Karel Čapek: Der Krieg mit den Molchen

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Die schöne neue Ausgabe der @Edition Büchergilde behält die geniale Bebilderung von Hans Ticha

Buchkritik: Wer hat sich nicht schon mal einen Sci-Fi-Film angeschaut und sich dabei gefragt: Wem haben wir eigentlich das Wort „Roboter“ zu verdanken? Jetzt hat das ewige Grübeln ein Ende, denn ich verkünde: Es war Karel Čapek, der das von seinem Bruder Josef vorgeschlagene Wort mit seinem Drama R.U.R. (Rossums Universal-Robots) prägte.

Karel Čapek, geboren 1890 und bereits 1938 an Lungenentzündung gestorben, gehört zu den wichtigsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Viele seiner Werke zeichnen sich durch einen Humor aus, den man vom weltbekannten „Schwejk“ von Čapeks Zeitgenossen Jaroslav Hašek kennt.

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Karel Capek, wie man ihn auf wikipedia.de sieht

In seinem Roman „Der Krieg mit den Molchen“ (1937) entwirft Čapek eine düstere Zukunftsvision. Und doch handelt es sich um eine beißende Satire, die immer wieder laut auflachen lässt. Zum besonderen Lesegenuss wird der Text durch die tolle Illustration von Hans Ticha. Denn er findet nicht nur großartige Bilder dafür, sondern zeichnet fingierte Zeitungsartikel, wissenschaftliche Abhandlungen oder Werbeanzeigen grafisch perfekt nach.

Zur Handlung: Kapitän van Toch entdeckt in der Bucht einer Südseeinsel eine neue Art von Molchen, die sofort sein Verhalten imitieren. Im Austausch gegen Perlen gibt er ihnen rostfreie Messer, so dass sie sich gegen die Haie verteidigen können, von denen sie bisher gefressen wurden. Mit Hilfe des reichen Investors Bondy schafft sich Kapitän van Toch einen Tanker an. So setzt er die Molche auf immer mehr Südseeinseln aus, wo sie sich vermehren und ihm immer mehr Perlen bringen.

Einige Jahre geht das gut. Doch dann bricht der Wert der Perlen durch das Überangebot ein und Kapitän van Toch stirbt. Jetzt wird Investor Bondy aktiv und kreativ. Er gründet das Salamandersyndikat. Die Molche, die sich mittlerweile als gering sprach- und lernfähig erwiesen haben, vermietet er als Arbeitskräfte. Rund um das Hauptprodukt Arbeitsmolch baut er eine ganze Fabrik auf: Spezielles Molchfutter, Molchwerkzeuge, sonstiger Molchbedarf.

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Genial gestaltet, oder? @Edition Büchergilde

Inzwischen entdecken reiche Reisende die Molche und lösen eine Medienlawine aus. Die Wissenschaft beschäftigt sich mit dieser sensationellen Tierart, und bald wird sie auch Mittelpunkt ethischer Debatten. Die Molchfrage wiederholt die einstige soziale Frage: Wie viele Pflichten, wie viele Rechte hat so ein Molch?

 [Die Molche] haben zwar keine Musik oder Literatur, aber sie kommen vorzüglich ohne sie aus. Und die Menschen beginnen sich der Ansicht zuzuneigen, daß das von den Salamandern eigentlich fabelhaft modern ist. Siehe da, schon kann der Mensch von den Molchen mancherlei lernen – kein Wunder: Sind denn die Molche nicht unerhört erfolgreich? Und woran sollen sich die Menschen ein Beispiel nehmen, wenn nicht am Erfolg? … Die echten, bewußten Menschen des Molchzeitalters werden ihre Zeit nicht mehr mit Grübeleien über das Wesen der Dinge vergeuden, sie werden allein mit deren Anzahl und Massenerzeugung genug zu tun haben.

Das Salamandersyndikat beschäftigt sich dagegen nur mit einem Thema: Geld scheffeln. Jedes Land mit Küstenanteil setzt auf Salamander, welche Kanäle und Dämme erschaffen und die Küsten ausbauen, wodurch mehr Land entsteht. Und sie werden eingesetzt, dieses neue Land geheim und unterseeisch zu verteidigen. Die Molche werden mit Waffen ausgerüstet und so zu Soldaten. Die Deutschen entdecken den geistig und körperlich überlegenen Nordmolch – eine beißende Satire auf den damals grassierenden Größenwahn des tschechischen Nachbarlandes. Es ist ebenfalls ein Deutscher, der mit der Abhandlung „Der Untergang der Menschheit“ – Ähnlichkeiten mit dem Untergang des Abendlandes sind nicht zufällig – vor den Molchen warnt. Nützt nichts.

Die Menschheit ist nahe daran, sich am Meeresgrund zu zerfleischen, da wenden sich die Molche gegen sie. Immer wieder kommt es zu Erdbeben und Überflutungen, und es stellt sich heraus, dass die gezielt von den Molchen herbeigeführt wurden. Mit dem überforderten, verwirrten Menschengeschlecht nimmt der Chief Salamander Kontakt auf:

Wir haben euch gegenüber keine feindlichen Absichten. Wir brauchen nur mehr Wasser, mehr Küsten, mehr Sandbänke, um zu leben. Wir sind zu viele.

Es sieht düster aus für die Menschheit. Geht sie unter? Das hängt ganz vom Erzähler ab.

Fazit: Es beginnt als Abenteuerroman, verwandelt sich zur hellsichtigen Wirtschaftssatire und karikiert dann die große Politik. Ob Werbe- oder Wissenschaftstext, hier bekommt jedes Feld seinen satirischen Seitenhieb weg. An wenigen Stellen zieht sich das in die Länge. Überwiegend ist der Text so brillant geschliffen, dass er böse funkelt. Vollkommen durchillustriert von Hans Ticha ist dieser Roman ein Gesamtkunstwerk, der Freunden von Grotesken genauso wie von Fabelwelten á la Walter Moers helle Freude bringt.

Bewertung: 5/5

Geschrieben von Katrin Mai

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