Fünf Fragen an Frederic Kau

Regisseur Frederic Kau

Interview: Im Gespräch mit dem deutschen Filmemacher Frederic Kau erzählt er uns mehr über die Entstehung seines Kurzfilms „Rubberneck“, von dem absichtlichen Spiel mit den Erwartungen und wie die Zuschauer darauf reagiert haben.

Der Kurzfilm „Rubberneck“ spielt hervorragend mit den Erwartungen der Zuschauer. Wie kamst Du auf die Idee dazu?

Es freut mich sehr zu hören, dass Ihnen das Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer gefallen hat. Die Idee die Geschichte nicht-linear zu erzählen, also den Zuschauer erst mit dem Ende des Films zu konfrontieren und ihn dazu zu zwingen erste (falsche) Schlüsse zu ziehen, ist uns erst im Laufe des Schreibens gekommen. Am Anfang war der Film nämlich noch chronologisch aufgesetzt. Während der Ausarbeitung des Drehbuchs, kam uns dann der Gedankenblitz, dass man durch eine nicht-linear Struktur und einer Verschiebung von Opfer und Täter im Laufe des Films mit den Vorurteilen der Zuschauer spielen kann. Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, dass wir uns für diese Erzählstruktur entschieden haben.

Du erzählst damit eine andere Art Flüchtlingsgeschichte. Welche Botschaft liegt Dir dabei besonders am Herzen?

Mit dem Film möchten wir in erster Linie Fragen aufwerfen. Für mich hat der Zwischenfall am Kölner Hauptbahnhof zur Neujahrsfeier 2015/2016 einen Umschwung in der öffentlichen Wahrnehmung von jungen Flüchtlingen bewirkt. Das Risiko sexueller Übergriffe wird seitdem von vielen Deutschen anders bewertet. Mit dieser unglücklichen Entwicklung wollten wir uns auseinandersetzen.

Deine drei Hauptdarsteller sind großartig. Wie hast Du Therese Bradley, Mohamed Issa und Hadi Khanjanpour gefunden?

Regisseur Frederic Kau und Produzent Felix Sommer auf den 29. Bamberger Kurzfilmtagen

Das Casting war nicht ganz einfach, denn an vielen Stellen verlangte das Drehbuch ein sehr subtiles und nuanciertes Schauspiel. Daher ging es mir beim Casting aller Rollen, auch die der Polizisten, gespielt von Andreas Borcherding und Anton von Lucke, in erster Linie darum, dass die Schauspieler ein besonderes Feingefühl mitbringen. Mit diesem Vorhaben habe ich mich dann auf eine lange Suche begeben, unzählige Showreels angeschaut und irgendwann ganz klassisch Agenturen kontaktiert. Ich bin immer noch vollkommen begeistert darüber, dass meine erste Wahl für alle fünf Rollen zugesagt haben und ihre Rollen dann auch großartig ausgefüllt haben. Therese ist dafür extra aus Schottland nach München gekommen. Denn ohne das Talent, den großartigen Einsatz und das nuancierte Schauspiel aller fünf Darsteller wäre die Geschichte so wie wir sie uns vorgenommen hatten wahrscheinlich nicht zu erzählen gewesen.

Die Darstellung der Polizisten ist dabei recht interessant. Durch das nicht besonders überzeugendes Englisch und die Verwendung von Vorurteilen, kritisiert Du die staatliche Instanz, oder sehe ich das falsch?

Das siehst du ganz und gar nicht falsch. Aber uns war eine sehr dezente, subtile Kritik wichtig. Das ist auch der Grund warum wir die beiden Polizisten bewusst etwas unskizziert belassen haben, wir wollten eine simple gut versus böse Charakterisierung der Charaktere vermeiden. Erst ganz zum Schluss soll der Zuschauer etwas mehr Klarheit darüber gewinnen, was die Beiden antreibt bzw. wie sie zu dem Vorfall tatsächlich stehen.

Kannst Du mir mehr von den Dreharbeiten erzählen? Wie lange habt ihr gedreht und wie ist ein LKW als Hauptschauplatz?

Wir hatten insgesamt sieben Drehtage, zwei davon in und um den LKW. Mit einem Lkw zu drehen hätte den Rahmen dieser Studentenproduktion gesprengt, wäre da nicht die sehr großzügige Unterstützung durch die Spedition Sebastian Bauer aus Raubling in Oberbayern gewesen. Mit einem Lkw zu drehen war uns Studenten noch etwas fremd, hat allerdings auch sehr viel Spaß gemacht! Das Bild von dem Lkw-Führerhaus auf einem Tieflader hat unserer Produktion eine gewisse Größe verliehen, die wir alle sehr genossen haben. Dies hat dann auch noch zusätzlich zu der guten Stimmung und dem Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Crew beigetragen.

Die Bildsprache ist recht grau in grau. Kannst Du mir zu dem visuellen Konzept erzählen?

Grau in Grau trifft es ganz gut. Mit dieser bewussten Bildgestaltung wollten wir den Eindruck eines müden Europas vermitteln. Dass prompt das Wetter mitgespielt hat und uns viele graue Tage geboten hat, war entsprechend ein großartiger Zufall und eine gigantische Bereicherung fürs Bild.  

Am Schluss würde mich noch interessieren, wie das Publikum auf den Film reagiert hat. Konnten viele die Wendung vorhersehen?

Also die meisten Zuschauer sahen die Wendung nicht vorher, was uns selbstverständlich freut. Im Allgemeinen, waren Reaktionen des Publikums sehr positiv und wir konnten viele sehr interessante Diskussionen mit unseren Zuschauern führen. Natürlich gab es auch kritische Stimmen, die mit der Aussage unseres Films vielleicht nicht ganz einer Meinung sind. Aber auch über dieses Feedback haben wir uns sehr gefreut, denn es zeigt, dass der Film zum Nachdenken angeregt hat.     

Wie wird es bei Dir weitergehen? Du hast Deinen Master bereits an der Londoner Film School gemacht. Wird jetzt ein Langfilm folgen?

Genau, ich bin jetzt aus London wieder nach München gezogen und probiere hier jetzt erstmal Fuß zu fassen. Bevor ich zu einem Langfilm komme, möchte ich noch ein zwei weitere Kurzfilme machen, einfach um mein Handwerk noch weiter zu schleifen. Entsprechend haben wir uns jetzt auch um Fördergelder für ein weiteren Kurzfilm beworben, den wir hoffentlich diesen Sommer drehen können.   

Die Fragen stellte Doreen Matthei.

Lies auch die Rezension zum Kurzfilm „Rubberneck

 

3 Gedanken zu “Fünf Fragen an Frederic Kau

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