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Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Regisseur und Drehbuchautor Julius Weigel konnten wir mehr über seinen ersten langen Spielfilm „Solo Show“ ,erfahren, der sein Abschlussfilm an der ZHdK ist und auf dem 47. Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 seine Deutschlandpremiere feierte. Er erzählt von der Ausgangsidee bis hin zur Umsetzung in einem ungewöhnlichen Format sowie wo und mit welchen Schauspieler:innen sie in Zürich gedreht haben.
Kannst Du mir mehr zur Ausgangsidee erzählen? Begann alles mit dem Buch „Wir alle spielen Theater“ von Erving Goffman?
In „Solo Show“ geht es ja um Momente, in denen Menschen Masken aufsetzen, in verschiedene Rollen schlüpfen, um etwas zu verkaufen. Ich habe mich gefragt, woher diese Distanz zwischen uns allen im Alltäglichen kommt und nach Situationen gesucht, in denen sie unüberwindbar scheint. Der Moment des Verkaufens hat mich besonders interessiert, weil er so häufig in unserer Realität stattfindet, dass man ihn fast übersieht.
„Wir alle spielen Theater“ von Goffman ist mir dann später eingefallen, eine Freundin hat mir das vor langer Zeit gegeben. Ich glaube, es ist ein Standardwerk in der Soziologie. Ziemlich alt und auch ziemlich sexistisch. Aber es hat mir geholfen, zu verstehen, dass das Performative in uns kein Zeitgenössisches und auch kein Social-Media-Phänomen ist. Goffman hat das Buch schon in den 50er Jahren geschrieben. Soziale Medien machen sich dieses Spiel eher zu eigen, überhöhen es ins absurde, sodass selbst Authentizität mittlerweile performativ scheint.
Ihr arbeitet mit dem ungewöhnlichen Format A4 – Kannst Du mir mehr dazu erzählen? Welche anderen visuellen Aspekte lagen euch am Herzen?
Es war uns wichtig einen Rahmen zu finden, in dem wir improvisieren und unsere Vorbereitungen am Set verwerfen können. Der DP Rafael Graf und ich haben der Kamera dafür verschiedene Charaktereigenschaften gegeben, anhand derer Rafael sich, als Teil des Ensembles, durch die Szene bewegt hat. Wir haben sie psychologisch behandelt und uns immer wieder gefragt, interessiert sich die Kamera dafür? Rafael arbeitet sehr intuitiv, es hat sehr viel Spaß gemacht zu beobachten, wie er diesen Charakter formt. Deshalb haben wir
letztendlich auf Stative und Lichtaufbauten verzichtet und konnten so die gescripteten Situationen von vorne bis hinten durchspielen. Das war natürlich anstrengend für die Darstellenden, die oft nicht wussten, wer als Nächstes gefilmt wird. Uns war wichtig, dass die Kamera nicht neutral das Geschehen wiedergibt, sondern in dieser Welt verankert ist und beobachtet, sogar bewertet. Das Format A4 fanden wir lustig, weil es in dem Film um Konventionen geht. A4 ist in der analogen Welt extrem konventionell und vertraut, aber spielt in diesem Medium keine Rolle. Natürlich haben wir generell ein engeres Format gesucht, das auf die Personen fixiert ist.
Besonders gelungen fand ich auch die Drehorte – das Wehr, dieses mondäne Café und das Künstleratelier an den Schienen: Wie habt ihr eure Drehorte in Zürich gefunden? Was war euch dabei wichtig?
Da wir ohne Lichtaufbau gedreht haben, hat das vorhandene Licht an den Drehorten natürlich eine große Rolle gespielt. Aber wir mussten den Film mit circa 30.000€ in der Schweiz realisieren, sodass wir manchmal improvisieren mussten. In Zürich müssen alle ständig umziehen, ähnlich wie in Berlin, weil man zur Zwischenmiete o.ä. wohnt. Tatsächlich wurde meine WG während der Dreharbeiten aufgelöst, weil unser Vermieter uns gekündigt hatte. Eines Tages kam der Inhaber mit Architekten und hat den Umbau geplant, während ich gefrühstückt habe. Das war eine gute Inspiration für das Drehbuch, aber natürlich sonst sehr anstrengend. Aber es hatte zur Folge, dass wir den ganzen ersten Drehblock (letzter Teil im Film) vor meinem Umzug in der neuen Wohnung gedreht haben, die wiederum viel Platz hatte, weil unsere Producerin ihrerseits gerade ausgezogen ist. Wir waren oft angewiesen auf tolle Freunde und Kolleginnen, die uns bei sich drehen lassen haben. Die Tonhalle in Zürich war tatsächlich immer mein Traumort für die Eingangsszene. Dass das geklappt hat, ist den Producern Jonas Tawam und Nele Kümpel zu verdanken, die trotz einer unerwarteten Drehverschiebung alle Orte für uns sichern konnten, oder bessere gefunden haben. Wir haben den Film ja in Blöcken gedreht und immer wenn etwas nicht geklappt hat, gab es ein kleines Zeitfenster, um darauf zu reagieren. Die Bahn hatte zum Beispiel plötzlich ein Problem mit dem Drehbuch, da es scheinbar mit den Werten des Unternehmens nicht übereinstimmte. Die SBB [Anm. d. Red. Schweizer Bundesbahn] hat uns dafür dann aber sehr großzügig einen Waggon bereitgestellt.
Die Musik ist ebenfalls sehr gut gewählt und bildet einen spannenden Kontrast teils zum Gesehenen. Darüber möchte ich auch gern mehr erfahren.
Das schrille Hauptthema ist von Oskar Sala [Anm. d. Red. deutscher Komponist (1910-2002)]. Ich bin während der Vorbereitung auf seine Musik gestoßen und habe sie sofort Raf (Kamera) geschickt. Wir fanden, sie verkörpert diesen Schwiegersohn-Modus in den Charakteren, den ich gesucht habe. Der Song hat etwas Aufgesetztes, aber wird dann emotional, fast sentimental und hat uns daran erinnert, nicht mehr über unsere Charaktere als über uns selbst zu lachen. Norina Largiadèr hat dann während der Schnittarbeiten intensiv alle anderen Stücke komponiert und ein großartiges Gegenstück zu Oskar Salas Musik geschaffen.
Kannst Du mir noch ein bisschen was zu der Besetzung der Rollen erzählen?
Nele Kümpel ist eine der Producerinnen von „Solo Show“ und hat auch das Casting koordiniert. Das ist immer zwischen den Drehblöcken passiert und war teilweise sehr knapp und intensiv. Saladin Dellers ist uns aber zum Beispiel sehr früh aufgefallen, irgendwann hatte ich sein E-Casting so oft gesehen, dass ich mich gefragt habe, wer ihn da eigentlich anspielt und manchmal so geschickt das Ruder übernimmt. So haben wir Adriana Möbius gefunden. In Konstantin Schumann waren wir sofort verliebt, ich hatte den Eindruck, dass er Roy versteht, ohne dass ich viel erklären muss. Genauso bei dem Makler, der von Reinhold G. Moritz gespielt wurde.
Ist eine Kinoauswertung geplant?
Ich würde den Film sehr gerne im Kino zeigen. Bisher habe ich noch nicht die richtige Person für eine Auswertung gefunden.
Kannst du mir ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich hab zuerst Freie Kunst studiert und dort angefangen Filme zu machen. Im Kunststudium gibt es nie Geld für irgendetwas und wir mussten uns eigentlich alles selbst beibringen. Deshalb habe ich an der ZHdK [Anm. d. Red. Zürcher Hochschule der Künste] nochmal Film studiert. Der Regie-Master unter der Leitung von Sabine Boss hat ein extrem tolles Angebot an Gast-Dozierenden, Mentoraten und Ressourcen, die uns zur Verfügung standen. In der Schweiz gibt es da scheinbar nochmal andere Maßstäbe. „Solo Show“ ist mein Abschlussfilm, jetzt arbeite ich in Berlin und Zürich.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Films „Solo Show“

