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Interview: Im Gespräch mit der deutschen Regisseurin Leonie Englert konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Life Life Balance“ erfahren, der im DACH-Wettbewerb des 26. Landshuter Kurzfilmfestivals 2026 zu sehen war. Sie erzählt von dem Thema Arbeiten und der damit einhergehenden Werte-Identifizierung, was sich ändern sollte und wie sie die Sicht ihrer Hauptfigur auf visueller Ebene auf ihre Umwelt übertrug.
Wie ist die Idee zu Deinem Kurzfilm, der den aktuellen Zeitgeist aufgreift, entstanden?
Die Idee kam mir vor einiger Zeit, bevor ich an der Filmuni angefangen hatte zu studieren, als ich mit Ende zwanzig selber an einem Burnout vorbeigeschlittert war. Mir wurde klar, wie ich mich die ganze Zeit fröhlich selbst ausbeute, weil ich mich so stark über meine Arbeit identifiziere, aufgrund so einer internalisierten Überzeugung, dass mein Wert in der Gesellschaft an meine Leistung gekoppelt ist. Besonders als Frau habe ich das Gefühl, mich ständig über meine Leistung beweisen zu müssen. Parallel dazu wurde mir in der andauernden Debatte um Bürgergeld und Rente bewusst, dass das kein individuelles Problem ist, sondern ein gesellschaftlicher Zwang: Der Wert eines Menschen misst sich in unserer Gesellschaft an ihrer:seiner Produktivität, an ihrer:seiner Lohnarbeitskraft. Es existiert so eine scheinbar unangefochtene Grundhaltung: Wer nicht arbeitet, ist nichts wert; wer keine Karriere macht, die:der versagt. Und das wird noch verstärkt dadurch, dass diese Überzeugung auch rechtlich verankert ist. Bürgergeld ist eigentlich immer als Übergang zur Erwerbstätigkeit gedacht und wenn es um Aufenthaltsrecht geht, dann wird es auf noch härtere Weise sichtbar, wie das Recht, sich in einem Land aufzuhalten, häufig an Lohnarbeit gekoppelt ist. Ich finde es absurd, dass wir diese Vorstellung, dass man sich sein Recht, in der Gesellschaft zu existieren, erst erarbeiten muss, als unveränderbar hinnehmen. Ich fing an, diese Ideologie in Frage zu stellen und mich mit dem Nichtstun als Form des Widerstands gegen dieses neoliberale Dogma unserer Leistungsgesellschaft zu beschäftigen. In Unterhaltungen, in denen ich dann sehr ein „Recht auf Faulheit“ (Paul Lafargue) zu propagieren begann, stieß ich häufig auf starke Abwehr. Das Thema schien die Menschen zu provozieren und sehr ambivalente Gefühle auszulösen, weil es eine
Basis unseres Wertesystems angreift. Da kam mir die Idee, die Geschichte einer Frau, die sich dafür entscheidet, nicht zu arbeiten, zu erzählen und dabei narrativ zu erforschen, wie wohl ihre Umgebung darauf reagieren würde.
Die Idee hat dann ein paar Jahre geruht, bis mir auffiel, dass immer mehr Leute aus meinem Umkreis, ihre Jobs kündigten und sich dafür gratulierten und ich beobachtete, wie der Glaube an das Versprechen des Aufstiegs in meiner Generation zu bröckeln begann. Mir schien die Idee dadurch noch relevanter zu werden. Ich hatte das Gefühl, Zeugin eines Paradigmenwechsels zu sein, den ich mit dem Film gern darstellen will, um einen Möglichkeitsraum zu schaffen, sich eine Gesellschaft in der so ein utopisch scheinendes Lebensmodell der Arbeitsverweigerung, wie es Paula praktiziert, möglich ist, vorstellen zu können.
Was sagst Du persönlich, sollte sich das Verhältnis von Mensch zur Arbeit verändern?
Ich denke, es ist vor allem auf einer politischen Ebene wichtig, dafür einzustehen, dass jeder Mensch das Recht haben muss, in einer Gesellschaft zu existieren und an ihr Teil zu haben, ohne dafür arbeiten zu müssen. Wenn wir uns dieses Recht selber und allen anderen Menschen zugestehen, dann würden wir uns in einer Gesellschaft bewegen, in der andere Dinge als Profitmaximierung und Konsum wichtig wären, nämlich Solidarität und zwischenmenschliche Beziehungen. So ein gesamtgesellschaftlicher Wandel würde voraussetzen, dass auch faktisch alle die Möglichkeit hätten, nicht zu arbeiten, d.h. wenn global so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt würde. Das erscheint mir zwar leider im Moment sehr utopisch, aber nichts ist unmöglich. Es wäre sehr spannend, zu sehen, was dann passiert.
Auf einer individuellen und vermutlich realistischeren Ebene, finde ich es sehr wichtig, dass wir uns mehr Zeit nehmen für unsere sozialen Beziehungen und gesellschaftliche Teilhabe, anstatt entgrenzt zu arbeiten. Ich glaube, dass, wenn alle weniger arbeiten, wir mehr Zeit und Energie hätten, uns eine soziale und solidarische Gesellschaft zu bauen. Dabei muss man aber natürlich beachten, dass viele Menschen sehr prekär leben und deswegen nicht weniger arbeiten können. Gerade deswegen finde ich, sollten Menschen, die das Privileg genießen, weniger arbeiten zu
können, vielleicht weil sie z.B. Geld geerbt haben, dieses nutzen, um ihre Energie anderswo solidarisch und gemeinwohlorientierter einzusetzen.
So ganz persönlich fällt es mir selber sehr schwer, darauf zu achten, nicht zu viel zu arbeiten. Das ist ja so ein Klassiker, dass sich Künstler:innen mit ihrer Arbeit überindentifizieren und in der Filmbranche wird auch sehr häufig Selbstausbeutung vorrausgesetzt, da alle davon ausgehen, dass wir aus Leidenschaft Filme machen. Deswegen war es Larissa Tretter (Producerin) und mir besonders wichtig, am Set humane Arbeitszeiten einzuhalten und eine 4-Tage Woche durchzusetzen, um auch in der Praxis dafür einzustehen, dass wir uns nicht für unsere Arbeit kaputt machen müssen, auch wenn sie uns Spaß macht. Larissa hat da eine hervorragende produktionelle Arbeit geleistet, um das zu ermöglichen.
Ich habe gesehen, dass es ein Materialset für Schulen gibt – wie kam es dazu? Was denkst Du mit welchen Fragen beschäftigen sich Schüler:innen nach dem Film?
Das lief über das Festivalbüro bei uns an der Filmuniversität, das sich um die Auswertung kümmert. Matthias-Film hat Interesse gezeigt an dem Film, was mich sehr freut. Ich finde es selber spannend, zu erfahren, wie Kinder den Film sehen. Es ist interessant, zu beobachten, wie unterschiedlich das Publikum je nach Alter auf den Film reagiert. Ich meine zu beobachten, dass Menschen, die in Rente sind oder auf die Rente zugehen, besonders berührt. Vielleicht liegt es daran, dass sie ihr ganzes Leben schon gearbeitet haben, nun auf ihr Leben schauen und denken: Wofür habe ich mein Leben lang geschuftet? Hat sich das gelohnt? Oder: Hätte ich doch mehr Zeit für andere Dinge in meinem Leben gehabt!
Deswegen hoffe ich, dass, wenn Kinder oder Jugendliche sich schon früh damit beschäftigen, wie sie eigentlich leben wollen und vor allem in welcher Gesellschaft sie leben wollen, sie schon früher als wir und die Generationen vor uns etwas ändern können. Kinder sind schon in der Schule mit einem stark auf Leistung ausgelegten Schulsystem konfrontiert und ich hoffe, dass der Film Ihnen dabei hilft, sich damit auseinanderzusetzen, wie sich das gemeinschaftlich ändern lässt.
Was lag Dir visuell am Herzen?
Uns war es wichtig, die Zeit und Ruhe, mit der Paula ihr Umfeld wahrnimmt und die verspielte Fantasie, mit der sie darauf reagiert, auch mit der Kamera einzufangen (z.B. wenn sie die Welt dreht mit ihrer Kopfbewegung). Das Ziel war damit auch, den Kontrast zwischen ihrem Nichtstun und dem emsigen Treiben der Stadt und der Gesellschaft zu erzählen und gleichzeitig die Diskrepanz zwischen Realität und Wunschvorstellung zu visualisieren. Deswegen waren kräftige Farben sowohl im Kostüm als auch im Setdesign ein Teil des Konzepts, um einen Kontrast zu dem häufig grau erscheinenden Berlin herzustellen und das Utopische an diesem Lebensmodell spürbar zu machen.
Deine Hauptdarstellerin Svenja Liesau und auch alle Nebenrollen sind sehr gut besetzt. Wie hast Du Deinen Cast gefunden und auf was hast Du dabei Wert gelegt?
Danke, das freut mich zu hören. Ich finde unseren Cast auch ganz toll und bin allen Schauspieler:innen super dankbar, dass sie mitgespielt haben. Svenja habe ich im Maxim-Gorki-Theater auf der Bühne gesehen, während ich gerade das Drehbuch entwickelt habe. Ich war sehr beeindruckt von ihrem Spiel und ihrer Ausstrahlung und fand, dass sie sehr gut zu der Rolle passte. Wir haben sie dann zum Casting eingeladen und das hat super gematcht. Ich habe bei dem Casting mit Sinje Irslinger zusammengearbeitet, die eine ganz großartige Casterin ist und ein gutes Gespür für die Figuren hatte. Wir haben die Agenturen der Schauspieler:innen angeschrieben, die wir für die Rollen interessant fanden und sie zum Casting eingeladen haben. Mir war beim Casting vor allem wichtig, dass die Spieler:innen was mit dem Thema anfangen können und die Arbeit miteinander gut funktioniert und Spaß macht.
Kannst Du mir noch ein wenig über Dich erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich habe früher in der Schule viel Theater gespielt und inszeniert, habe dann aber erstmal einen Bachelor in Soziologie gemacht und schon während des Studiums gemerkt, dass mir das kreative Arbeiten total fehlt und angefangen einen Dokumentarfilm zu drehen. Parallel dazu habe ich dann nach meinem Bachelor in einer Produktionsfirma gearbeitet, bevor ich anfing an der Filmuni zu studieren. Ich bin also eher auf Umwegen zum Film gekommen, aber der sozialwissenschaftliche Background hat mich sehr geprägt und hilft mir auch bei der Entwicklung von Stoffen.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ja, ich arbeite gerade an dem Drehbuch für meinen ersten fiktionalen Langfilm, aber alles ist noch ganz frisch.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Life Life Balance“
