Zehn Fragen an Piotr Domalewski

Interview: Im Gespräch mit dem polnischen Filmemacher Piotr Domalewski („60 Kilo nichts“) konnten wir mehr über seinen Spielfilm „I never cry“ (OT: „Jak Najdalej Stad“), der auf dem Cottbuser Filmfestival 2020 drei Preise gewinnen konnte, wie er seine Geschichte für den Film fand und warum Humor genauso wichtig war für sein Drama, wie auch Realismus.

The original english language interview is also available.

Kannst Du mir mehr zur Geschichte und ihrer Entstehung Deines Langfilms „I never cry“ erzählen? Stehen wahre Ereignisse dahinter?

Wenn ich mir einen Film ausdenke, folge ich nicht einer Geschichte. Ich bin auf der Suche nach einem Thema. Dramen, die mir nahe sind und die mich bewegen. In meinem ersten Spielfilm, „Stille Nacht“ [Anm. d. Red. OT: „Cicha Noc“, 2017], wollte ich von meiner Beziehung zu meinen Geschwistern erzählen, von denen ich sehr viele habe. In „I never cry“ wollte ich die Beziehung zu den Eltern thematisieren. Eine Beziehung, die ich sehr gut kenne. Die Geschichte, die ich konstruiert habe, um sie zu erzählen, wurde von realen Ereignissen inspiriert. Es ist kein Geheimnis, dass die Geschichte, die mich zu „I never cry“ inspiriert hat, Ereignisse aus dem

Zofia Stafiej

Leben von Piotr Sobociński sind – dem Kameramann für diesen Film und persönlich mein sehr enger Freund. Das hat mich sehr berührt. Ich dachte, dass ich dieses Drama auf einer Leinwand zeigen muss. Der Produzent war von dieser Idee begeistert und so ist der Film entstanden.

Trotz eines ernsten Themas wirkt der Film nie zu schwer und stellenweise baust Du gelungen Humor mit ein – war Dir diese Balance wichtig?

Ich denke, dass hinter jedem Ereignis im Leben, besonders dem dramatischen, ein großer absurder Humor steckt. Ironie ist die einzige Waffe im Kampf gegen die Härten des täglichen Lebens. So bin ich auch aufgewachsen. Ich komme aus einem armen Teil von Polen, in der Nähe der östlichen Grenze. Die Leute von hier sind streng und haben einen scharfen Sinn für Humor. Den habe ich auch, und so begegnen meine Helden der Welt natürlich auch auf diese Weise. Kurt Vonnegut jr. hat einmal geschrieben, dass das Schwierigste am Aufwachsen in einer großen Familie ist, dass man die beste Pointe haben muss, wenn man am Tisch sprechen will. So war es auch bei mir.

Die Geschichte wirkt in ihrer Ausgestaltung und der Begebenheiten sehr authentisch. Wie wichtig war Dir Realismus? 

Zofia Stafiej, Kinga Preis und Dawid Tulej

Realismus ist für mich am wichtigsten. Ich wähle Geschichten, die ich in mein eigenes Leben übertragen kann. Themen, die ich aus meinem Umfeld kenne. Einfache Leute, Armut, Sturheit, harte Arbeit, Familienbande – all das ist mir seit jeher vertraut. Ich bin auch sehr daran interessiert, Ereignisse in einem Raum anzusiedeln, von dem ich ein bestimmtes technisches Wissen habe. Journalistisches Kino mag ich nicht. Es ist sehr üblich, dass die Autoren irgendein gesellschaftlich wichtiges Thema kommentieren, das sie nur aus Zeitungen und Fernsehen kennen. Das kann ich nicht machen. Ich muss die Welt, über die ich spreche, kennen. Denn dann habe ich das Gefühl, dass ich meine persönliche Geschichte mit dem Zuschauer teile.

Kannst Du mir mehr zu den Dreharbeiten erzählen? Habt ihr in Polen und Irland gefilmt? Wie lange hattet ihr Zeit und wie habt ihr die Locations gefunden? 

Zofia Stafiej

Wir haben in Polen und Irland gedreht, weil, wie gesagt, der Realismus der Welt, von der ich spreche, für mich extrem wichtig ist. Wir wollten wirklich solche Räume und Drehorte finden, um zu zeigen, dass diese Orte (Polen und Irland) sich nicht so sehr voneinander unterscheiden. Dass dieses ‚Eldorado‘, das emotionale Bindungen und Familien kaputt macht, nicht so schön ist. Es gibt auch Menschen, die die gleichen Probleme haben. Sie kaufen ihr Brot mit Euro, aber das ist der einzige Unterschied. In anderer Hinsicht sind wir alle Menschen.

Was lag Dir visuell am Herzen?

Kinga Preis und Zofia Stafiej

Vor der Umsetzung jedes Projekts besprechen wir mit dem Kameramann, was die beste visuelle Art ist, eine Geschichte zu erzählen. Werden wir die Geschichte mit einer dynamischen Kamera oder mit schön komponierten statischen Bildern erzählen? Bei „I never cry“ wollten wir so nah wie möglich an der Protagonistin sein. Wir wollten sie fast dokumentarisch beobachten. Das heißt aber nicht, dass das Licht und die Bilder nicht fotografisch interessant sein müssen. Deshalb ist die Protagonistin auch so intensiv. Wir haben sie in diesen vorgegebenen Umständen natürlich agieren lassen und die Arbeit der Kamera an ihre Energie und Emotionen angepasst.

Hast Du filmische Vorbilder auf die Du Dich beziehst?

Ich sehe viel und ich mag viele Regisseure. Sicherlich war mein Wendepunkt im Denken über das Geschichtenerzählen, als ich Nuri Bilge Ceylan-Filme sah. Ich schätze auch das Kino von Asghar Farhadi sehr. Womit ich jedoch aufgewachsen bin, ist Kieślowskis Kino. Es hat so etwas außergewöhnlich Polnisches und gleichzeitig Universelles an sich.

Deine Hauptdarstellerin Zofia Stafiej ist großartig – wie hast Du sie gefunden?

Zofia Stafiej

Die Suche dauerte sehr lange. Ich wollte jemanden finden, der in der Öffentlichkeit völlig unbekannt sein würde. Jemanden, der unter den gegebenen Umständen glaubwürdig sein würde. Eine emotionale, etwas rebellische Schauspielerin. Zofia durchlief fünf Phasen von Probedrehs. Es war ein echter Charaktertest. Sie kämpfte mit dieser Herausforderung, so wie im Film Ola mit den Hindernissen kämpft, die ihr das Leben stellt. Sie musste es sein. Neben ihren schauspielerischen Fähigkeiten stellte sich heraus, dass sie viel mit der Protagonistin des Films gemeinsam hat. Auch sie kommt aus einer Kleinstadt, ihr Vater ging für zwei Jahre mit einem Auftrag nach Dublin. Das fand ich heraus, als ich am Set arbeitete. Du siehst, solche Dinge bleiben in einem Menschen. Das baut seine emotionale Basis auf.

Würdest Du sagen, Du hast Deinen Film für ein bestimmtes, speziell ein jüngeres Publikum, konzipiert?

Arkadiusz Jakubik

Es ist schwer zu sagen. Ich kann nicht wie andere Menschen denken. Vielmehr lasse ich mich von meinem Geschmack und meiner Sensibilität leiten. Ich zeige auf der Leinwand, was ich im Kino gerne sehen würde. Tatsache ist jedoch, dass meine vier kleinen Schwestern den Film gesehen haben und sagten, er sei extrem echt. Sie haben mir sehr dafür gedankt, dass ich ihre Geschichte irgendwie erzählt habe. Also treffe ich ein jüngeres Publikum? Ich denke jedoch, dass wir alle sehr sanft mit diesen grundlegenden Emotionen umgehen. Wie Kinder.

Kannst Du zum Schluss noch ein bisschen mehr von Dir erzählen und wie Du Deine Liebe zum Film entdeckt hast?

Ich glaube nicht, dass ich so interessant bin. Ich habe mich schon immer für Kino interessiert. Als ich ein Kind war, hatten wir einen VHS-Rekorder. Das Ausleihen von Filmen aus der Videothek war für mich das größte Erlebnis in der Woche. Unsere Eltern gaben uns Geld für zwei Filme pro Woche. Wir haben sie immer am Samstag ausgeliehen, denn am

Zofia Stafiej

Sonntag war die Videothek geschlossen und man konnte die Filme einen Tag länger umsonst haben. Und sie mehrmals anschauen. Ich glaube, da hat es angefangen. Dann habe ich angefangen, Schauspiel zu studieren, weil ich dachte, dass ich so meiner Liebe zum Kino nachgehen kann. Aber das war mir nicht genug, und im Alter von 27 Jahren kündigte ich meinen Job, zog in eine andere Stadt und begann ein Regiestudium. Das war damals ein großes Risiko, weil ich wusste, dass ich damit meine Schauspielkarriere zerstöre. Jetzt weiß ich, dass es das wert war. Ich habe großes Glück, dass meine Arbeit auch meine Leidenschaft ist.

Sind bereits neue Projekte geplant?

Im Moment drehe ich einen weiteren Film. Diesmal möchte ich eine Geschichte über einen Mann erzählen. Darüber, was es bedeutet, ein Mann zu sein, darüber, was er kulturell und emotional durchmachen muss. Ich möchte die Details nicht verraten, aber es wird etwas ganz anderes sein als „I never cry“. Ich mag Herausforderungen. Im kommenden Jahr hoffe ich, mit der Arbeit an einem Film beginnen zu können, den ich gerne im Ausland produzieren würde. Voll und ganz. Im Moment habe ich ein Drehbuch und bin auf der Suche nach einem Produzenten.

Die Fragen stellte Doreen Matthei
Übersetzung Michael Kaltenecker

Lies auch die Rezension des Films „I never cry


Interview:  In a conversation with Polish filmmaker Piotr Domalewski (“60 Kilo Niczego“), we were able to learn more about his feature film “I never cry” (OT: “Jak Najdalej Stad”), which won three awards at the 2020 Cottbus Film Festival, how he found his story for the film, and why humor was as important to his drama as realism.

Can you tell me about the story and the making of your feature film “I never cry“? Are there true events behind it?

When I come up with a movie, I don’t follow a story. I’m looking for a topic. Dramas that are close to me and that move me. In my first feature film, “Silent Night”, I wanted to tell  about my relationship with my siblings, whom I have a lot of. In “I never cry”, I wanted to bring up the topic of relationship with parents. A relationship that I know very well. The story that I constructed to tell about it was inspired by real events. It is no secret that the story that inspired me to write “I never cry” are events in the life of Piotr Sobociński – the cinematographer for this film, and personally my very close friend. It touched me very much. I thought I had to show that drama on a screen. The producer was delighted with this idea and this is how the film was made.

In spite of a serious topic, the film never seems too heavy and in places you successfully incorporate humor – was this balance important to you?

I think that underneath every event in life, especially the dramatic one, there is a great absurd humor. Irony is the only weapon in the fight against the hardships of everyday life. This is how I was raised. I come from a poor part of Poland. Near the eastern border. People from here  are strict and have a sharp sense of humor. I also have one, so my heroes also naturally confront the world in this way. Kurt Vonnegut Jr.  once wrote that the most difficult thing in growing up in a large family is, that if You want  to speak at the table, you must have the best punch line. It was like that for me too.

The story seems very authentic in its development and the events. How important was realism to you? 

Realism is most important to me. I choose stories that I can translate into my own life. Themes I know from my background. Simple people, poverty, stubbornness, hard work, family ties are all I have faced since forever. I am also very keen on setting events in a space about which I have specific technical knowledge. I don’t like journalistic cinema. It’s very common that the authors comment on some socially important topic, and they know it only from newspapers and television. I can’t do that. I need to know the world I’m talking about. Because then I feel that I am sharing my personal story with the viewer.

Can you tell me more about the filming? Did you film in Poland and Ireland? How long did you have and how did you find the locations?

We shot in Poland and Ireland because, as I said, the realism of the world I am talking about is extremely important to me. We really wanted to find such spaces and locations to show that these places (Poland and Ireland) do not differ so much from each other. That this “El Dorado”, which breaks down emotional ties and families, is not so beautiful. There are also people who have the same problems. They buy bread in euros, but that’s the only difference. In other respects, we are all human.

What was visually important to you?

Before implementing each project, we discuss with the cinematographer what is the best visual way to tell a story. Will we tell the story with a dynamic camera or beautifully composed static frames? In “I never cry” we wanted to be as close to the protagonist as possible. We wanted to watch it almost documentally. But it doesn’t mean that the light and frames don’t have to be photographic interesting. That’s why the protagonist is so intense. We let her act naturally in these assumed circumstances, and we adjusted the camera’s work to her energy and emotions.

Do you have any cinematic role models you refer to?

I watch a lot and I like many directors. For sure, my turning point in thinking about storytelling was watching Nuri Bilge Ceylan movies. I also really appreciate Asghar Farhadi’s cinema. However, what I grew up in is Kieślowski’s cinema. There is something so extraordinarily Polish and the same time universal about it.

Your leading actress Zofia Stafiej is great – how did you find her?

The search took a long time. I wanted to find someone who would be completely unknown to the public. Someone who would be credible under the circumstances. Emotional, a bit rebellious actress. Zofia went through five stages of test shooting. It was a real test of character. She fought this challenge just like the film Ola fights with obstacles that her life brings to her. It had to be her. In addition to her acting skills, it turned out that she has a lot in common with the protagonist of the film. She also comes from a small town, her father went to Dublin on a contract for two years. I found out when I was working on the set. You see, such things remain in a person. Builds its emotional base.

Would you say you designed your film for a specific audience, especially a younger audience?

It’s hard to say. I can’t think like other people. Rather, I am guided by my taste and sensitivity. I show on the screen what I would like to see in the cinema. However, it is a fact that my 4 little sisters saw the movie and said it was extremely real. They thanked me so much for telling their story somehow. So I’m hitting a younger audience? However, I think we are all very gentle about these basic emotions. Like children.

Finally, can you tell a bit more about yourself and how you discovered your love for film?

I don’t think I’m that interesting. I’ve always been interested in cinema. When I was a child we had a vhs cassette player. Renting movies from the video store was the greatest experience for me during the whole week. Our parents gave us money for two movies a week. We always rented them on Saturday, because on Sunday the video store was closed and you could have movies for one day longer for free. And watch them several times. I think that’s when it started. Then I started studying acting because I thought that this was how I could pursue my love of cinema. But that wasn’t enough for me, and at the age of 27, I quit my job, moved to another city and started studying directing. It was a big risk then, because I knew that I was destroying my actors career. Now I know it was worth it. I am very lucky that my work is also my passion.

Are there any new projects already planned?

At the moment I am shooting for another film. This time I want to tell a story about a man. About what it means to be, about what he has to face culturally and emotionally. I don’t want to reveal the details, but it will be something completely different than “I never cry“. I like challenges. In the coming year, I hope to start working with a film that I would like to produce abroad. Fully. For now, I have a script and I’m looking for a producer.

Questions asked by Doreen Matthei

Read on the german review of the film “I never cry

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