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Interview: Im Gespräch mit der mexikanischen Regisseurin Karla Condado konnten wir mehr über ihren Kurzfilm „Miriam“ erfahren, der im Rahmen des ‚Berlinale Shorts‘-Programm der 76. Berlinale 2026 seine Weltpremiere feierte. Sie erzählt von den Hintergründen des Films, wie ihre Familie darauf reagiert hat und was ihr bei der Ausgestaltung am Herzen lag.
The original english language interview is also available.
Warum hast Du Dich entschieden, einen Film über Deine verstorbene Tante zu machen?
Ich habe mich entschlossen, diesen Film zu drehen, weil meine Tante eines der Opfer von Frauenmorden hier in Mexiko war. Mexiko hat ein riesiges Problem mit Gewalt gegen Frauen: Hier werden jeden Tag zehn Frauen im Rahmen von Frauenmorden ermordet, was mindestens 3.650 pro Jahr bedeutet, Das ist eine Menge und inakzeptabel, und aufgrund dieser enormen Zahl beginnt es sich zu normalisieren. Die Menschen haben kein Mitgefühl dafür und für die Familien, die das durchmachen. Ich möchte ihnen zeigen, wie beschissen das ist, und ich glaube wirklich, dass wir durch Empathie etwas verändern und versuchen können, etwas zu bewirken – und genau das versuche ich mit diesem Film.
Was kann man darüber hinaus tun, um das Schweigen bei der häuslichen Gewalt gegen Frauen vollständig zu brechen? Was wünscht Du Dir?
Das ist schwer zu beantworten.
Als Familie, als Freunde müssen wir auf jedes Anzeichen von Gewalt achten, das wir bemerken. Oft sind die Opfer nicht stark genug, um darüber zu sprechen oder etwas zu unternehmen, weil sie Angst haben oder keinen sicheren Ort finden, an dem sie Vertrauen fassen oder reden können. Der Täter sorgt dafür, dass sie jegliches Vertrauen verliert und glaubt, niemand würde ihr glauben – aber das stimmt nicht! Wir sind da – ein Familienmitglied, ein Freund, ein Kollege, sogar ein Fremder. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Kinder so erziehen müssen, dass sie genug Selbstvertrauen haben, um „Nein“ zu sagen, Grenzen zu setzen und darauf zu vertrauen, dass es immer jemanden gibt, auf den sie zählen können. Wir müssen Kinder mit genügend Werten erziehen, damit sie wissen, dass es nicht in Ordnung ist, eine Frau anzuschreien, eine Frau zu schlagen, eine Frau zu töten, dass sie nicht deshalb überlegen sind, nur weil sie Männer sind.
Stark finde ich, dass Du auch Stille zulässt, in der das Gehörte arbeiten kann. Warum hast Du Dich für einen minimalen Musikeinsatz entschieden?
Ich habe mich für diese Musik entschieden, weil es sich um Ambient-Musik handelt, ein Genre, das aus echten Geräuschen der Stadt besteht. Das Album heißt „Sonidos para el metro (Sounds for the subway)“ und wurde von den Künstlern Kuro Kasetto & Kotanna aus der Stadt zusammengestellt, in der ich lebe (Mexiko-Stadt). Außerdem glaube ich, dass Musik das Erlebnis des Zuschauers bereichern kann, da sie eine Möglichkeit ist, bestimmte Ideen hervorzuheben, und weil ich wollte, dass der Film den Zuschauer durch verschiedene Emotionen führt – und mit Musik lässt sich meiner Meinung nach besser eine Verbindung zu ihnen herstellen.
Auf visueller Ebene arbeitest Du mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Welche Bilder hast Du verändert – sind alles eigene Aufnahmen oder gibt es auch gefundenes Material? Warum hast Du Dich für Schwarz-Weiß entschieden?
Es handelt sich ausschließlich um selbst gedrehtes Material, es wurde kein Found Footage verwendet. Wir haben es mit digitalen Mitteln bearbeitet, wie zum Beispiel mit Touch Designer in einer Szene; die Doppelbelichtungen wurden analog direkt mit der Kamera aufgenommen, eine davon digital; auch die ersten Standbilder stammen aus analogem Material, nämlich 35-mm-Fotografie. Und ich habe mich für Schwarz-Weiß entschieden, weil ich, bevor ich Filmregisseur wurde, Standfotograf und Kamerafrau war und mir der Kontrast zwischen Licht und Schatten schon immer gefallen hat. Ich glaube, man kann die Komposition in Schwarz-Weiß besser würdigen, auch weil es Erinnerungen, Nostalgie und die Vergangenheit heraufbeschwört – ich glaube, genau das wollte ich erreichen.
Ein Gespräch mit Deinem Vater ist sehr wichtig in dem Film. Wie hat Deine Familie auf das Filmprojekt reagiert?
Meine Familie dachte zunächst, der Film sei wie ein True-Crime-Film, und genau das wollte ich auf keinen Fall, denn ich habe keine positive Meinung über True Crime als Genre. Doch nachdem ich meinen Eltern den Film gezeigt hatte, waren sie wirklich gerührt, der Film gefiel ihnen sehr gut, und sie haben mir sogar dafür gedankt, dass ich ihn gemacht habe, und das war das Schönste. Danach haben auch die anderen Familienmitglieder ihn gesehen und fanden ihn ebenfalls toll, und wir konnten über alles reden und auf die schönste Art und Weise an meine Tante zurückdenken.
Kannst Du mir etwas mehr von Dir erzählen und wie Du zum Film gekommen bist?
Ich habe meine Karriere mit Fotografie begonnen, dann habe ich als Praktikantin in der Kameraabteilung bei meinem ersten Spielfilm mitgearbeitet, anschließend habe ich ein Filmstudium begonnen, wo ich meine Berufung als Kamerafrau gefunden habe, und bin schließlich eher zufällig bei der Regie gelandet. Ich mag beides sehr gerne, sowohl die Fotografie als auch das Regie-Führen.
Sind bereits neue Projekte geplant?
Ja, ich arbeite gerade an einem neuen Film, meinem ersten Spielfilm, und freue mich sehr darauf, meinen Weg als Regisseurin weiterzugehen.
Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker
Übersetzung von Michael Kaltenecker
Lies auch die Rezension des Kurzfilms „Miriam“
Interview: In our conversation with Mexican director Karla Condado, we learned more about her short film “Miriam,” which celebrated its world premiere as part of the “Berlinale Shorts” program at the 76th Berlinale in 2026. She talks about the film’s background, how her family reacted to it, and what was important to her in its creation.
Why did you decide to make a film about your late aunt?
I decided to make this film because my aunt was one of the victims of feminicide here in Mexico. Mexico has a huge problem with violence against women, here’s 10 women murdered due to feminicide everyday, which means at least 3,650 per year, it’s a lot and unacceptable, and because of the huge amount it’s starting to be normalized, people are not empathizing with this and with the families that go through this, and as a way to make them see how fucked up this is, and I really think that through empathy we can change and try to make a difference, and that’s what I try with this film.
What else can be done to completely break the silence surrounding domestic violence against women? What would you like to see happen?
It’s hard to answer this.
As family, as friends, we have to be alert to any sign of violence we see, commonly the victims are not strong enough to talk or to do something because they’re scared, or they don’t find a secure place to trust or talk, the perpetrator do that, breaks her confidences completely and makes her believe that no one will believe her, but that’s not true! Here we are, someone from the family, some friend, some co-worker, even some strangers; I really think we have to raise kids that trust themselves enough to say “no”, to put limits, to believe that there’s someone they can count on, always. We have to raise kids with enough values to know that it’s not ok to scream at a woman, to hit a woman, to kill a woman; that not for being men they’re superiors.
I find it powerful that you also allow for silence, in which what has been heard can sink in. Why did you decide to use music sparingly?
I decided to use music because it’s ambient music, an genre made by real sounds from the city, the album is called „Sonidos para el metro (Sounds for the subway)“ made out of the city I actually live (Mexico City) from the artists Kuro Kasetto & Kotanna; and also I think music can elevate the experience of the viewer, because it’s a way to highlight certain ideas, and because I wanted the film guide you through different emotions, and with music it’s better to connect with them, I think.
On a visual level, you work with black-and-white footage. Which images did you alter—are they all your own recordings, or is there also found material? Why did you decide on black and white?
They are all self-made footage, none found footage was used. We altered it with digital resources, like touch designer in one scene, the double exposures were analogic direct from the camera and one was digital, the first still images were analog material too, 35mm photography. And I decided black and white because before being film director I’m still photographer and DoP, and I’ve always liked the contrast between light and shadow, I think you can appreciate more the composition too when it’s black and white, also because it evokes memory, nostalgia and past, I think, that was what I wanted.
A conversation with your father is very important in the film. How did your family react to the film project?
My family at first thought the film was like a true crime film, and that was exactly what i never wanted, I’ve my thoughts about true crime as a genre but anyways; but after showing my parents the film they were really touched and they liked a lot the film and they even thanked me for making this and that was the most beautiful thing; after that the rest of my family saw it and they also liked a lot and we were able to talk about everything and to remember my aunt in the most beautiful way.
Can you tell me a little more about yourself and how you got into film?
I started my career with still photography, then I entered to my first feature film as a trainee in camera dept, then I started film school where I found my way as a DoP, and accidentally ended up as a film director. I really like both, photography and directing.
Are there any new projects in the works?
Yes, I’m working on a new film and my first feature film, and I’m very excited to keep my way as a director.
Questions asked by Doreen Kaltenecker
Read on the german review of the short film „Miriam„