Sechs Fragen an Jannis Lenz

Interview: Der mehrfach-ausgezeichnete Kurzfilm “Wannabe” ist kluge Gesellschaftskritik und konnte so auf vielen Festivals, darunter dem 19. Landshuter Kurzfilmfestival, die Zuschauer begeistern. Im Gespräch erzählt uns der junge Regisseur Jannis Lenz wie er die Idee zur Geschichte entwickelt hat, warum er es als Crossmedia-Projekt gestaltet hat und wie er seine Hauptdarstellerin Anna Suk fand.

Dein Film “Wannabe” hält der heutigen Gesellschaft wunderbar den Spiegel vor Augen. Erzähl mir mehr zur Entwicklung der Geschichte.

Der Film dreht sich um viele verschiedene Dinge, die mich über einen längeren Zeitraum beschäftigt haben. Das Thema der Selbstdarstellung zum Beispiel, das in vielen Bereichen unserer Gesellschaft  immer mehr an Bedeutung gewinnt und besonders im Umfeld der sozialen Netzwerke bizarre Formen annimmt. Dann sind da noch sehr viele Eindrücke und Erfahrungen eingeflossen, die ich über die letzten Jahre an diversen Filmsets und in Castings gesammelt habe. Nach einem ersten Drehbuch, das ich selbst geschrieben habe, begannen wir zu dritt am Stoff zu arbeiten. Unser Dramaturg Matthias Writze, Kameramann Andi Widmer und ich haben uns über einen längeren Zeitraum regelmäßig getroffen und mit Ideen jongliert. Das war eine sehr spannende Erfahrung. Am Ende habe ich aber gemerkt, dass es mich immer stärker zu meiner ursprünglichen Version zurückzieht. Also hab ich mich nochmal allein hingesetzt und das ursprüngliche Drehbuch mit den Ideen angereichert, die wir zu dritt gesammelt haben. Auch wenn ich am Ende also wieder zu meiner ursprünglichen Geschichte zurückgekommen bin, hat sich dieser kleine Umweg absolut gelohnt, um die Story und die Figuren plastischer zu machen.

Trotz des einen oder anderen Fremdschäm-Moment schaffst Du es, dass die YouTuberin Coco nie ins Lächerliche gezogen wird. Wie wichtig war Dir ein gewisses Maß an Überzeichnung, um Deine Kritik zu verpacken?

Ich würde nie einen Film machen, in dem ich mich über die Figuren stelle und mich über sie lustig mache. Unsere Protagonistin mit distanziertem Blick zu beobachten und zu psychologisieren, um dann am Ende mit irgendeiner fragwürdigen Moral daherzukommen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Vielmehr geht es mir darum, Menschen, die möglicherweise außerhalb der eigenen Reichweite liegen, in ihrem Verhalten, ihren Wünschen und Träumen nachvollziehbar zu machen. Auch wenn uns diese im ersten Moment fremd vorkommen. Da darf ich auch Momente nicht aussparen, die für Aussenstehende vielleicht lächerlich oder peinlich wirken. Wir alle kennen diese Momente, sie gehören zum Leben dazu. Im Fall von “Wannabe” kann ich sagen, dass der Film und die Figur der Coco keinesfalls Fall überzeichnet sind, im Gegenteil. Wenn ich das fertige Produkt mit dem vergleiche, womit ich im Zuge meiner Recherche im echten Leben konfrontiert wurde, kann ich nur sagen, dass “Wannabe” sich eher mit dem Alltag junger Menschen auseinandersetzt als mit Ausnahmeerscheinungen.

Die Umsetzung ist auch perfekt auf die Smartphone-Generation angepasst. Kannst Du etwas zu Deinem Authentizitätsanspruch erzählen und wie viel vorher recherchiert wurde?

Der Großteil der Recherche fand direkt auf Youtube statt. Wir haben uns gemeinsam viele und ganz unterschiedliche Videos angeschaut, im Team und auch mit den Schauspielerinnen und Schauspielern. Anschließend haben wir unsere jeweiligen Eindrücke diskutiert, Parallelen zu persönlichen Erfahrungen gezogen und Szenen improvisiert. Diese intensive Art der gemeinsamen Vorbereitung habe ich bei meiner Arbeit am Theater sehr zu schätzen gelernt.

Wenn wir von Authentizität sprechen, ist das zunächst abhängig von handwerklichen Faktoren wie z.B. einem passenden Cast und guter Recherche. Das sind die Grundvoraussetzungen. Meiner Auffassung nach geht es am Ende aber auch stark um den Standpunkt, den ich als Filmemacher einnehme und die Frage, warum und auf welche Art ich mich mit einem Thema auseinandersetze.  

Das Ganze ist als Crossmedia-Projekt entstanden. Kannst Du mehr von den Parts außerhalb des Kurzfilms erzählen?

Die Erzählweise auf zwei unterschiedlichen medialen Ebenen war von Anfang an Teil des Konzepts und einer der Hauptgründe, warum mich dieses Thema auch so interessiert hat. Ich wollte zwei unterschiedliche Blickwinkel auf ein und dieselbe Person ermöglichen. Einmal so, wie Coco sich selbst im Internet darstellt, also wie sie gerne von der Welt gesehen werden würde. Auf der anderen Seite steht das echte Leben, mit all den Rückschlägen und Niederlagen, mit denen wir alle immer wieder zu kämpfen haben. Auch wenn wir diese Erlebnisse in der Öffentlichkeit gerne aussparen und gemäß den Idealen der Leistungsgesellschaft, in der wir uns bewegen, ausschließlich unsere Erfolge präsentieren. Abgesehen davon war die Arbeit an “Wannabe” für mich auch ein großes erzählerisches Experiment. Ich mag es, fragmentarisch und mit Auslassungen zu arbeiten. Das konnte ich hier auf die Spitze treiben. Eine Youtube-Playlist, die als Ganzes gesehen eine Geschichte ergibt, jedoch bewusst mit den Lücken zwischen den einzelnen Videos spielt, war eine sehr spannende Herausforderung. Außerdem hat mir der Gedanke gefallen, aus diesem Festival- Zirkel, in dem Kurzfilme ja oft gefangen sind, auszubrechen und Menschen zu erreichen, die sonst nur schwer Zugang zu unserem Film gefunden hätten.

Ihr habt mit Anna Suk die perfekte Coco gefunden. Wie war der Casting-Prozess?

Ich hab sehr lange gecastet und viele Kandidatinnen kennengelernt. Anna kam erst spät dazu. Die meisten Bewerberinnen haben sich bei den Improvisationen indirekt über ihre eigene Figur lustig gemacht. Ich hatte oft das Gefühl, dass sie sich selbst in der Rolle nicht ernst nehmen. Anna konnte Cocos Probleme und Konflikte nachvollziehen und hat sich nicht moralisch über sie gestellt, sondern Parallelen zu ihrem eigenen Leben gezogen. Abgesehen davon ist Anna natürlich eine großartige Schauspielerin. Sie kann sich in Szenen emotional öffnen und behält dabei trotzdem ein Geheimnis in sich, das sie mit niemand anderem teilen will. Das habe ich nach dem ersten Kennenlernen gespürt, wir haben uns ein paar Tage später nochmal getroffen, um über das Drehbuch zu sprechen und dann war sie für die Rolle der Coco besetzt.

Dein Film lief sehr gut auf allen Festivals und konnte diverse Preise gewinnen. Wie wird es danach nun bei Dir weitergehen? Bleibst Du dem kritischen Drama treu?

Ich beschließe nicht vorab, einen sozialkritischen Film, eine Komödie oder dergleichen zu machen. Da würde ich mich ja bereits sehr früh in ein Korsett zwängen, das ich so nicht tragen will. Es gibt Ideen und Themen, die mich über einen längeren Zeitraum begleiten und aus denen dann manchmal eben ein Film wird. Viele Überlegungen, die in die Arbeit an “Wannabe” eingeflossen sind, haben mich schon beschäftigt, lange bevor ich wusste, dass ich vom Werdegang einer jungen YouTuberin erzählen will.

Wannabe” ist für mich nicht nur Drama, sondern über weite Strecken auch Komödie, Coming-of-Age-Geschichte und entspricht wahrscheinlich noch ein paar anderen Kategorien, die für sich genommen einem interessanten Film in seiner Komplexität nie gerecht werden können. Je mehr sich eine Arbeit diesen vorgegebenen Einschränkungen entzieht und sich traut, Grenzen zu durchbrechen, desto spannender wird es für mich – als Zuschauer wie als Filmemacher.

Grundsätzlich habe ich kein Interesse daran, einen gefälligen Film zu realisieren, der bemüht ist, alles richtig zu machen und dabei über bloße Unterhaltung nicht hinausgeht. Genauso wenig wie ich Projekte entwickeln will, die einem exklusiven Publikum vorbehalten bleiben. Ich sehe mich selbst als Teil einer Gesellschaft, die ich mitgestalten möchte. Ob ich die ZuseherInnen zum Nachdenken anrege, indem ich sie mit einer Arbeit irritiere, provoziere oder zum Lachen bringe, ist dabei Nebensache. Am schönsten wäre es natürlich, wenn mir all das auf einmal gelingt.

Die Fragen stellte Doreen Matthei

Ebenfalls auf der Testkammer die Kritik zu “Wannabe

Ein Gedanke zu “Sechs Fragen an Jannis Lenz

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