Acht Fragen an Kilian Armando Friedrich

Doreen Kaltenecker
Wiebke Marcinkowski

Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Regisseur Kilian Armando Friedrich konnten wir mehr über seinen ersten Spielfilm „Ich verstehe ihren Unmut“ erfahren, der seine Weltpremiere auf der 76. Berlinale 2026 feierte und nun in den Kinos startet. Er erzählt, wie er selbst zu dem Thema kam, was ihm wichtig war aus dieser Arbeitsbereiche zu vermitteln und warum er sich dieses Mal für einen Spielfilm entschied.

Die Idee zu Deinem Spielfilm fußt auf einer realen Person. Warum hast Du Dich dafür entschieden, einen Film darüber zu machen?

Ich bin durch eine lange Bekanntschaft mit einer in der Gebäudereinigung arbeitenden Person auf den Job der Objektleitung aufmerksam geworden. Dieser Job ist sehr vielseitig und muss mit einigen Konflikten und Widersprüchen unserer Arbeitswelt umgehen. Mich hat diese Welt zunächst von einem zwischenmenschlichen Standpunkt aus interessiert: Wie gehen wir in der Arbeitswelt miteinander um? Wer hat es verdient, freundlich empfangen zu werden? Wer soll am besten gar nicht auffallen? Hierarchie scheint einen unfreundlichen Umgang zu entschuldigen. In der Reinigungsbranche ist fehlende Wertschätzung durch Kund:innen ein großes Problem, und der Job der Objektleitung muss dauernd damit umgehen – er ist sozusagen genau dafür konzipiert worden. In dieser Beziehung gibt es eine starke Hierarchie, die einen Druck ausüben kann. Wer nicht billig, schnell und zuverlässig ist, verliert sein Objekt. Was macht es nun mit einem Menschen, wenn diese Ziele auf einer zwischenmenschlichen Ebene durchgedrückt werden müssen? Ich wollte einen Film darüber machen, wie jemand in dieser Umgebung zerrieben wird, um irgendwann auszubrechen, einen Moment des zwischenmenschlichen Glücks sucht, statt Selbstaufgabe.

Was war Dir wichtig bei der Darstellung des Niedriglohnsektors?

Sabine Thalau

Mir war nicht per se eine bestimmte Darstellung des Niedriglohnsektors wichtig, da es ein diverser Sektor ist, der unterschiedliche Branchen umfasst. Mir ging es darum, eine Struktur von Arbeitsteilung sichtbar zu machen, die im Hintergrund stattfindet. Die Umgebung von Heike ist stark durch Kommunikationsdruck und wechselnde Interessen geprägt. Sie erfährt dabei kaum Gemeinschaft. Ich weiß nicht, ob dies für den Niedriglohnsektor an sich gilt, aber in der Position der Objektleitung, die sich ja fühlt wie ein eigener Unternehmer im Unternehmen, zeigt sich stark, wie sich wenig wertgeschätzte Arbeit entwickelt, wenn es nur noch darum geht, unsichtbar, günstig und effizient zu funktionieren. Ich finde auch, dass in diesem Job viel Leistung, Fähigkeiten und Verantwortung verlangt wird, was allein durch den Begriff, der stark auf den Lohn fokussiert, nicht mitgedacht wird.

Auf visueller Ebene wirkt der Film sehr dokumentarisch. Wo habt ihr gedreht und was lag Dir für den Look und die Locations am Herzen?

Die Drehmotive sind fast alles Originalmotive. Ich wollte gerne an die Orte und Architektur kommen, die wir ‚Infrastrukturarchitektur‘ nennen können. Räume, die das Funktionieren eines Systems ermöglichen, selbst aber kaum wahrgenommen werden. Der Fokus liegt auf der unsichtbaren Arbeit, die den sichtbaren Betrieb ermöglicht. Hinterhöfe, Trakte, Schächte, Gänge, Putzkammern, Keller, Hintereingänge, Betriebsräume. Eine Innenarchitektur, die extra für Dienstleister da ist, und die primär nicht auffallen soll. So haben Putzkammern häufig keine Fenster, es gibt ebenso häufig keinen Pausenraum, weshalb in den Kammern auch improvisierte Kaffeemaschinen stehen, oder auch etwas zu essen. Ich habe erlebt, wie Menschen in den Regalen der Putzkammern schlafen. Es sind Funktionsräume, die auf Effizienz, Steuerung und Abläufe ausgerichtet sind und nicht auf Repräsentation oder Wohlfühlqualität.

Kannst du mir noch ein bisschen mehr über die Kameraarbeit erzählen?

Sabine Thalau

Durch die Nähe wollen wir Aufmerksamkeit auf das Miterleben unserer Hauptfigur ermöglichen. Die Handkamera und die Nähe zum Körper verweigern sich einer Distanz.
Uns war es wichtig, die erlebte Zeit im Film so wenig wie möglich innerhalb einer Szene zu manipulieren, um es möglichst gut miterleben zu können. Deswegen haben wir uns sehr schnell dazu entschieden, jede Szene in nur einer Plansequenz zu drehen, auch um den Lai:innen einen Freiraum zu geben, in dem sie Zeit haben, sich in die Emotionen und den Rhythmus hineinzufinden. Wir haben versucht, mit der Kamera immer reagierend zu bleiben, motiviert durch Heike. Uns ging es dabei darum, den Laiendarstellern zu ermöglichen, sich unabhängig von der Kamera zu entfalten und diese zu vergessen.

Deine Schauspieler:innen sind sehr authentisch. Kannst Du mir mehr zum Casting erzählen?

Kilian Armando Friedrich & Team auf der 76. Berlinale

Ich habe in der Reinigungsbranche recherchiert und dort auch Menschen gefunden, die Lust hatten, zum Casting zu kommen. Sabine habe ich über ein Forum für Gebäudereiniger kennengelernt. Im Castingprozess haben viele Objektleiter:innen und Reinigungskräfte zusammen kleine Szenen, Spiele und Übungen miteinander gestaltet. So wurden die verschiedenen Figuren zusammen gecastet. Es war wichtig, dass zwischen den Figuren ein Eigenleben entsteht, welches über die Vorgaben hinaus seine Dynamik entfaltet. Ebenso haben wir auch die physische Verfassung gecastet, durch Sportübungen, da der Film körperlich anspruchsvoll war. Wichtig war auch, dass sich die Menschen sympathisch finden und sich im Spiel miteinander wohl fühlen. Da habe ich viel mit Sabine gesprochen, und sie hat auch ab einem bestimmten Moment für die Nebenrollen mitentschieden, je nachdem, mit wem sie sich wohler gefühlt hat und mit wem weniger.

Es war die erste Rolle für Deine Hauptdarstellerin Sabine Thalau, oder? Hat sie Gefallen daran gefunden und wird sie weitere Rollen spielen wollen?

Dieser Film war Sabines erste Erfahrung als Schauspielerin. Sie arbeitet als Objektleitung. Sabine würde sehr gerne weiter schauspielern – den Kontakt stelle ich bei Interesse gerne her.

Wie unterschiedlich hat sich das Drehen eines Spielfilms mit Schauspielerführung zu den bisherigen dokumentarischen Arbeiten angefühlt?

Unser Spielfilm beginnt häufig da, wo es im Dokumentarischen schwierig ist, hinzukommen. Das sind Momente, die viele der nicht-professionellen Darsteller:innen kannten, aber erst Vertrauen spüren mussten, um diese darzustellen. Es sind Momente, die häufig mit unangenehmen Situationen verbunden sind. Das Spielen dieser Momente war aber auch eine Befreiung und wir hatten dabei sehr viel Spaß. Die Vorarbeit war vor allem mit Sabine intensiv, da sie als einzige Person das ganze Drehbuch erhalten hat. Ich glaube ein Spielfilm hat insgesamt mehr Genauigkeit in der Vorbereitung bzgl. der Funktion von Szenen, Emotionen, Motivationen, Rhythmus etc. gefordert. Mir war es wichtig, immer auch Momente von Improvisation und Überraschung zuzulassen, damit die Lai:innen sich mit ihrer Expertise innerhalb der Welt, die der Film erzählen will, entfalten konnten. Die Schauspielführung war häufig dann erfolgreich, wenn sie kurz und prägnant funktioniert hat. ,,Weniger von dem..’’ ,,schneller in diesem Moment….’’ Damit konnten wir gut arbeiten, ohne die Personen vor der Kamera mit Gedanken zu überfrachten. Ich finde, dass die genaue und einfache Sprache sehr viel Vorbereitung erfordert. Um diese zu entwickeln, haben wir sehr viel geprobt und ich habe bei den Proben mitgefilmt und diese Videos zuhause verschriftlicht, so wusste ich dann beim Drehen, wie ich das genau beschreiben kann, damit es wieder funktioniert.

Sind bereits neue Projekte geplant – gehst Du zurück zum Dokumentarfilm?


Ich entwickle zur Zeit an ein paar Stoffen, ein dokumentarischer Stoff ist auch dabei.

Die Fragen stellte Doreen Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „Ich verstehe ihren Unmut

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