„Herz aus Eis“ (2025)

Doreen Kaltenecker
Letzte Artikel von Doreen Kaltenecker (Alle anzeigen)

Filmkritik: Der französisch-deutsche Spielfilm „Herz aus Eis“, der seine Weltpremiere im Wettbewerb der 75. Berlinale 2025 feierte, ist die fünfte Regiearbeit von Lucile Hadžihalilović, die darin eine Geschichte frei nach Hans-Christian Andersens „Schneekönigin“ und von einer gegenseitigen Abhängigkeit einer junger Frau und eines Stars erzählt.

Die 16-jährige Jeanne (Clara Pacini), die noch sehr unter dem Tod der Mutter leidet, haut an einem kalten Wintertag aus dem Kinderheim in den Bergen ab und macht sich auf den Weg in die Stadt. Dort weiß sie als Ausreißerin nicht wohin und landet mitten in der Nacht in einem Filmstudio, in dem sie erst einmal Unterschlupf findet. Am Tage findet dort eine filmische Adaption der „Schneekönigin“ statt. Fasziniert von der Hauptdarstellerin Cristina (Marion Cotillard) schafft sie es, Komparsin in dem Film zu werden und dem Star näherzukommen. Die wiederum scheint selbst auch an Jeanne interessiert zu sein. 

Clara Pacini

Nach einem gemeinsamen Drehbuch mit Geoff Cox schuf die Regisseurin Lucile Hadžihalilović, deren Filme wie „Évolution“ (2015) und „Earwig“ (2021) eher ein kleines Publikum bisher gefunden haben, hier eine freie Adaption des bekannten Märchens aus dem Jahr 1844 des dänischen Dichters Hans-Christian Andersen (1805-1875). Dabei betonte sie auf der Berlinale Pressekonferenz ihre Liebe zu Märchen, die am Anfang dieser Produktion stand. Sie erzählt eine Geschichte zweier Frauen, die in ein besonderes (Abhängigkeits-)Verhältnis schlittern. Die junge Jeanne – sehr gut verkörpert von Clara Pacini – ist fasziniert von der kühlen Schauspielerin Cristina, deren eigener Charakter sich von Zeit zu Zeit ganz mit der Figur der Eiskönigin verschmilzt. Es entsteht eine Verbindung der beiden, die geheimnisvoll bleibt, aber auch von Traumata der Vergangenheit genauso gespeist wird, wie von einer gewissen Abhängigkeit. Leider liegt hier auch die Schwachstelle des Films. Der Film erzählt wenig und verlässt sich dabei vor allem auf sein Gefühl und die Stimmung.

Clara Pacini

Aber die Figuren lassen das Publikum nicht an sich ran, ihre Motive und Beweggründe und auch eine gewisse verharrende Stagnation machen es schwer, sich ihnen zu nähern. Dadurch entsteht ein Gefühl von Länge, was einem Film, der von seiner Atmosphäre lebt, nicht gut tut. Was dagegen wunderbar eingefangen wurde, sind die 70er Jahre und die damalige Art des Filmemachens und -erzählens. Man sieht dem Film die Liebe zu dieser Zeit und zu dem eigenen Handwerk an. Dieses wird ebenfalls auch als Grundlage für das Vexierspiel des Films benutzt. So verwundert es auch nicht, dass immer wieder Spiegel und Spiegelungen eine Rolle spielen. Der Film-im-Film-Aspekt nutzt „Herz aus Eis“ wunderbar aus. 

Marion Cotillard

Die Ausstattung, der Zeitkolorit der 70er Jahre, die Wahl der Locations sowie die Musik und das Sounddesign (Etienne Haug und Ken Yasumoto) sind großartig. In der Bildsprache arbeitet Hadžihalilović mit dem auch in der Geschichte stark dominierenden Motive der Kälte und des Schnees. Das kommt u.a. in der Farbgebung und den Kostümen zum Ausdruck. Auf auditiver Ebene hört man oft ein Theremin, welches der Stimmung einen unheimlichen Klang verleiht. Auf der 75. Berlinale 2025 gewann der Film zurecht den Silbernen Bären für eine ‚Herausragende Künstlerische Leistung‘. Das Spiel der Darsteller:innen allen voran Marion Cotillard, welche die Schauspielerin und die Rolle des Films im Film gleichermaßen gekonnt verkörpert und dabei an Bette Davis‚ Charakter aus „Alles über Eva“ (1950) erinnert, was nichts Gutes ahnen lässt. Die französische Schauspielerin Clara Pacini gibt an ihrer Seite ihr Spielfilmdebüt. Darüber hinaus kann man in den Nebenrollen Gaspar Noé und August Diehl sehen. 

Clara Pacini

Fazit: „Herz aus Eis“ ist ein Spielfilm von Lucile Hadžihalilović, der mit starker Atmosphäre und dem Bezug zu einem düsteren Märchen die Geschichte zweier Frauen erzählt, die zueinander finden und dabei sich gegenseitig brauchen. Atmosphärisch ist der Film dicht , zeigt aber erzählerisch hier und da, vor allem auch durch seine unergründlichen Figuren, erzählerische Schwäche, was zu einem gewissen Gefühl von Länge führt.  

Bewertung: 6/10

Kinostart: 18. Dezember 2025

Trailer zum Film „Herz aus Eis“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

  • 75. Internationale Filmfestspiele Berlin 2025 – Katalog (Programm ‚Wettbewerb‘)
  • Wikipedia-Artikel über den Film „La tour de glace
  • Jörg Taszman: Berlinale: Der heutige Wettbewerb mit Marion Cotillard, in: Podcast Deutschlandfunk Kultur – Fazit, 16.02.2025.
  • Tom Westerholt: Filmfestival: Was die erste Tricia-Tuttle-Berlinale kann – und was nicht, in: Deutschlandfunk Nova – 1 Stunde Film, 19.02.2025.
  • Anke Sterneborg: Berlinale-Wettbewerb: „Dreams“ und „La Tour de Glace“, in Podcast: Radio 3 – RBB – Film aktuell, 17.02.2025. 
  • Martin Gobbin, ‚Herz aus Eis | Kritik‘, critic.de, 2025
  • Anke Sterneborg, ‚Berlinale | Wettbewerb – „La Tour de glace“‘, radiodrei.de, 2025

Kommentar verfassen