Zehn Fragen an Isa Micklitza

Interview: Im Gespräch mit der Filmemacherin Isa Micklitza erzählt sie uns von den Dreharbeiten zu ihrem ersten Langfilm „Lass uns abhauen“, welcher auf dem 28. FFC zu sehen war, welche reale Personen sie inspiriert haben und wie es war vom Kurzfilm zum Langfilm zu wechseln.  

Dein Spielfilm „Lass uns abhauen“ lief auf dem 28. FFC und sprach mit seiner offenen, fröhlichen und natürlichen Art das Publikum sehr an. Du hast auch das Drehbuch dafür geschrieben – wie hast Du Deine Geschichte entwickelt?

Der Auslöser für die Erzählung des Films war der sehr überraschende Freitod meines Bekannten David. Er war 26 Jahre alt. Ausgehend von diesem Ereignis habe ich mich immer wieder gefragt, was einen Menschen in so einer Situation retten könnte. Ich glaube, ein Perspektivwechsel ist da u.a. sehr entscheidend, und den bekommt man durch seine Mitmenschen und aber auch durchs Reisen. Eine Reise ist für mich immer auch eine Transformation und so wird sie in unserem Film als Perspektivwechsel der beiden Figuren beschrieben: Für Oskar als Hinwendung zum Leben und für Frieda als Entdeckung ihrer Verletzlichkeit.

Somit war klar: in dem Film gibt es zwei Figuren, die voneinander lernen und sich aneinander aufreiben sollen und eine Reise und Witze. Ich wollte eine Tragikomödie machen.

Das 60 Seiten-Drehbuch wurde dann während der Proben im Vorfeld bzw. während des Drehs noch durch Improvisationen, Momentaufnahmen und Vorschläge der Schauspieler angereichert.

Die beiden Protagonisten könnten nicht unterschiedlicher sein – an welchen Merkmalen hast Du die beiden Figuren entwickelt?

Frieda ist eine übersteigerte Form meiner eigenen Person. Besonders wichtig war mir ihre Unbekümmertheit, die Angstfreiheit und ihre manchmal mangelnde Sensibilität. Statt Oskar zu bemitleiden, zwingt sie ihn einfach dauernd zum Reagieren. Sie ist eine Provokateurin. Das finde ich eine interessante Eigenschaft.

Die Figur von Oskar ist wiederum – auch in übersteigerter Form – an meinen Kumpel David angelehnt. Der hat sich für Sozialphysik interessiert, war unglaublich sensibel und klug, allerdings auch sehr schüchtern und pessimistisch.

Ich finde es allgemein spannend, Filmcharaktere immer ein bißchen zu überziehen. Nichts ist langweiliger als ein „normaler“ Protagonist, der „normal“ handelt.

Wenn wir einmal bei den Figuren sind – die Darsteller sind wunderbar natürlich und sympathisch. Wie hast Du die beiden gefunden?

Für Anja Thiemann wollte ich einfach schon immer eine Rolle schreiben.Ich kenne sie schon länger, sie war an der Münchner Schauspielschule. Für mich war von Anfang an klar, dass sie die Frieda spielt. Ich bin großer Fan von ihr und verstehe nicht, warum sie nicht bereits weltberühmt ist.

Im Konstellation-Casting mit ca. 15 männlichen Schauspielern haben wir uns dann gemeinsam für Sebastian Urzendowsky als Oskar entschieden. Er bringt sehr viel Erfahrung mit und besitzt eine feinsinnige Art, zu spielen. Er ist nie drüber, sondern eher etwas zurück genommen. Das hat mir für die Rolle gefallen. Und sowohl Anja als auch ich wollten gern einmal mit ihm arbeiten.

Wie waren die Dreharbeiten so? Ich stelle es mir spannend vor in unterschiedlichen Ländern zu drehen – kamen so auch Kooperationen zustande?

Die Dreharbeiten waren sehr anstrengend. Wir hatten fünf Tage in München und für den Reiseteil von München nach Norwegen (bis auf Höhe Stavanger) nur 14 Tage Zeit. So mußten wir pro Tag ca. 250 km zurücklegen, unterwegs jeweils zwei passende Motive (Schauplätze) finden und zwei Szenen drehen. Das heißt, wir haben unterwegs spontan auf unsere Umgebung reagiert. Beispielsweise waren die Kühe im Wald nach der Sexszene ein Geschenk des Zufalls. Großartig war es zu sehen, wie sich Richtung Norden nach und nach die Landschaft verändert hat.

„Kooperationen“ mit Dänemark und Norwegen gab es im eigentlichen Sinne nicht.

Hast Du selbst schon mal Polarlichter gesehen?

Nein!

Erzähl mir mehr zu Deinen visuellen Konzept?

Wir haben dokumentarisch gedreht: frei, beweglich und spontan. Unsere Kamerafrau hatte keinen Assistenten und kein Beleuchterteam. Wir hatten das Konzept, sehr nah an den Hauptfiguren dranzubleiben und alle Vorkommnisse aus ihrer Perspektive zu erzählen.

Ich mochte auch sehr die akustische Untermalung. Kannst Du mir mehr darüber erzählen?

Der Filmmusiker Lion Bischof ist eigentlich Dokumentarfilmregisseur. Er spielt allerdings auch wundervoll E-Gitarre. Ich habe ihn gebeten, etwas im Stil von Neil Youngs „Dead Man“-Filmmusik zu machen. Es sollte genauso geheimnisvoll nur nicht so düster, sondern eher leichtfüßig sein. Es ist seine erste Filmmusik.

Kannst Du mir etwas mehr von Dir erzählen? Wie kam es zu Deiner Filmliebe?

Ich habe in meiner Jugend am „Piccolo-Theater“ in Cottbus 2001 bis 2005 geschauspielert. Außerdem habe ich immer gern geschrieben, musiziert, fotografiert. Beim Film kommen alle interessanten Künste zusammen und das hat mir gefallen. Zusammen mit einer Jugendfreundin aus dem piccolo Theater, Stefanie Jaehde, habe ich meine ersten Kurzfilme gedreht. Sie hat „Lass uns abhauen“ auch geschnitten.

Wie ist es, nach Kurzfilmen einen Langfilm auf die Beine zu stellen?

Der erste Langfilm war zeitlich und finanziell eine große Herausforderung. Ich hatte sehr viel Glück mit meinem abenteuerlustigen Team, mit dem Wetter, den Zufällen und der Nachwuchsförderung, die wir beim FilmFernsehFonds Bayern bekommen haben. Die eigentliche Arbeit bleibt jedoch die gleiche wie beim Kurzfilm.

Wie wird es bei Dir weitergehen?

Ich schreibe an meinem zweiten Spielfilm, der bereits die Drehbuchförderung vom FFF Bayern [Anm. d. Red.: FilmFernsehFonds Bayern] bekommen hat. Es wird wieder eine Tragikomödie (Arbeitstitel „Eat the Poor“), in der eine Griechin auf eine deutsche Spießerfamilie trifft. Es soll auf einer griechischen Insel spielen und wird ein Kammerspiel vor dem Hintergrund der Finanzkrise.

Die Fragen stelle Doreen Matthei

Lies auch die Rezension des Films „Lass uns abhauen“.

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