seit ein paar Jahren herumtüftele („Cranberry Heaven” und „Fucking Losers”), und einen Proof-of-Concept-Kurzfilm für eines davon („Blessing of The Bog”). Ich habe mir kürzlich ein paar Monate frei genommen, um Zeit mit meinem kleinen Sohn zu verbringen, der im September geboren wurde, aber ich habe diese Projekte in der Hinterhand, bewerbe mich um Fördermittel und suche auf entspannte, coole und nette Weise nach Finanzierungen, während ich mein Baby auf der Hüfte balanciere und den Schlaf auf eine Weise genieße, wie ich es noch nie zuvor getan habe.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Baby Tooth


Interview: In our conversation with American filmmaker Olivia Accardo, we learned more about her short film „Baby Tooth,“ which was screened at the 41st interfilm Berlin 2025. We discovered how the story was shaped by her own desire for a boat and how retired actor Keith Roy Chrismon joined the team. 

How did the idea for your story come about? You developed it together with your lead actress Dakota Bouher, right?

Yes! Kind of! I have a small pipe dream of owning a shitty boat, and Dakota inherited her grandfather’s actually nice (but old) boat and was selling it. I contacted her, we met, I could not afford her boat but I liked her a lot and learned she was a dancer and performer. I had recently lost funding for my first feature film and was itching to make something regardless, on a shoestring budget and with whatever I had access to. So I wrote something with Dakota and her boat in mind, and after a few read-throughs with her — I pivoted to make the script more and more absurd thanks to some out of left field suggestions from her.

Keith Roy Chrismon plays the second role in the movie. How did he get involved in the project?

I printed out casting call flyers and stapled them around town (the small Oregon Coast based town I live in, and „Baby Tooth was shot in) — Keith came across one of my flyers in our local hardware store. I was hosting auditions at the town’s theater, and Keith called me the day of auditions saying he NEEDED to be there, and to wait for him. His car broke down on the way over, he didn’t have time to go over the script, he showed up a bit disheveled but determined and absolutely blew me away with his performance. He loved the script and loved the part, and was so over the moon excited to have the opportunity to perform again, he was a retired actor who moved to the coast from Los Angeles.

What was important to you on a visual level?

A lot of things but maybe largely COLOR. I love color. I love being intentional with it, and going gently maximalist with it (I like to dress this way, I like to decorate my home this way, I dress my son this way). It was important to me that the production design and wardrobe was colorful, and that it was boosted and embraced in post production.

The over-stylization and the pink jumpsuit are reminiscent of earlier times. What are you referencing with your movie?

Marina kind of represents a disconnect from the world she lives in, but also confidence in being that way. She’s not unaware of how she stands out, she’s not embarrassed about it either — she dresses and behaves as she wants. The headscarf and glasses are a reference to maybe some cartoonish version of Audrey Hepburn, near-cartoon or caricature version of „FASHION“, style for fun and not necessarily to be the chicest hottest coolest person…but simply to have fun with it. 

Can you tell me a bit more about yourself and how you came to filmmaking?

I grew up with artist parents and was always drawing, making, photographing, and writing (and encouraged to do so). I wanted to be a cartoonist for the longest time but also never felt like I could pursue just „one“ artmaking practice? So I chose film, it felt like an artform that allowed me to do all kinds of things… write, storyboard, photograph, direct, make stuff, dress up, animate, design. I am not the kind of filmmaker that is particularly smart with film theory or history, or has seen every movie by any of „The Greats“. I just enjoy making stuff, and film itches that scratch for me. It makes me happy.

Are there any new projects planned?

Yes! I have two feature scripts I’ve been flailing with for a couple years („Cranberry Heaven“ and „Fucking Losers“), and a proof of concept short for one of those („Blessing of The Bog“). I’ve recently taken a few months to hang out with my infant son who was born in September but I’ve got these projects cooking on the backburner, I’m applying for grants and gently seeking funding in a chill cool nice way all while balancing a baby on my hip and cherishing sleep in a way I never have before.

Questions asked by Doreen Kaltenecker

Read on the german review of the short film „Baby Tooth

Kommentar verfassen