- Fünf Fragen an Jonah Wögerbauer - 16. Juni 2026
- „Wo wir hingehören“ (2024) - 16. Juni 2026
- Acht Fragen an Pierre-Luc Gosselin und Béatrice Blais - 15. Juni 2026
Filmkritik: Der Kurzfilm „Miriam“ der mexikanischen Filmemacherin Karla Condado, der seine Weltpremiere im ‚Berlinale Shorts‘-Programm der 76. Berlinale 2026 feierte. ist ein künstlerisch aufbereiteter Essayfilm, der über einen persönlichen Fall über die hohe Rate an Feminiziden in Mexiko spricht.
Als die Filmemacherin Karla Condado noch ein Kind war, verschwand ihre Tante Miriam. Die Eltern und alle Verwandten wollten nicht darüber sprechen und so erfuhr die Regisseurin erst nach und nach ihre Geschichte und von ihrem Tod. Dass diese von ihrem Partner getötet wurde, blieb dabei fast ungesagt. Von der letzten Facebook-Nachricht ihrer Tante ausgehend rekonstruiert sie nicht nur das Geschehene, sondern reflektiert auch ihr eigenes Aufwachsen, Leben und ihre Ängste in Mexiko.
In Form eines fiktiven Briefes an die Tante werden die Zuschauer:innen durch die Gedanken der Regisseurin geführt. Diese spricht sie in Spanisch aus dem Off ein und läuft in englischer Sprache als Teil der Bilder über die Leinwand. Unterstützt wird das ganze von der minimalistischen Musik der Künstler:innen Kuro Kasetto und Kotanna. Doch oft muss man als Zuschauer:in auch die Stille aushalten und damit die Leerstelle, die durch das Fehlen von Miriam entstanden ist. Die
Aufnahmen dazu sind alle selbst aufgenommen und besitzen mit ihrer in schwarz-weiß gehaltenen Farbgebung und einem analogen Kamera-Look etwas Rückwärtsgewandtes, als ob es sich dabei um Found-Footage-Material handelt. Über die 20 Minuten hinweg kann die Regisseurin durch das (Abschieds-)Schreiben die Tante, ihre Geschichte und ihr Ableben greifbar machen. Unweigerlich denkt man als Zuschauende die Thematik gleichzeitig größer. Nicht nur in Mexiko, sondern weltweit ist die Rate an Feminiziden oder häuslicher Gewalt enorm hoch und auch in den heutigen Gesellschaften ist der Nährboden für solche Handlungen fruchtbar. Der Einzelfall Miriam, der als Höhepunkt die Konfrontation mit dem eigenen Vater der Filmemacherin hat, macht erschreckend deutlich, wie solche Taten verschwiegen oder marginalisiert werden. Was macht das mit Kindern und jungen Frauen, die in solch einem Klima aufwachsen? Wie kann man ein Leben lang mit dieser Angst umgehen? Solche Fragen wirft der Film auf und lädt ein, genauer hinzuschauen und zu handeln.
Fazit: „Miriam“ ist ein Kurzfilm von Karla Condado, der von einem persönlichen Fall ausgehend von den Femiziden im Land spricht und dafür eine essayistische Form mit intuitiven Bildern und einem minimalistischen Klangteppich wählt.
Bewertung: 4/5
Trailer zum Kurzfilm „Miriam“:
geschrieben von Doreen Kaltenecker
Quellen:
- Doreen Kaltenecker, ‚Sieben Fragen an Karla Condado‘, testkammer.com, 2026
- Eintrag des Kurzfilms „Miriam“ bei der Berlinale
- Berlinale Shorts, ‚„Miriam“ / Interviews, press etc.‘, berlinale.de, 2026
- Leonard Krähmer, ‚Über kurz oder lang – Berlinale Shorts‘, critic.de, 2026