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Interview: Im Gespräch mit dem Filmschaffenden und Animationskünstler Ariel Victor Arthanto konnten wir mehr über den Animations-Kurzfilm „I am a Flower“, der im Deutschen Wettbewerb des 41. Interfilm Berlin 2025 zu sehen war, erfahren, was ihn inspirierte, eine Geschichte über Blumenwesen zu erzählen und dabei visuell wie narrativ am Herzen lag.
The original english language interview is also available.
Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm entstanden? Warum hast Du Dich für Blumen entschieden?
Der Film entstand aus einer Skizze: ein Junge mit einem großen, blühenden Blütenkopf, der traurig und besorgt aussieht. Zu dieser Zeit dachte ich viel über Queerness und die Erfahrung, anders zu sein, nach, und dieses Bild sprang mir sofort ins Auge.
Ich begann mich zu fragen, wie es sich wohl anfühlen würde, eines Tages mit einem großen Blütenkopf aufzuwachen? Wie beängstigend und isolierend das sein könnte, besonders in einem Umfeld wie der Schule, umgeben von „normalen“ menschlichen Freunden. Von hier aus entwickelt sich die Welt von „I am a Flower“. Im weiteren Verlauf des Entstehungsprozesses entwickelt sich die Figur von einem jungen Blumenjungen zu Sam, einem queeren Künstler. Das Blumenmotiv fühlte sich von Anfang an richtig an. Es weckt Assoziationen von Weiblichkeit, Wachstum und Verwandlung. Außerdem suggeriert es eine farbenfrohe Welt und ist gleichzeitig etwas Nicht-Menschliches, was es zu einer natürlichen Metapher für Queerness machte.
Ist der Film im Rahmen Deines Studiums entstanden? Wie viel Zeit hattet ihr und wie groß war Euer Team?
Der Film entstand im Rahmen meines Studiums „Animationsregie“ an der Filmuni Babelsberg in Potsdam. Das Team war mit nur sieben Animatoren, die in verschiedenen Phasen der Produktion tätig waren, relativ klein. Der Großteil der Animationsarbeit wurde nur von mir und einer weiteren Animatorin, Michaela Clarissa Levi, erledigt. Die meisten Teammitglieder stammen aus Indonesien und sind talentierte Animatoren, mit denen ich bereits zusammengearbeitet habe, bevor ich zum Studium nach Deutschland gezogen bin. Die Universität war hinsichtlich der Produktionszeit recht flexibel. Die Vorproduktion dauerte ein Jahr, während die Animation und die Postproduktion weitere drei Jahre in Anspruch nahmen.
Der Stil der Animationen ist sehr ansprechend. Was lag Dir bei der Umsetzung am Herzen? In welchem Verfahren habt ihr die Bilder erzeugt?
Danke, ich freue mich, dass euch der Stil gefällt. Mir war von Anfang an klar, dass der Film sehr farbenfroh sein musste. Das passte meiner Meinung nach gut zu einer Geschichte über Blumen und Queerness, aber auch als Kontrast zum emotionalen Kern des Films. Ich habe mir die Erzählung immer als ernstes, herzliches Gespräch zwischen Sam und seiner Mutter vorgestellt. Diese subtile und ruhige Intimität wollte ich einer farbenfrohen und leicht cartoonartigen Welt gegenüberstellen. Ich bin ein großer Fan dieser beiden Kombinationen – meiner Meinung nach eine ganz besondere Stärke der Animation. Alle Hintergründe und Animationen wurden digital erstellt. Angesichts der Länge und des begrenzten Budgets ermöglichte dieser Ansatz Flexibilität in der Pipeline und gab mir dennoch die volle Kontrolle über Farbe, Stimmung und visuelle Konsistenz.
Kannst Du mir etwas zu den Synchronsprecher:innen erzählen?
Die Zusammenarbeit mit Harry Ware und Annalisa Lombardo war wunderbar. Von Anfang an war es mir wichtig, dass Sam von einem queeren Schauspieler gesprochen wird, und Harrys Sensibilität und Verständnis für die Figur haben der Rolle viel Tiefe verliehen. Annalisa hingegen hat eine Sanftheit in ihrer Stimme, die mir sofort vertraut vorkam und stark mit meiner Vorstellung von der Mutterfigur übereinstimmte. Beide haben sich schon früh intensiv mit der Geschichte auseinandergesetzt. Am Ende der Drehbuchphase im Jahr 2021 hatten wir Besprechungen und Proben, um die Stimmen ihrer Figuren zu finden und sicherzustellen, dass die Dialoge natürlich und glaubwürdig sind. Im selben Jahr nahmen wir eine erste Version der Dialoge auf, die zu einem grundlegenden Baustein für den Film wurde.
Im Laufe der weiteren Entwicklung des Projekts und der Verschiebung bestimmter Handlungspunkte schickten mir Harry und Annalisa immer wieder neue Rohaufnahmen, sodass sich die Darbietungen gemeinsam mit der Animation weiterentwickeln konnten. Die endgültige, vollständig synchronisierte Aufnahme wurde 2024 während der Postproduktion fertiggestellt. Obwohl ich anfangs etwas nervös war, wie die Stimmen zur Animation passen würden, lieferten sie wunderschöne Darbietungen, die letztendlich perfekt zu den Figuren passten.
Das Interfilm Festival verwendet für die Beschreibung der Hauptfigur das Pronomen ‚Their‘. In Deutschland ist aber ansonsten die Sprache nicht geschlechtergerecht. Wie nimmst Du dies wahr?
Die Verwendung von „they/them“ ergab sich aus meiner Vorstellung von Sam als Figur und nicht aus dem Versuch, eine geschlechtsneutrale Sprache im Deutschen zu finden. Sams Queerness besteht in erster Linie darin, ein Blumenmensch in einer Menschenwelt zu sein, und ihre Beziehung zum Geschlecht ist bewusst fließend und nicht festgelegt. Im Englischen bieten „they/them“ dafür eine natürliche Offenheit. Im Deutschen sind inklusive Formen wie „Künstler*in“ pragmatische Möglichkeiten, Raum zu schaffen, aber sie funktionieren immer noch innerhalb eines stark geschlechtsspezifischen Systems. Die Zusammenfassung spiegelt eher eine pragmatische Mischung als eine klare Lösung wider. Ich fand diese Spannung in der Sprache ziemlich interessant. In gewisser Weise spiegelt sie Sams eigene Erfahrung wider, in einem System zu existieren, das nicht ganz für sie geschaffen ist oder in unserem Fall nicht über die Sprache verfügt, um es zu erklären.
Kannst Du mir etwas zu Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich bin mit Animationsfilmen aufgewachsen und habe es schon immer geliebt, Geschichten durch Zeichnungen zu erzählen. Schon früh faszinierte mich die Animation als Medium des Geschichtenerzählens, da sie es ermöglicht, vollständig imaginäre Welten zu erschaffen und gezeichnete Figuren emotionale, nachvollziehbare Geschichten erzählen zu lassen.
Als mir klar wurde, dass Animation ein Berufsfeld sein kann, beschloss ich, mich ernsthaft damit zu beschäftigen. Meinen ersten 2D-Animationsfilm habe ich in Melbourne, Australien, während meines Bachelorstudiums an der RMIT University gedreht. Dort habe ich aus erster Hand erfahren, wie Animation zum Aufbau von Welten und Erzählungen genutzt werden kann, und mich vollkommen in dieses Medium verliebt. Nach meinem Abschluss arbeitete ich mehrere Jahre in meiner Heimatstadt Jakarta, bevor ich nach Deutschland zog, um meinen Master zu machen. Diese Reise führte mich schließlich dazu, „I am a Flower“ zu drehen.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Derzeit arbeite ich gemeinsam mit der Regisseurin Fatimah Tobing Rony an der Co-Regie eines Proof of Concepts für einen Spielfilm mit dem Titel „Ananda“. Dieser Film ist die Fortsetzung des Kurzfilms „Annah la Javanaise“, den wir 2020 gemeinsam gedreht haben. Momentan produzieren wir einen zweiminütigen Teaser, den wir im Laufe dieses Jahres im Rahmen der Präsentation des Projekts vorstellen wollen, um dessen weitere Entwicklung und Finanzierung voranzutreiben.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „I am a Flower“
Interview: In our conversation with filmmaker and animation artist Ariel Victor Arthanto, we learned more about the animated short film „I am a Flower„, which was screened in the German competition at the 41st Interfilm Berlin 2025, what inspired him to tell a story about flower creatures, and what was important to him both visually and narratively.
How did the idea for your short film come about? Why did you choose flowers?
The film was born out of a sketch: a boy with a large, blooming flower head, looking sad and worried. At the time, I was reflecting a lot about queerness and the experience being different, that image immediately stood out to me.
I started asking myself how it would feel to wake up one day with a big flower head? How frightening and isolating it might be, especially in a space like school, surrounded by “normal” human friends. From here on the world of „I am a Flower„ develops. Later in the process the character evolves from a young flower boy into Sam, a queer artist. The flower motif felt right from the start. It carries associations of femininity, growth and transformation. Additionally it also suggests a colorful world and at the same time it is something non-human which made it a natural metaphor for queerness.
Was the film made as part of your studies? How much time did you have and how big was your team?
The film was developed as a part of my „Animationsregie“-program at the Filmuni Babelsberg, Potsdam. The team was fairly small with only 7 animators working in different phases throughout the production. Most of the animation work was done only between me and one other animator, Michaela Clarissa Levi. Most of the team is from Indonesia, talented animators I used to work with before I moved to Germany for my studies. The University was fairly flexible regarding production time. The preproduction was done in a year, while animating and post-production took about another 3 years.
The style of the animations is very appealing. What was important to you during the realization? What process did you use to create the images?
Thank you, I am glad that the style resonates. From the very beginning, it was clear to me that the film needed to be highly colorful. That felt fitting for a story about flowers and queerness, but also as a contrast to the emotional core of the film. I always imagined the narrative to be carried by a serious, heartfelt conversation between Sam and Mother. I want to juxtapose that subtle and quiet intimacy with a colorful and slightly cartoony world. I am a big fan of these two combinations — what I feel is a very unique strength of animation. All the backgrounds and animation were made digitally. Considering the length and limited budget, this approach allowed for flexibility in the pipeline while still giving me full control over color, mood, and visual consistency.
Can you tell me something about the voice actors?
Harry Ware and Annalisa Lombardo were wonderful to work with. From the very beginning, it was important to me that Sam would be voiced by a queer actor, and Harry’s sensitivity and understanding of the character brought a lot of depth to the role. Annalisa, on the other hand, has a gentleness in her voice that felt immediately familiar to me and strongly resonated with my idea of the mother character. Both of them were deeply invested in the story early on. At the end of the scriptwriting phase in 2021, we had meetings and rehearsals to find their character voices and to make sure the dialogue flowed naturally and believably. That same year, we recorded an initial version of the dialogue, which became a foundational building block for the film.
As the project continued to evolve and certain plot points shifted, Harry and Annalisa sent me new rough voice recordings along the way, allowing the performances to develop together with the animation. We completed a final, fully synchronised recording during post-production in 2024. While I was initially a bit nervous about how the voices would align with the animation, they delivered beautiful performances that ultimately fit the characters perfectly.
The Interfilm Festival uses the pronoun ‘they/them’ to describe the main character. In Germany, however, the language is otherwise not gender-equitable. How do you perceive this?
The use of they/them came from the way I imagined Sam as a character rather than from an attempt to resolve gender-neutral language in German. Sam’s queerness is first and foremost about being a flower-person in a human world, and their relationship to gender is deliberately fluid and un-fixed. In English, they/them offer a natural openness for that. In German, inclusive forms like „Künstler*in“ are pragmatic ways of creating space, but they still operate within a strongly gendered system. The synopsis reflects a pragmatic mix rather than a clean solution. I found that friction in language rather interesting. In a way it mirrors Sam’s own experience, existing in a system that is not quite built for them, or in our case, does not have the language to explain it.
Can you tell me something about yourself and how you got into filmmaking?
I grew up watching animated films and have always loved telling stories through drawing. From early on, animation fascinated me as a storytelling medium with its ability to create fully imagined worlds and to let drawn characters carry emotional, relatable stories.
Once I realized that animation could be a career path, I decided to pursue it seriously. I made my first 2D animated film in Melbourne, Australia, while studying at RMIT University during my Bachelor’s degree. There, I experienced first-hand how animation can be used to build worlds and narratives, and I completely fell in love with the medium. After graduating, I worked for several years in Jakarta, the city I come from, before moving to Germany to pursue my Master’s degree. That journey eventually led me to making „I am a Flower„.
Are there any new projects planned?
I am currently co-directing a pilot for a feature film titled Ananda, with director Fatimah Tobing Rony. This film is a continuation of the short, Annah la Javanaise, which we created together in 2020. At the moment, we are producing a two-minute teaser that we plan to present later this year as part of pitching the project for further development and funding.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „I am a Flower„