41. Interfilm Berlin 2025

Doreen Kaltenecker
Letzte Artikel von Doreen Kaltenecker (Alle anzeigen)
4. bis 9. November 2025 / Pfefferberg Theater, CineStar Kino, ACUDkino, Zeiss-Großplanetarium, City Kino Wedding, SİNEMA TRANSTOPIA, Rollberg Kino, Unterfilm Clubkino, Kino & Bar in der Königstadt, 

Festivalbericht: Bereits zum 41. Mal lädt Berlin im grauen November ins Kino ein. In der ersten Novemberwoche fand an neun Spielstätten unter der Leitung von Heinz Hermanns das Internationale Kurzfilmfestival – kurz interfilm – zusammen mit dem KUKI (Junges Kurzfilmfestival Berlin) statt. In vier  Wettbewerben und vier Sonderprogrammen konnte man an den sechs Tagen über 280 Kurzfilme aus zahlreichen Ländern sehen. Unter diesen wurden elf Preise im Wert von 35.000€ vergeben.

Internationaler Wettbewerb

Der Internationale Wettbewerb bot in diesem Jahr 49 Kurzfilme aus zahlreichen Ländern. Unter diesen wurden vier Preise verliehen. Der Hauptpreis – der mit 6.000€ dotierte Berlin-Brandenburg Short Award – Best Film – ging an den chinesischen „Extracurricular Activity“ von Yidan Xu und Dean Wei. Der bereits im diesjährigen ‚Berlinale Shorts‘-Programm gezeigte Spielfilm erzählt von einer heimlichen Liebe, repressiven Eltern und so gleichzeitig etwas über das Land selbst. Auch „Water Sports“ von Whammy Alcazaren, der den Preis Best Sound Design erzählt von wahren Problemen des Landes vor allem das Klima betreffend, ist aber zugleich eine quirlige Queer-Romanze. In „Bolero“ von Nans Laborde-Jourdàa, der als Best Live Action Kurzfilm ausgezeichnet wurde, steht ein queerer Mann im Zentrum der Geschichte, der mit einem Heimatbesuch nicht nur eigene Erinnerungen wach ruft. Dass Heimat nicht immer nur ein sicherer Raum ist, zeigen auch weitere Filme im Programm. Das Zuhause in „I Walked Through The Wall“ ist für die Protagonistin eine Art Gefängnis, das sie vor allem klein hält, bis sie eines Tages eine besondere Fähigkeit entwickelt. Auch der Teenager in „The Blood“ erhält eine (hier göttliche) Fähigkeit. Der Film von Joaquín León fragt, wie sein Leben dann wohl aussehen würde und findet eine realistische Antwort. Auch das neue Zuhause in „Womb“ von Ira Hetaraka scheint für das Mädchen nur eine Übergangsstation zu sein, aber je länger sie dort verweilt, um so mehr entfernt sie sich von ihrer leiblichen Mutter. Auf realistische Weise, aber nicht ohne einen gewissen Humor beschäftigt sich der Filmemacher Samir Syriani in „What If they Bomb Tonight?“ mit der Sicherheit im eigenen Haus und greift damit das aktuelle Kriegsgeschehen im Libanon auf. Der amerikanische Film „Mesopotamia, TX“ hat die Gunst der Stunde genutzt und sein Drama während der real stattfindenden Sonnenfinsternis 2024 gedreht. 

Das Interfilm Festival hat jedes Jahr eine große Auswahl an Animations-Kurzfilmen im Programm. Als Best Animation Kurzfilm wurde der französische „God Is Shy  von Jocelyn Charles ausgezeichnet, der bereits das Publikum auf dem 68. DOK Leipzig 2025 begeistern konnte. Darüber hinaus gab es viele Entdeckungen im Animationsfilmsektor zu machen: „After a Whale“ beschäftigt sich mit einer wahren, fragwürdigen Aufräumaktion. „I want to know What Love is“ erzählt mit Filmaufnahmen und Pappmache-Figuren von einem Trip nach Berlin und der mexikanische 2D-Animationsfilm „As if they Earth had swallowed them up“ klagt mit einer starken Filmsprache die Femizide in Mexiko an. Ein absolutes Highlight war das indische Stop-Motion-Musical „Desi Wool“, das sich auf schwungvolle Weise mit der Geschichte der traditionellen, schwarzen Wolle des Landes und deren Verwendung beschäftigt. 

weiterführende Kritiken zu Filmen aus dem Internationalen Wettbewerb

Deutscher Wettbewerb

Der brasilianische Kurzfilm „Uncanny Home“ von Eric Bitencourt gewann den Best German Film 1st Prize und erzählt von Traumata in der eigenen Kindheit. Auch mit der eigenen Kindheit beschäftigt sich der Animationsfilm „My Brother, My Brother“ der beiden Brüder Abdelrahman und Saad Dnewar. Er erzählt eine autobiographische Geschichte und nimmt gleichzeitig Abschied von Saad, der im Alter von 29 Jahren gestorben ist. Der Audience Award ging an den Animationsfilm „I Am a Flower“ von Ariel Victor Arthanto, der von familiären Bindungen, einer Transition und auch vom Abschiednehmen erzählt. Der Animationsfilm war auch im Deutschen Wettbewerb stark vertreten, sei es mit dem verkopften „Ploo“, dem neuesten Film von Jon Frickey, oder der collagieren Arbeit „Obey Obey“ von Akira Kawasaki, die sich darin mit japanischen Schulverordnungen hinsichtlich des Äußeren von Mädchen spielerisch auseinandersetzt. Auch besonders im Gedächtnis geblieben ist der fünfminütige Animationsfilm „Gaïa“ von Gwenola Heck, der mit Hilfe verschiedener Techniken einen Blick in den weiblichen Körper wagt. Auch dokumentarische Stoffe waren im Deutschen Wettbewerb vertreten u.a. „Wo wir hingehören“ von Jonah Wögerbauer, der von Xenia berichtet, die in Berlin ein Fotoprojekt über gehörlose Menschen startet. 

Dokumentarfilm Wettbewerb

Auch der Dokumentarfilm war in seinem eigenen Wettbewerb mit insgesamt 15 Kurzfilmen vielseitig vertreten. Den Preis Best Documentary Film ging an den Schweizer Kurzfilm „Revier“ Felix Scherrer, der sich mit dem zunehmenden Polizeipräsenz in Zürich in Essayform auseinandersetzt. Der französische Kurzfilm „Sixty-seven milliseconds“ des Filmemacher-Duos fleuryfontaine setzt sich ebenfalls mit Polizeigewalt auseinander. Sie rekonstruieren einen Fall aus den Pariser Banlieue und zeigen, dass hier grundlos Gewalt eingesetzt wurde. Auch aus einer persönlichen Sicht heraus und ebenfalls aus der Schweiz erzählt die Regisseurin Selin Besili in „Unser Name ist Ausländer“ von den Schwierigkeiten und dem Rassismus, der ihrer Familie entgegenschlägt. Die Kurz-Doku „Underground Morphology“ entführt uns dagegen in die Horror-Drag-Szene von Buenos Aires und setzt eine Verbindung zur Transition des Regisseurs selbst. 

Umweltfilm Wettbewerb

Neben den drei klassischen Wettbewerbsarten kann man in Berlin auch eine Vielzahl von Kurzfilmen entdecken, die sich mit Umweltschutz, Klimakrise, Tieren und Natur beschäftigen. Als Best Environmental Film wurde „Houston’s Whitebeam“ von Jake Morris und Alex Darby ausgezeichnet. Ihr Film ist ein Portrait der Biologin Libby Houston und ihren unermüdlichen Bemühungen für die Flora, insbesondere für die Gattung der Mehlbeeren in Großbritannien. Der für Kinder konzipierte südkoreanische Film „A Small Garden by the Window“ von Jonghoon Lee verdeutlicht, wie wichtig der eigene grüne Fingerabdruck ist. Auch in „Rerooted“ einen mit animierten Collagen und Cut-Outs umgesetzten, handgemachten Film geht es auch um das Erbe, was wir als Menschen hinterlassen. Der Regisseur Donato Sansone beantwortet mit „Dark Globe“ die Frage auf eine niederschmetternde Weise, kann aber ebenfalls mit einer besonderen Machart der Animationen begeistern. Der aus Taiwan stammende „Falling Mist“ von Chuang Yu-jin fängt in wunderschönen, wie originellen Animationen die Umweltbelastung in Städten und durch die Menschen ein. Der finnische Stop-Motion-Film „Fish River Anthology“ von Veera Lamminpää ist ein besonderes Kleinod, der sich als Musical in einer aufwendigen Animationstechnik mit den Sorgen von Fischen in einem Supermarkt-Verkaufsauslage beschäftigt.

eject_XXV & weitere Programme 

Die lange Nacht des abwegigen Films (‚eject_XXV‘) versammelt in jedem Jahr eine große Auswahl an kurzen Kurzfilmen, welche ganz unterschiedliche, skurrile, wie auch überraschende Geschichten erzählen. Im knapp zweistündigen Programm konnte man Stop-Motion-Filme wie den putzigen, niederländischen „Cell Buddies“ entdecken und klassische 2D-Animationen wie „Karies“ und „Trash“, der neue Film von Holga Rosen. Aber auch Spielfilme wie den auf gute Weise bizarren „Baby Tooth“ von Olivia Accardo. Weiterhin filmische Spielereien wie „Poong“ mit Tischtennisbällen oder das Musikvideo „The Weeping Monolith“ mit kleinen Plastik-Hasen konnte man dort entdecken. Besonders lange in Erinnerung blieben die beiden Kurzfilme „Fructus Fliegus“ und „Birds of Paradise“. Der erste Kurzfilm von Emilia Zieser, denkt die Situation weiter, was es bedeutet eine Fliege ins Auge zu bekommen. Der zweite Film von Tomek Ducki beschäftigt sich auf beinah skurrile Weise mit Evolution und was dabei einen schädlichen Einfluss auf die Geschöpfe nehmen kann und ist eine wunderbare Analogie auf den Menschen und Gesellschaften. 

Weitere Preise

  • Audience Award for the Weirdest & Most Wonderful Film
    The Meaningless Daydreams of Augie & Celeste“  von Pernell Marsden 

Mit über 280 Kurzfilmen bot das interfilm Festival neben vielen Wettbewerben auch die Möglichkeit, Filme nach Themenschwerpunkten zu entdecken. So gab es auch in diesem Jahre Programme für junge Frauen (‚Girls Riot‘) und queere Menschen (‚Queer Fever‘). In letzterem lief der charmante, britische Coming-of-Age-Film „I hate Helen“ von Katie Lambert. Auch gab es Sonderprogramme zu Essay-Filmen wie „Accidental Animals“ und mehrere Programme widmeten sich dem portugiesischen Film. So konnte das Interfilm Festival auch in seiner 41. Ausgabe wieder ein breitgefächertes thematisches Spektrum an Kurzfilmen vereinen und mit über 14.000 Besuchern vor Ort den Erfolg der letzten Jahre fortsetzen.

Weitere, bereits rezensierte Filme im Interfilm-Programm

Trailer des 41. Interfilm Berlin 2025:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

Kommentar verfassen