„Ich verstehe ihren Unmut“ (2026)

Doreen Kaltenecker
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Filmkritik: Das deutsche Drama „Ich verstehe ihren Unmut“ von Killian Armando Friedrich, das auf der 76. Berlinale 2026 seine Weltpremiere feierte, ist ein treffsicheres Portrait des Niedriglohnsektors aus der Perspektive einer Frau, die schon lange dabei ist und weiß, was von ihr erwartet wird.

Die 59-jährige Heike (Sabine Thalau) ist schon lange als Reinigungskraft tätig und hat sich mit der Zeit auf der Karriereleiter nach oben gearbeitet. Inzwischen betreut sie als Objektleiterin mehrere Objekte wie einen Kindergarten und ein Bürogebäude. Dabei muss sie stets die Arbeit ihrer Mitarbeitenden kontrollieren, dafür sorgen, dass immer alle Stellen besetzt sind und springt notfalls mal selbst ein. Doch nicht nur das: Auch muss sie die Erwartungen ihres Chefs Kemal (Kemal Karatepe) erfüllen, der Angst vor der Konkurrenz hat, und Anrufe der Auftraggeber:innen entgegennehmen, die oft etwas zu beanstanden haben. Zudem versucht sie, einen guten Arbeiter – Selam (Sadibou Diabang) – von der Konkurrenz abzuwerben. Die Belastung und der Druck führen dazu, dass Heike auch Grenzen überschreitet.

Sabine Thalau

Der erste Spielfilm von Kilian Armando Friedrich, der zusammen mit Tünde Sautier und Daniel Kunz das Drehbuch basierend auf Schilderungen aus der Branche schrieb, ist ein starkes Gesellschaftsdrama. Mit einem unverstellten Blick beschäftigt er sich mit den Arbeitsverhältnissen im Niedriglohnsektor und fängt ungeschönt ein, welche Machtstrukturen, Hierarchien und Druck hier ein Bestandteil der Arbeitswelt sind. Dabei konzentriert er sich auf die Reinigungsbranche und die dort herrschenden Hierarchien, welche aber auch viele andere Berufe in diesem Sektor u.a. die Arbeit in allen Supermärkten zutreffen. Eine gewisse Hierarchie ist in der Arbeit unerlässlich, so dass eine Verantwortungskette gebildet wird. Während die unteren Kettenglieder meist alles auf Arbeitsebene ausbügeln müssen, sind es die zwischengeschalteten Personen, in dem Fall die Objektleiter:innen, die gleich von drei Seiten Druck bekommen: Vom eigenen Chef, von der Kundschaft und von den unterstellten Mitarbeiter:innen. Diesen Spagat muss die Hauptfigur Heike jeden Tag meistern. Dabei wird sie aufgerieben zwischen dem unternehmerischen Druck des Chefs, den Ansprüchen der Kunden und damit auch dem fehlenden Verständnis für Probleme und Verzögerungen sowie dem Solidarisieren, aber auch dem Führen der Mitarbeitenden, in deren Position auch sie mal war. Der Film macht absolut greifbar, wie es sich anfühlt, solch eine Position zu bestreiten und zeigt, dass es aus diesem Hamsterrad kaum einen guten Ausweg geben kann. 

Sabine Thalau

Der Film schafft es dabei, die Gefühle von Heike zwischen Selbstaufopferung und Burnout unmittelbar zu transportieren. So werden all die Ungerechtigkeiten und Missstände angeprangert, ohne diese ganz direkt anzusprechen. Das verdankt der Film neben dem präzise geschriebenen Drehbuch auch seiner beinahe dokumentarischen Inszenierung sowie der gelungenen Besetzung der Rollen mit meist Laiendarsteller:innen aus der Branche selbst. Auf visueller Ebene wählt Friedrich eine grau-blaue Farbpalette, die perfekt mit den Räumlichkeiten – Zweckräumen, die dafür da sind, die eigene Arbeit ungesehen zu erledigen – zusammenpassen. Heike ist dabei stets in Bewegung und fährt zwischen den Objekten schnell mit dem Auto hin und her, während sie auch noch Kundenanrufe entgegennimmt, und bewegt sich souverän und stets gehetzt durch alle diese Gänge, Arbeitsstätten und Räumlichkeiten. Bezeichnend sieht man, dass die Angestellten oft keine Ruheräume haben und sich behelfen müssen, so wird u.a. in einer Turnhalle ein Geburtstag gefeiert. Die Kamera bleibt dabei nah an Heike dran, so dass ihre subjektive Sicht eingefangen wird. Diese wird von Sabine Thalau mit viel Authentizität und dieser Figur innewohnenden Schroffheit gespielt. Die in Realität auch als Objektleiterin arbeitende Darstellerin liefert ihre erste Rolle hier mit Bravour ab, beweist mit ihrem differenzierten Spiel wie vielschichtig diese Figur ist und am Ende gönnt man ihr auch die kleine Erleichterung, die sie erfährt, indem sie aus dem System ausbricht. 

Fazit: „Ich verstehe ihren Unmut“ ist ein Drama, das die Missstände im Niedriglohnsektor und im Speziellen der Reinigungsbranche genauer betrachtet. Mit einer fast dokumentarischen Inszenierung, perfekt besetzten Darsteller:innen allen voran Sabine Thalau in der Hauptrolle und einem unverstellten Blick auf die Arbeitssituation schafft der Film es, das Publikum sofort in diese hektische Arbeitswelt hineinzuziehen und sich unmittelbar die Fragen nach der Richtigkeit soller Arbeitsverhältnisse und damit einhergehenden Machtstrukturen zu stellen.

Bewertung: 4/5

Trailer zum Film „Ich verstehe ihren Unmut“:

geschrieben von Doreen Kaltenecker

Quellen:

  • Doreen Kaltenecker, ‚Acht Fragen an Kilian Armando Friedrich‘, testkammer.com, 2026
  • Eintrag des Films „Ich verstehe Ihren Unmut“ bei der Berlinale
  • Eintrag des Films „Ich verstehe ihren Unmut“ bei der Produktionsfirma Wenndann Film
  • Ich verstehe ihren Unmut: Schichtarbeit und Unsichtbarkeit von Reinigungskräften, in: Podcast ‚Deutschlandfunk Kultur Vollbild‘, 14.02.2026.
  • Kilian Armando Friedrich zu seinem Film „Ich verstehe ihren Unmut“, in: Podcast ‚Radio 3 RBB – Gast im Studio, 16.02.2026.

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