„ Anders“ von Andreas Steinhöfel

 

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Andreas Steinhöfel: Anders. Mit Illustrationen von Peter Schössow. @ Königskinder Verlag (Carlsen)

Buchkritik: Andreas Steinhöfel steht für Kinder- und Jugendbücher, in denen Realität steckt. In seinen Büchern gibt es selten Bilderbuchfamilien. Er hält es nicht für nötig, Kinder vor der Welt und dem Leben, das sich darauf abspielt, zu schützen. Das ist es, warum die ihn so lieben und sich die Lektüre auch für Erwachsene lohnt. Der warme Erzählton trägt seinen Teil dazu bei.

 

„Anders“ ist der erste Roman nach der „Rico, Oskar und …“-Trilogie, mit der er seinen großen Durchbruch feierte. Darin geht es um Felix, der nach einem Unfall im Koma lag. Als er erwacht, fehlt sein Gedächtnis. Dafür hat er anscheinend einen sechsten Sinn ausgebildet. Er kann bei anderen Menschen Krankheiten erschnüffeln und hat ein geschärftes Gespür für die Gefühle der Mitmenschen. Auch die Zurückhaltung und Höflichkeit, die ein Elfjähriger normalerweise schon verinnerlicht hat, fehlen ihm. So bezeichnet er den Menschen die Stelle, an der sie krank sind, indem er dorthin fasst, was natürlich oft unangemessen ist. Er sagt Dinge frei heraus und hat keine Skrupel, die Schule zu schwänzen oder in halsbrecherischen Aktionen auf Bäume zu klettern. Seine ganze Andersartigkeit drückt sich aus in dem neuen Namen, den sich Felix verpasst: Er nennt sich Anders.

Hinein verwoben in die Geschichte um Identität und den Platz in der Gesellschaft ist eine Kriminalgeschichte. Das war bei Rico und Oskar auch nicht anders. Im neuen Werk ist für den erfahrenen Leser aber allzu schnell klar, was vor Felix‘/Anders‘ Unfall passiert war. Die Hauptfigur beäugt der Leser außerdem eher wie ein seltsames Tier im Zoo, weniger mitfühlend.

Die Stärken von Andreas Steinhöfel, die kluge Beschreibung unserer Zeit anhand kleiner Details, treffen nach wie vor ins Schwarze. Da gibt es eine Szene, in der Felix‘/Anders‘ Lehrerin dessen Mutter einen Besuch abstattet. Die will ihren Gast mit einem Kaffee bewirten und erklärt erst einmal die Palette an Kaffeekapseln. Die Lehrerin staunt innerlich, dass es Leute gibt, deren größtes Problem der passende Kaffee darstellt und die sämtliche Kapselsorten auswendig kennen, andererseits kaum wissen, was das eigene Kind tut, geschweige denn, wie man es zur Räson bringen kann. Und endlich darf in einem Kinderbuch eine Mutter auch mal unterkühlt sein, ohne dass sie deshalb zum schlechten Menschen wird. Sie hat einfach keinen Draht zum Kind. Basta.

Die unheimliche Seite der Mütterlichkeit kommt in der örtlichen Sage zum Ausdruck. Eine nahe gelegene gefährliche Stelle im Fluss soll laut dieser Sage von einer Nixe bewohnt sein. Seit die Menschen ihr Kind töteten, macht nun sie Jagd auf Menschenkinder. Das Spiel mit dieser Sage, die schon die Kinder durch Wissen entkräften und die trotzdem für Grauen sorgt, gelingt Steinhöfel meisterlich. Wenn es der Spung in diesen Abgrund ist, der Felix sein Gedächtnis wiederbringt, wird die Symbolik dagegen fast zu deutlich.

Insgesamt ist der Roman leicht zu lesen, klug und unterhaltsam. Für das Zielpublikum, die Kinder und Jugendlichen, hält vielleicht sogar die Kriminalgeschichte Spannung bereit. Hinter „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ bleibt das Buch jedoch zurück. Dennoch verspricht es mehrere Stunden Spaß. Nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Eltern ist es bestens geeignet.

Bewertung: 4/5

Geschrieben von Katrin Mai

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