Lese-Reisen: Mosambik, Iran, Kuba – „Madgermanes“, „Persepolis“, „Havanna“

Bücherkritik: Sommerzeit ist Reisezeit. Das geht auch günstig mit Graphic Novels. Sie führen uns selbst in Länder, in die man sich kaum zu reisen traut, wie den Iran oder Mosambik.

madgermanes_web_preview1

@Avant Verlag

Birgit Weyhe: Madgermanes

Als bester Comic des Jahres 2016 zeichnet der Max & Moritz Preis diese Graphic Novel aus. Besonders der Zeichenstil Birgit Weyhes erntet Lob. Das verwundert zuerst, denn die Zeichnungen erscheinen grob und beschränken sich auf drei Farben. Und doch: Hat der Leser sich etwas eingelesen und eingeschaut, bewundert er die Bildsprache, die afrikanische und sozialistische Bildtradition verbindet.

Darum geht’s: Die DDR warb zahlreiche Arbeiter aus dem Bürgerkriegsland Mosambik an. Die Menschen glaubten, in der DDR vor allem Chancen auf gute Bildung zu bekommen, waren doch gute Noten Bedingung dafür, auf die weite Reise zu gehen. Doch in der DDR folgte die Ernüchterung: Hilfsarbeiten sollten sie ausführen. Die Autorin sprach mit mehreren Madgermanes, wie die aus der DDR heimgekehrten heißen. Ihre Geschichten fasst sie in drei fiktiven Figuren zusammen, die nacheinander ihre Geschichte erzählen. Weil die Figuren einander kennen, greifen die Erzählstränge sinnvoll ineinander. Alle erleben die kulturellen Unterschiede und die unterschiedlich stark ausgeprägten rassistischen Ressentiments. Und alle drei Figuren gehen anders damit um. Während der Eine sich in sein Schicksal fügt, strebsam ist und um Anpassung bemüht, verweigert der Zweite die Arbeit, stürzt sich ins Vergnügen und  versucht, genau so „afrikanisch“ zu sein, wie es sich die Deutschen vorstellen. Beide gehen nach der Wende in die Heimat zurück. Die dritte Figur ist eine Frau. Als sie schwanger wird, muss sie abtreiben, um nicht zurückgeschickt zu werden. Sie absolviert neben der Arbeit die Abendschule, kann nach der Wende in Deutschland bleiben und studiert Medizin. Sie geht nicht nach Mosambik zurück, denn den Großteil der Familie hat der Bürgerkrieg ausradiert. Die beiden Männer möchten mit dem Teil des Arbeitslohns, den die DDR direkt nach Mosambik geschickt hat, ihre Zukunft gestalten. Doch das Geld kommt nie bei ihnen an, und damit sind wir aus der Fiktion wieder in die Realität gekommen: Noch immer warten Tausende ehemalige DDR-Arbeiter dort auf ihr Geld. Ein Buch, das intelligent aufgebaut ist, unterhaltsam erzählt und informiert.

 

Marjane Satrapi: Persepolis

Dieses Buch ist schon etwas älter und liegt auch als Zeichentrickfilm vor. Für Kinder ist es aber kaum geeignet, auch wenn die Ich-Erzählerin anfangs etwa zehn Jahre alt ist. Denn hier geht es um den Iran und darum, wie aus einem freien Land durch Islamismus ein repressives System wird. Die autobiografische Graphic Novel besteht aus Schwarz-Weiß-Bildern, die aufs Wesentliche reduziert sind.

Darum geht’s: Marjane Satrapi wächst in einem freigeistigen, intellektuellen Elternhaus auf. Weil ihre Eltern außerdem begütert sind, können sie ihre Tochter nach der islamistischen Revolution nach Österreich schicken. Die Jugendliche, die Widersprüchlichkeiten und Heucheleien erkennt und benennt, ist zwar nun befreit von Kopftuchpflicht und Märtyrerverehrung, doch bleibt sie eine Fremde. Sie kehrt nach Hause zurück, steht Identitätskrisen durch und beginnt ein Grafikstudium. Aktmalerei gibt es durchaus, mit vollverschleierten Modellen fehlt ihm allerdings der Sinn. In kurzen, anekdotenartigen Szenen erzählt Satrapi ihre Biografie bis zum Alter von Mitte Zwanzig, als sie das zweite Mal dem Iran den Rücken kehrt. Dieses Mal endgültig. Der Klassiker gewährt einen tiefen Einblick in die iranische Gesellschaft. Aufklärung und witzige Unterhaltung in einem.

1-havanna-cover

@Reinhard Kleist

Reinhard Kleist: Havanna

Die wenigsten Krisen und Probleme, dafür die meisten Farben gibt es in Reinhard Kleists Reisetagebuch. Von allen drei Comics gibt es in seinem die kunstvollsten Bilder. Seine Reiseimpressionen sind gespickt mit einigen Gedanken zum kubanischen Geschichte und dem Sozialismus im Gegensatz zu dem Kapitalismus, aus dem er kommt. Die verschiedenen Aspekte des kubanischen Sozialismus beleuchtet er in Gesprächen mit einheimischen Zufallsbekannten. Eine zusammenhängende Story gibt es nicht. Es ist ein hübscher kleiner Trip durch Kuba, eine Momentaufnahme eines Landes, das durch seine Öffnung wohl nicht mehr lange in seiner jetzigen Beschaffenheit vorhanden sein wird.

Geschrieben von Katrin Mai

Ein Gedanke zu “Lese-Reisen: Mosambik, Iran, Kuba – „Madgermanes“, „Persepolis“, „Havanna“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s