„Alles über Eva“ (1950)

Filmkritik: Der amerikanische Spielfilm „Alles über Eva“ (OT: „All about Eve“, USA, 1950) von Joseph L. Mankiewicz war der große Gewinner auf der 23. Oscarverleihung und gewann 6 der 18 verliehenen Preise. Doch nicht nur das, er übertraf mit seinen 14 Nominierungen den von „Vom Winde verweht“ (1939) aufgestellten Nominierungsrekord (13) und wurde erst wieder von „Titanic“ im Jahr 1997 mit ebenfalls 14 Nominierungen erreicht. Neben den Oscars für Regie und Drehbuch, konnte er sich auch den Preis als ‚Bester Film‘ sichern und setzte sich so gegen die starken Konkurrenten „Boulevard der Dämmerung“ (1950) von Billy Wilder und Vincente Minnellis „Vater der Braut“ (1950) durch.     

Ausgehend von der Verleihung eines Preises als Beste Schauspielerin an Eve Harrington (Anne Baxter) erinnern sich rückblickend drei involvierte Menschen an ihren Aufstieg und daran, wie sie es schaffte Margo Channing (Bette Davis) von ihrem Thron zu stoßen. Bevor sie selbst Schauspielerin wurde, besuchte Eve jeden Abend die Vorstellung des Theaterstücks des Dramatikers Lloyd Richards (Hugh Marlowe). Dessen Ehefrau Karen (Celeste Holm) nimmt sich ihrer irgendwann an und so lernt sie Margo, den Star im Stück, persönlich kennen. Schnell macht sich die junge Frau unentbehrlich und keiner ahnt etwas über ihre wahren Pläne, bei denen ihr der Kritiker Addison DeWitt (George Sanders) gut unter die Arme greift.

© 20th Century Fox

Das Drehbuch stammt aus der Hand des Regisseurs Joseph L. Mankiewicz (1909-1993) und ist eine Adaption der Kurzgeschichte „The Wisdom of Eve“ von Mary Orr (1910-2006), welche 1946 in der Cosmopolitan erschienen ist. Bevor Mankiewicz, bekannt für Filme wie „Ein Brief an drei Frauen“ (1949), „Julius Caesar“ (1953) und „Cleopatra“ (1963) das Drehbuch in die Hand bekam, wurde die Geschichte vier Jahre lang von allen Studios abgelehnt. Doch der Regisseur, der gerade auf der Suche nach einer neuen Geschichte war, nahm sich der Geschichte an, da er ein Vorliebe für frauendominierte Scripts hatte und das Broadway-Theater vermisste. Er setzt die Geschichte dabei konsequent als bittersüße, kritische Milieustudie um, die zu Recht zu den schwärzesten Filme über das Showbusiness gehört. Doch nicht nur, dass er das Theatergeschäft mit all seinen Mechanismen und Intrigen beäugt, zugleich ist es auch eine psychologisierende Studie über einen alternden Star. Doch wer denkt, dass es sich dabei um eine schwere Kost handelt, liegt falsch. „Alles über Eva“ strotzt vor Leichtigkeit und besitzt viel Humor. Für das gut geschriebene Drehbuch erhielt Mankiewicz den Oscar für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘. Er schafft es souverän ein engmaschig gestricktes Netz aus Lügen und anderen Bösartigkeiten zu zeichnen und thematisiert gleichzeitig mit offenen Augen die Position der Frau im Showgeschäft. Die Unschuld vom Lande, die sich nach oben arbeitet, die Autorengattin, die nichts zu sagen hat und die alternde Diva sind nur drei Typen, die ins Schwarze treffen, und hier ihre Leinwandverkörperung bekommen. In diesem Spielfilm steckt so viel drin, was man auf den ersten Blick nicht vermuten würde, da es wunderbar als leichtfüßige Komödie funktioniert, jedoch von vielen Schattenseiten des Showgeschäfts berichtet, ohne dabei zu beschönigen. Doch Mankiewicz erhielt nicht nur den Preis für das ‚Beste adaptierte Drehbuch‘, sondern auch den Oscar für die ‚Beste Regie‘. Bestens unterstützt wird seine Geschichte durch die souveräne Umsetzung. Szenerie und Kostüme bewegen sich alle in einem realistischen Rahmen, besitzen gleichzeitig was Verspieltes und stellenweise Verträumtes. In diesem formalen Bereich erhielt der Film viele seiner Oscar-Nominierungen. So war er für Kamera, Szenenbild, Schnitt und Filmmusik nominiert und konnte in den Kategorien ‚Beste Kostüme‘ (Edith Head, Charles Le Maire) und ‚Bester Ton‘ (Thomas T. Moulton) die Trophäen entgegennehmen. 

© 20th Century Fox

Der Film lebt von seinem großartigem Ensemble, vor allem die weibliche Riege spielt hier mit dem richtigen Verve. Doch trotz der beeindruckenden Anzahl an Nominierungen, es waren Anne Baxter, Bette Davis, Celeste Holm und Thelma Ritter nominiert, konnte nur der einzige männliche Nominierte, George Sanders (1906-1972), den Oscar als ‚Bester Nebendarsteller‘ gewinnen. Der Film hält bis heute den Rekord an Nominierungen bei den weiblichen Darstellern und war eine Zeit lang der Film mit den meisten nominierten Darstellern überhaupt. George Sanders, der für diesen Film seinen einzigen Oscar gewann, begann seine Schauspielerkarriere, damals ermutigt durch Greer Garson, im Jahr 1936 mit dem Film „Find the Lady“. Er machte sich daraufhin schnell einen Namen als Abenteuerheld, bedingt durch sein Erscheinungsbild, konnte sich aber auch wunderbar in Aristokraten und Schurken hineinversetzen. Bekannt wurde er durch Rollen in Filmen wie „Rebecca“ (1940), „Menschenjagd“ (1941) und „Das Dorf der Verdammten“ (1960). Im Disney-Klassiker „Das Dschungelbuch“ (1967) lieh er dem Tiger Shir Khan seine Stimme. Seinen letzten Auftritt hatte er in dem britischen Horrorfilm „Der Frosch“ (1973) und nahm sich schlussendlich im Alter von 65 Jahren das Leben. Hier in „Alles über Eva“ gibt er den verschlagenen und süffisanten Kritiker mit Bravour, der gerade auch im Zusammenspiel mit der hervorragenden Schauspieler-Riege ein grandioses Spiel abgibt. Vor allem in den Szenen mit Bette Davis, die als ‚Beste Hauptdarstellerin‘ nominiert war und ein wunderbares Diven-Spiel abliefert, dem es aber trotzdem nicht an Gefühl mangelt, kontert er all ihre Bissigkeit. 

© 20th Century Fox

Ebenfalls als ‚Beste Hauptdarstellerin‘ nominiert war Anne Baxter (1923-1985), die sich hier glaubhaft vom Unschuldsengel zum durchtriebenen Biest wandelt. Als ‚Beste Nebendarstellerinnen‘ waren Celeste Holme (1917-2012), die für „Tabu der Gerechten“ ihren Oscar erhielt, und Thelma Ritter (1902-1969) nominiert. Die amerikanische Schauspielerin Ritter hat als Bühnenschauspielerin angefangen und trat in „Das Wunder von Manhattan“ (1947) erstmals in Erscheinung. Danach hat man die Tony-Award-Gewinnerin in vielen Filmen gesehen, in denen sie stets mit ihrer schnoddrigen Art und Schlagfertigkeit herausstach. Das brachte ihr über die Zeit sechs Oscar-Nominierungen ein, aber leider nie einen Gewinn. Im Gesamten lebt der Film „Alles über Eva“ von dieser großartigen Riege von DarstellerInnen, welche die Geschichte spürbar, lebendig und für unsere heutigen Augen trotzdem überhaupt nicht altbacken machen. Dem Ensemble verdankt dieser böse Theaterfilm seine zeitlose Wirkung. So befindet er sich noch bis heute in in diversen Toplisten und wird oft als Referenz genommen u.a. lehnt sich Almodovars Film „Alles über meine Mutter“ bereits im Titel daran an. „Alles über Eva“ ist wie seine stärkste Konkurrenz, Billy Wilders „Boulevard der Dämmerung“, der die Jahresbestenliste in dem Jahr anführte und drei Oscars gewinnen konnte, ein zeitloser Klassiker, den man wirklich gesehen haben sollte.                

© 20th Century Fox

Fazit: Der amerikanische Spielfilm „Alles über Eva“ ist eine Abrechnung mit dem Showgeschäft und ein Portrait von Frauen und den Plätzen, die ihnen dabei zugewiesen werden. Dabei gelang dem Regisseur und Drehbuchschreiber Joseph L. Mankiewicz basierend auf einer Vorlage von Mary Orr eine bitterböse Geschichte, die auch heute noch wunderbar funktioniert. Das hervorragende Schauspielerensemble, allen voran Bette Davis, belebt die Szenerie. Die Dialoge betonen sowohl das Humorvolle als auch das Tragische und machen den Film zu einem zeitlosen Klassiker. Noch bis heute hält der Film den Rekord für die meisten nominierten Schauspielerinnen und konnte ganz zu Recht sechs Oscars auf der 23. Verleihung gewinnen und sich auch in der Hauptkategorie gegen seine starken Konkurrenten durchsetzen.

Bewertung: 8/10

Trailer zum Film „Alles über Eva“:

geschrieben von Doreen Matthei

Quellen:

  • Wikipedia-Artikel über den Film „Alles über Eva“ 
  • Wikipedia-Artikel über die Oscarverleihung 1951 
  • Wikipedia-Artikel über den Regisseur Joseph L. Mankiewicz 
  • Wikipedia-Artikel über die Schauspielerin Celeste Holm
  • Wikipedia-Artikel über die Schauspielerin Thelma Ritter
  • Wikipedia-Artikel über die Schauspielerin Bette Davis 
  • Wikipedia-Artikel über die Schauspielerin Anne Baxter 
  • Wikipedia-Artikel über den Schauspieler Georg Sanders 
  • Ulrich Behrens, ‚Alles über Eva‘, filmzentrale.com, 2005
  • Christoph Hartung, ‚über den Film „Alles über Eva“‘, christophhartung.de
  • Stephan Eicke, ‚Alles über Eva‘, film-rezensionen.de, 2011
  • Koebner, Thomas: Filmklassiker, Band 2, 1946-1962, Philipp Reclam junior, Stuttgart, 2006.
  • Krusche, Dieter: Reclams Filmführer, Philipp Reclam jun., Stuttgart, 2003.
  • Kubiak, Hans-Jürgen: Die Oscarfilme, Schüren-Verlag GmbH, Marburg, 2007.
  • Schneider, Steven Jay: 1001 Filme die sie sehen sollten bevor das Leben vorbei ist, Edition Olms AG, Zürich, 2013.
  • Vermilye, Jerry: Bette Davis : ihre Filme – ihr Leben, Heyn, München, 1988.
  • Chandler, Charlotte: Bette Davis : die persönliche Biografie, LangenMüller, München, 2008.

Diese Rezension ist als Teil der Oscar-Reihe der Testkammer erschienen.

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