Kurt Vonnegut: God bless you, Dr. Kevorkian

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Die besprochene Ausgabe der (c) Seven Stories Press

Buchkritik: Heute ist Kurt Vonneguts zehnter Todestag. Pünktlich dazu stelle ich ein herzenskluges Heftchen vor, das er uns hinterlassen hat. Es erschien 1999. Harry Rowohlt übertrug es 2004 ins Deutsche unter dem Titel „Gott segne Sie, Dr. Kevorkian“. Mann, die beiden fehlen mir! Die besprochene englischsprachige Ausgabe ist von 2010 und angereichert mit einem Vorwort von Neil Gaiman. Wenigstens einer, der genial ist und noch lebt.

Auf knapp 80 Seiten versammelt Vonnegut 21 kürzeste Geschichten. Eine Einleitung setzt der Geschichte einen Rahmen. Vonnegut, als Mitglied der Humanistischen Gesellschaft, übernimmt für den Radiosender WNYC die Aufgabe, Interviews aus dem Jenseits festzuhalten. Schlitzohrig vermischt Vonnegut Realität (die einzelnen Interviews wurden wirklich zuerst im Radio ausgestrahlt!) mit Fiktion – den Reisen ins Jenseits. Auf seinen Weg ins Jenseits schickt ihn der titelgebende Dr. Kevorkian, wohlgemerkt in den Räumlichkeiten einer texanischen Hinrichtungsanstalt. Dr. Kevorkian selbst war Mediziner und wurde wegen mehreren Fällen von Sterbehilfe verurteilt.

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Kurt Vonnegut (c) Publishersweekly

Um ins Jenseits zu gelangen, lässt sich Vonnegut von Kevorkian einen Medikamentenmix spritzen. Dann trifft er auf jeweils eine Person, mit der er sich kurz unterhalten kann, bis die Wirkstoffe nachlassen. Jede der 21 Geschichten trägt den Namen der „interviewten“ Person.

Er trifft auf Shakespeare oder Frankenstein-Autorin Mary Shelley. Auch Newton und auf Hitler. Und auf diverse Figuren aus der US-amerikanischen Geschichte, die dem deutschen Leser weniger vertraut sein dürfen. Zum Beispiel auf Karla Faye Tucker, die 1998 der Todesstrafe zum Opfer fiel. Sie zögert, durch den Tunnel zu gehen, der vom Diesseits ins Jenseits führt, weil sie Angst vor der Hölle hat. Als Kurt sie beruhigt, dass es keine Hölle gäbe, ist sie einerseits erleichtert. Andererseits meint sie, gern in die Hölle zu gehen, wenn sie nur wüsste, dass der Verantwortliche für ihren Tod – der texanische Gouverneur – auch dorthin käme. Er hätte schließlich genauso einen Tod zu verantworten. Lustig zu wissen: Der damalige Gouverneur hieß George W. Bush.

Wie warme Sonnenstrahlen durchzieht der typische Vonnegut-Witz die Texte. Mit seiner Menschenliebe, aber ohne jeden Oberlehrerton, gelingt Vonnegut mehr als nur ein kurzes Porträt der jeweiligen Person. Es ist ein Plädoyer für Menschlichkeit. Das Heft lässt sich gut auf Englisch lesen.

Extratipp: Einige der „Interviews“, wie sie original vom Radiosender WNYC ausgestrahlt wurden, finden sich in deren Archiv. Hier spricht Kurt Vonnegut selbst, und man versteht ihn (als Deutscher) recht gut.

Bewertung: 5/5

Geschrieben von Katrin Mai

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